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«Europa ist ein Gefängnis», behauptet ein Bürgermeister im Var

PROVENCE

Der Rathauschef des provenzalischen Ortes Le Luc mit deutsch-französischer Heeresflieger-Ausbildungsstätte ist einer von elf Front-National-Bürgermeistern in Frankreich. RZ-Autor Norbert Breuer-Pyroth hat sich in dem Städtchen umgehört.

Das provenzalische Städtchen Le Luc liegt zwar kaum eine Autostunde Berg- und Talbahn vom glamourösen Saint-Tropez entfernt. Doch hat es mit diesem allenfalls die traumhafte Natur und das beständig gute Wetter gemeinsam. Seit der Bauxitabbau aus dem roten Boden eingestellt wurde, ist es nämlich eher trist geworden in Le Luc – ehedem eine gedeihliche Arbeiterstadt, deren Einwohnerschaft von 1954 bis heute von 3000 auf 10 000 gewachsen ist.

Viele Geschäfte stehen leer, andere sind renovierungsbedürftig, die kleinen Händler klagen, leiden. Doch der Ort wirkt durchaus sauber und namentlich in den Außenvierteln auffallend gepflegt. Die Menschen sind freundlich zu Fremden. Immerhin: Das 2003 in Dienst gestellte Deutsch-Französische Heeresfliegerausbildungszentrum Tiger auf dem Flugplatz von Le Luc dient deutschen und französischen Heeresfliegern als zentrale Ausbildungsstätte fliegender Besatzungen. Und: Der Ort schlägt sich trotz der Widrigkeiten vergleichsweise wacker; die Schuldenlast pro Einwohner liegt seit vielen Jahren unter dem französischen Schnitt.

Auf dem freitäglichen, zwar überschaubaren, doch lebendigen Wochenmarkt mit Gemüse, Blumen, Hähnchenbraterei geht es gutnachbarlich zu. Man flaniert, sitzt im sonnigen Freien, ist hier unter sich.

Vom infernalen Lärm der von Jugendlichen halsbrecherisch und unduldsam pilotierten, frisierten Scooter (kleinere motorgetriebene Zweiräder – sie stellen nur fünf Prozent der Fahrzeuge im Departement Var, aber 40 Prozent der Verkehrstoten) einmal abgesehen, geht es gemütvoll zu. Die Touristen, die im nahegelegenen, malerischen Lorgues den riesigen Wochenmarkt zu Tausenden bevölkern, verschlägt es indes nicht nach Le Luc.

Seit März 2016 trägt Pascal Verrelle die trikolore Bürgermeisterkette mit Kordeln – eine von elf des Front National (FN) in ganz Frankreich; allein drei davon im dortigen Departement Var, die anderen beiden in Fréjus (53 500 Einwohner) und Cogolin (12 500). Mit seinen zwei Amtskollegen im Var pflegt Verrelle engen Kontakt.

Der frühere Soldat und Justizvollzugsanstaltsdirektor, über den schon die New York Times berichtete und der dieser sagte: «Wir sind gegen unseren Willen in Europa. Es ist ein Gefängnis. Es ist keine dauerhafte Lösung», ist spätestens frankreichweit bekannt, seitdem er den Film «Chez nous» des Belgiers Lucas Belvaux aus dem Programm des städtischen Kinos gestrichen hat. Das Werk schildert (anonymisiert) kritisch den Aufstieg des FN in Nordfrankreich. Landesweit heftige Reaktionen unter dem Tenor «Zensur» waren die Folge, das Pariser Ministerium schaltete sich gar ein und erteilte ihm ohne Anhörung eine Rüge. Bürgermeister Verrelle dazu: «Wir finanzieren schließlich das Kino. Da werde ich den Leuten doch nicht noch den Stock reichen, um mich zu schlagen!»

Verrelle folgte auf seine Amtsvorgängerin Patricia Zirilli (FN), die «wegen des Drucks einer Mannschaft, der es nicht gelingt, vorausschauend zu denken und die mir vorwirft, nicht genügend FN zu sein» demissionierte. Schon ihr FN-Vorgänger Philippe de la Grange war zurückgetreten, dieser allerdings aus ernsten gesundheitlichen Gründen.

Am Marktplatz von Le Luc äußert ein Pensionär: «Nein, er sei nicht mit Verrelle zufrieden. Der rede jedem nach dem Munde, sage allen alles zu. Der sei kein Politiker, sondern nur ein Gefängniswärter. Er selbst jedenfalls wähle En marche!

Ein Herr in blauem Hemd ist anderer Meinung (er trägt eine schwarze Zigarettenpackung mit Ekelbildern nebst todkündenden Warnungen in der Hand; solche mit Markenemblem sind in Frankreich seit längerem strikt verboten): «Er ist nicht unangenehm. Ja, ich bin zufrieden mit ihm. Er macht gute Arbeit.»

Ein älterer Marokkaner – hörbar stolz darauf, Bürger Frankreichs geworden zu sein – wägt seine Worte: «Also ich wähle nicht den FN, aber ich finde den Bürgermeister sehr freundlich.» Der gebe ihm die Hand, der übersehe ihn nicht. Der sozialistische Bürgermeister Raufast (im Amt von 2008 bis 2014) hingegen, ein Arzt, sei arrogant aufgetreten, der habe fast alle übersehen, nachdem er gewählt war. Sein unergründlich lächelnder Begleiter hört zu, bleibt aber stumm, trotz Nachfrage. 

Eine 60-jährige Dame am Kleiderstand auf dem sonnigen Krammarkt: «Ich wohne erst seit einem halben Jahr in Le Luc. Monsieur Verrelle habe ich daher bloß auf zwei Sitzungen gesehen. Er strahlt jedenfalls viel Tatkraft aus, hat ein angenehmes Auftreten. Ziehen Sie auch hierher, es ist schön hier!» lacht sie und hält sich ein Kostüm vor.

Abdallah Boujet betreibt einen Kebap-Imbiß. Auch der Bürgermeister komme gern, mit seinen Kindern, erzählte er dem Deutschlandfunk, der jüngst zu Gast war: «Wir haben einen super sympathischen Bürgermeister, der zu den Geschäftsleuten kommt, mit ihnen diskutiert und sich ihre Sorgen anhört. Das ist ein Bürgermeister zum Anfassen. Ich spreche jetzt über die Person und nicht über die Partei.» Er wähle lokal FN, wegen des Bürgermeisters. National komme das für ihn nicht in Frage – er sei ja nicht verrückt …

Vor dem Rathaus – im Eingang hängt ein staatliches Plakat zum Gesetz vom Oktober 2010, demzufolge man im öffentlichen Raum keine Gesichtsbedeckung tragen dürfe – steht im roten Hemd Jean-Marie Bernardi vom kommunistischen Front de Gauche. Er verteilt Flugblätter, auf denen zu lesen steht, dass man nicht Politiker sei, keine Karrierepläne habe, man aus der Arbeitswelt stamme und es um politische Ethik gehe. Er erklärt höflich und geduldig seine Positionen. Ja, die Probleme seien schon vor dem FN dagewesen. Aber sie, die Linken, hätten immerhin einen «generellen Plan». Vor den Bürgern in Le Luc fand dieser dann jedoch keine Gnade: Bei den Parlamentswahlen am 11. Juni konnte er nur kärgliche 3,3 Prozent erzielen. Der FN siegte mit 33,78 Prozent vor der Kandidatin Macrons (28,9); im zweiten Wahlgang erzielte der FN 52,22 Prozent zu 47,78 der Macronisten.

Dann schreitet Monsieur le Maire aus dem Rathausportal. Groß, dunkle Jacke, goldgelbe Krawatte, blaue Jeans. Unter der Europafahne muss er nicht mehr einhergehen – selbige wurde nämlich als erstes entfernt, als 2014 der FN das Zepter in Le Luc übernahm. Er wirkt aufgeräumt, gelassen. Jovial gibt er vielen die Hand, er geht zu ihnen, noch mehr kommen zu ihm.
Als er hört, dass wir aus Deutschland kommen, wird er sogleich geradezu leutselig. Kürzlich sei der Deutschlandfunk aus Köln dagewesen; dieser habe sich ihm gegenüber fair und höflich gezeigt, konzediert er. Er erklärt, teils in präsentablem Deutsch, dass er 1972 in Kaiserslautern Soldat gewesen sei. Da habe er immer noch Freunde, überall in Deutschland habe er welche, sehr viele sogar. Zum Belege singt er für uns mitten im Markttrubel lauthals, inbrünstig, fehlerlos: «Wir sind die Tramps, Tramps, Tramps vun de Palz, uns steht es Wasser immer bis zum Hals», gleich mehrfach. Die Passanten kümmert es nicht.

Dann wird er politisch: «Mit den Linken des Monsieur Bernardi ist keine Zusammenarbeit möglich. Die sind gegen alles. Dauernd bloß Petitionen. Man kommt sich fast vor wie vor einem Tribunal.» Mit den anderen Parteien von rechts und links könne man im Stadtrat hingegen ganz normal zusammenarbeiten. Und fährt fort: Ja, die Geschäfte innerorts seien leer. Das sei aber schon vordem so gewesen. Leclerc und Lidl auf der grünen Wiese machten es den kleinen Kaufleuten im Zentrum auch wirklich schwer. Jedenfalls stehe sein Bürgermeisteramt offen, für Jede und Jeden, es gebe «keine Leichen im Schrank». Seine Leute arbeiteten förmlich rund um die Uhr.

Auch in den kleinsten provinziellen Niederungen der Provence wird es – nahe der mondänen Côte d’Azur – oftmals weltläufig: Hollywood-Größe Pamela Anderson («Baywatch», «Playboy») protestierte jetzt in Le Luc mit 150 Tierschützern vehement gegen einen Auftritt des Zirkus Muller, und zwar wegen dessen Löwen und Tigern, welche Verhaltensstörungen davontragen könnten, wie sie mittels tierärztlicher Gutachten dartaten.

Bürgermeister Verrelle warf sich dazwischen und verhängte ein vorläufiges Auftrittsverbot. Der Zirkus könne nichtsdestoweniger, so ließ er wissen, durchaus auftreten – jedoch nur ohne wilde Tiere. Außerdem habe ihn just, es sei ihm eine Ehre, Brigitte Bardot aus Saint-Tropez angerufen und ihm ihre «totale Unterstützung» zugesagt. Woraufhin die Zirkusleute gedroht haben sollen, «die Löwen in der Stadt los und Blut fließen zu lassen». Seine Mitarbeiter bat Verrelle in diesem Kontext, den Zirkusauftritten nicht beizuwohnen.

Wie die Bürger, die Lucois, auf ihn reagieren, fragten wir: «Na ja, beim ersten Mal seien die Leute schon ängstlich gewesen. Doch wenn jetzt Wahlen wären, dann würde man mich gewiss wiederwählen», sagt er im Brustton der Überzeugung.
Und generell meint er zum Abschied: Die EU sei nicht gerecht; sie sei freilich annehmbar, wenn es sich um ein «Europa der Vaterländer» handele. Gut Freund solle man sein.

Am französischen Nationalfeiertag 2017 lud Monsieur le Maire denn auch folgerichtig nicht nur die in Le Luc stationierten französischen Soldaten, sondern selbstverständlich auch deren deutsche Kameraden mit Oberstleutnant Rainer Lüttge an der Spitze zu einem feierlichen Appel mit anschließendem großen Buffet in die Gärten seines Bürgermeisteramtes. Wo es, wie der Bürgermeister verlautbaren ließ, «entspannt und gesellig» hergegangen sein soll.