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„Prinzessin Jasmin“ in Grasse: Zukunft für einen außergewöhnlichen Duft

CÔTE D’AZUR

Vom Glück eines jungen Paares und eines ganzen Landstrichs: Wie es Grasse und seinem Umland gelingt, sein einzigartiges Kulturerbe am Leben zu erhalten.

Die Freude in ihren Gesichtern ist an diesem Herbstmorgen ansteckend. Maurin Pisani (34) und seine Lebensgefährtin Anne Caluzio (32) haben Persönlichkeiten aus der gesamten Region zu Gast, um mit ihnen die Eröffnung ihrer Domaine de la Colle Blanche zu feiern. Hier, auf knapp einem Hektar Land mit Blick über die Ebene von Grasse, bauen die beiden jungen Leute in Zukunft Jasmin an. Der Duft der Blüten wandert anschließend in Dior-Parfüme.

Was so logisch und für diese Gegend zwingend klingt, ist in Wahrheit ein kleines Wunder. Nur mit großer finanzieller Unterstützung und langem Atem sind Maurin und Anne am vorläufigen Ziel ihrer Träume angelangt. Denn als junge Menschen an der Côte d’Azur an eine ausreichend große Fläche Land zu gelangen, die die Produktion des kostbaren Rohstoffs rentabel macht, ist fast undenkbar. Andererseits braucht es couragierte Leute, die an das Fortbestehen einer Branche glauben, die die Stadt einst groß gemacht hat.

Die beiden Nachwuchs-Landwirte haben ihr Glück vor allem einer Begegnung zu verdanken. Vor sechs Jahren, erzählt uns Maurin Pisani, hätten er und seine Freundin, die eigentlich im Finanzwesen arbeitete, begonnen, regelmäßig als Saisonarbeiter bei Carole Biancalana anzuheuern. Auf deren Domaine de Manon, die sie in vierter Generation ein paar Kilometer weiter – ebenfalls im Grasser Stadtteil Plascassier – betreibt, wird Jasmin angebaut. Neben der Tuberose und der Centifolia-Rose gilt Jasmin als die Blume von Grasse. Voller Begeisterung ließen sich Anne und Maurin von Carole in die Geheimnisse einweihen, die den Anbau der eigensinnigen Duftpflanze erst möglich machen.

Initiative zur Rettung von Parfüm-Pflanzen

„Irgendwann habe ich die Zwei dann gefragt: Wollt ihr nicht selbst Jasmin anbauen?“, sagt uns Carole. Die engagierte Blütenspezialistin hat 2006 die Association Fleurs d’exception du Pays de Grasse gegründet. „Ich hatte Angst, dass unser Metier verloren geht, dass all das Wissen sich verliert“, erklärt sie. „Damals gab es kaum noch Parfümpflanzen in der Gegend; Bauern wie wir waren kurz vor dem kompletten Verschwinden. Mir war klar: Wenn wir was bewegen und große Namen anlocken wollten, würde das nur gehen, indem wir unsere Kräfte bündeln und zusammen arbeiten.“

Der Erfolg ihrer Initiative gibt ihr Recht. Mit den Häusern Dior und Vuitton haben sich vor rund fünf Jahren Weltmarken mitten in der Parfümstadt angesiedelt.

Diors Parfümeur François Demachy, gebürtiger Grassois, ist an diesem Morgen ebenfalls in den Hügeln schräg gegenüber der Altstadt zu Gast. Er, die Nase Demachy, hat Maurin und Anne bei seinen regelmäßigen Besuchen auf den Feldern von Carole kennen und schätzen gelernt und ihnen unterdessen vertraglich zugesichert, ihnen sämtliche Erträge ihrer Jasmin-Ernte abzunehmen. Der Duft, der daraus unweit entfernt in lokalen Laboratorien hergestellt wird, wandert vor allem in zwei Parfüms, wie er uns verrät: in Miss Dior und das neue große Parfüm der Marke, Joy.

Nachdem Dior vor vier Jahren signalisiert hatte, es habe Bedarf an mehr Jasminblüten aus Grasse, hätten sich Maurin und seine Freundin wenig später auf die Suche nach einem Terrain gemacht. „Vergeblich“, erinnert sich Marin, „es war schlichtweg zu teuer.“

Ende vergangenen Jahres dann seien sie auf das brach liegende Gelände in den Hängen über Grasse-Le-Plan – der Ebene, wo Duftstoff-Fabrikant neben Duftstoff-Fabrikant sitzt – gestoßen.

Banken winken bei Vorhaben wie dem der jungen künftigen Landwirte in der Regel direkt ab. Vom Projekt der Jungbauern überzeugt zeigte sich jedoch die Gesellschaft SAFER PACA (Société d’Aménagement Foncier et d’Etablissement Rural der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur). Dabei handelt es sich um eine Art gemeinnützigen Helfer für den Erwerb landwirtschaftlichen Grundbesitzes, der seine Projekte durch den Verkauf von Gesellschaftsanteilen an Kommunen, aber auch an Privatunternehmen finanziert.

Größter Jasmin-Anbau

Dank am Ende williger Akteure auf allen Seiten herrschen die beiden passionierten Jasminzüchter heute über fast ein Hektar Land. Auf etwa einem Drittel der Fläche stehen schon jetzt die kleinen Jasminstöcke; die übrige Fläche wird im kommenden Frühjahr bepflanzt. Ab Juli schließlich werden Anne und Maurin am Rande von Grasse Blüten in großem Stil ernten und dann eine, wenn nicht die größte Jasmin-Anbaufläche der Region verantworten.

Keine Frage, auf die Zwei kommt jede Menge Arbeit zu. „Jasmin ist für mich die Prinzessin der Duftpflanzen“, sagt Carole. „Prinzessin nenne ich sie, weil sie so sensibel ist. Sie mag keinen Wind und keinen Frost, mag es weder zu trocken, noch zu nass. Gleichzeitig ist sie aber absolut außergewöhnlich, sie ist voller Duft und ebenso großzügig wie anspruchsvoll – einfach eine unvergleichliche Pflanze!“

Maurin und Anne wissen, dass die Zukunft kein Spaziergang wird. Jasmin blüht drei bis vier Monate lang – das ist toll für den Ertrag, bedeutet aber auch, dass sie drei bis vier Monate lang sieben Tage die Woche 20 bis 25 Saisonkräfte anstellen müssen, um die reifen Blüten abzupflücken. Ab November, wenn es sich ausgeblüht hat, gilt es dann, den Boden und die Pflanzen für die nächste Saison vorzubereiten.

Die beiden blicken dennoch voller Optimismus nach vorn. Sie wissen um die vielen Helfer in ihrem Rücken und fühlen sich vorläufig „wie im siebten Himmel“, wie Maurin schwärmt. Jeder, der sie an diesem Tag erlebt hat, glaubt ihnen das aufs Wort.

Aila Stöckmann

 

Duftpflanzen in Grasse
Die Stadt Grasse hat ihren Flächennutzungsplan jüngst angepasst, um dem Anbau von Duftpflanzen, aber auch anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen vor Ort eine Zukunft zu geben. Derzeit verfügt Grasse über 187 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche. Diese Fläche wird nun um 72 Hektar, die bislang als zones urbaines galten, sowie um 700 Hektar zones naturelles ergänzt.