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5. Dezember 1914: Apollinaire meldet sich in Nizza zur Waffe

KULTUR

Von der allgemeinen Kampflust zu Beginn der Ersten Weltkriegs (Grande Guerre) angesteckt, meldet sich am 5. Dezember 1914 in Nizza ein Heißsporn, der seinen 33. Geburtstag bereits hinter sich hat, freiwillig zu den Waffen. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass der Patriot Wilhelmus Albertus Wlodzimierz Apollinary de Kostrowitsky bald unter seinem Pseudonym Guillaume Apollinaire als einer der bedeutendsten französischen Dichter des frühen 20. Jahrhunderts in die Literaturgeschichte eingehen wird. Vor 100 Jahren ist der Poet gestorben.

Seine militärische Laufbahn beginnt mit einer Niederlage: Beim ersten Versuch, französischer Soldat zu werden, wird er als Ausländer abgewiesen. Tatsächlich ist er Enkel eines emigrierten polnischen Kleinadligen mit russischer Staatsangehörigkeit, der beim Vatikan in Rom gearbeitet und eine Italienerin geheiratet hat. Folglich stellt er unter neuem Namen – eben Guillaume Apollinaire – einen Einbürgerungsantrag und hat diesmal Erfolg.

Seine alleinerziehende Mutter ist Langzeitgeliebte eines blaublütigen ehemaligen Offiziers des aufgelösten Königsreichs Neapel, der als sein Vater gilt. Die Kindheit verlebt er in Rom, wo er zur Schule geht. Als ihr hochwohlgeborener Liebhaber das Verhältnis auf Druck seiner Familie beendet, zieht die Mutter mit ihm und seinem Bruder Roberto 1887 nach Monaco. Dort kümmert sich ein Geistlicher und Onkel väterlicherseits um die beiden Jungen. Guillaume besucht Gymnasien in Cannes (Stanislas) und Nizza (Masséna). Das Abitur macht er jedoch nicht.

Erste Schreibversuche mit 18

1898 unternimmt er erste Schreibversuche. Die Mutter hat inzwischen einen neuen Lebensgefährten, der 1899 mit ihr und den Brüdern nach Paris geht. Guillaumes erste Erzählungen entstehen in Belgien, wo er während der Familienferien für eine wallonische Gastwirtstochter in Flammen steht.

In Paris hält er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs über Wasser, verdient sich als "nègre" (Ghostwriter) ein paar Francs. Dazu übernimmt er literarische Auftragsarbeiten, auch pornografische. 1901 arbeitet er ein Jahr lang im Rheinland, wo er in der Nähe von Honnef der Tochter einer betuchten Deutschen Französischunterricht erteilt. Der Aufenthalt inspiriert ihn zu einer Reihe zumeist melancholischer Gedichte, die später teilweise in sein Hauptwerk, die Sammlung "Alcools", eingehen. 1902 sieht er auch Berlin und Dresden, Wien und Prag. Was er erfährt und fühlt, setzt er mal in Gedichte und Erzählungen, mal in Reiseberichte für Zeitungen um.

1905 gelangt Apollinaire durch seine neuen Freunde Pablo Picasso und Max Jacob ins Milieu der Pariser Avantgardemaler. Mit Marie Laurencin geht er eine stürmische Liebesbeziehung ein. Sein Buch "L’hérésiarque" wird für den Prix Goncourt nominiert.

Zu den Bewunderern Apollinaires, der in jungen Jahre der symbolistischen Poesie anhing, gehören Breton, Aragon und Soupault, die später nach dem von ihm geprägten Begriff die literarische Gruppe der Surrealisten bilden.

Des Raubs der "Mona Lisa" verdächtigt

1911 wird der Schriftsteller mit Picasso in eine unangenehme Angelegenheit verwickelt. Die beiden gehören zum Kreis der Verdächtigen, die das bekannteste Gemälde des Museums aus dem Louvre, die "Mona Lisa", gestohlen haben sollen. Nach langem Hin und Her entpuppt sich letztlich ein Bildeinrahmer des Museums als Täter.

1914 also will Apollinaire Soldat werden. Sein Leben in Uniform beginnt sogleich mit einem amourösen "Zweifronten-Krieg". Kaum im Drillich, wird der Volontaire von Nizza zum 38. Infanterieregiment nach Nîmes versetzt, wo er einen Offizierslehrgang besuchen soll. Am 1. Januar 1915 lernt auf seiner ersten Dienstreise im Zug Richtung Marseille die junge Literaturlehrerin Madeleine Pagès kennen. Er verknallt sich Hals über Kopf in die Algerien-Französin, und obwohl die Begegnung nur flüchtig war, überzieht er sie fortan an mit Liebestraktaten. Problem nur, dass er in Nizza bereits eine feste Freundin hat – Louise de Coligny-Châtillon ("Lou"), die später dadurch berühmt wird, dass er auch sie fortgesetzt mit steinerweichenden Oden beglückte.

Sie vereine in sich die "Sinnlichkeit einer Bacchantin mit der Geisteskraft einer Vittoria Colonna und der mystischen Glut einer heiligen Therese", schwelgt der vor Leidenschaft lodernde Lyriker Madeleine in einem Brief nach Oran. Und die schöne Unbekannte lässt sich auf sein Werben ein. Über anderthalb Jahre formt er sie in schwülstig-theatralischen Worten (auf Deutsch veröffentlicht 1962 im Starnberger Josef Keller Verlag) zu seinem erotischen Idealbild. Die von übermäßiger Sinnlichkeit und Sehnsucht bestimmten Episteln des Landsers werden von Poemen oder literarischen Hinweisen unterbrochen und schaukeln sich schließlich zu einer schriftlichen Fernverlobung hoch.

Wiewohl jedoch Madeleine ihrem Briefbräutigam intime Detailfragen über Seele und Körper beantwortet und Apollinaire jene Details postwendend hymnisch preist, kühlt das Verhältnis nach dem ersten Besuch des Dichters bei der Angebeteten im Sommer 1915 schon merklich ab. Bei einer Visite ihrer Familie zu Silvester 1915/16 wird das Eheversprechen zwar persönlich erneuert. Im letzten veröffentlichten Brief vom September 1916 aber verlangt der mittlerweile an einer Schädelverwundung laborierende Frontkämpfer – inzwischen Leutnant bei der Artillerie – von seiner platonischen Liebe Bücher, Aufzeichnungen und Bilder zurück. Ende des Jahres macht Apollinaire endgültig Schluss. Begründung: Seine Fronterlebnisse hätten ihn zu sehr verändert. Madeleine wird Lehrerin am Lycée Calmette in Nizza.

Kriegsverherrlicher wird von Granatsplitter getroffen

Apollinaires Kampfmoral wird durch die beiden Affären nicht geschmälert. Mit Worten wie "Ah, Dieu que la guerre est jolie!" ("Gott, wie schön der Krieg doch ist!") verherrlicht er den Krieg. Zunächst noch dichtend in der Etappe, kämpft er bald heldenhaft in vorderster Linie, wird für Tapferkeit dekoriert. Im November aber hat er von Dreck und Elend der Schützengräben die Nase voll. Im März 1916 wird er – wie erwähnt – von einem Granatsplitter an der Schläfe getroffen und in verschiedenen Lazaretten operiert. Bald aber ist er wieder voll da und genießt seinen Genesungsurlaub in Paris, ist hoch kreativ. Picasso malt ihn mit bandagiertem Schädel ("L’homme à la Tête bandée").

Apollinaire beendet auch seine Gedichtsammlung "Calligrammes" und den Erzählband ("Le Poète assassiné"). Er schreibt das surrealistische Stück "Les mamelles de Tirésias", das Francis Poulenc später zur Oper verarbeitet. Im Febaur 1917 verfasst er den Roman "La femme assise". Dann muss er zurück zur Fahne, darf aber in Paris bleiben, tut Dienst in der Zensurabteilung des Kriegsministeriums. Zusammen mit Max Jacob und Pierre Reverdy gründet er eine Avantgarde-Zeitschrift.

Da erkrankt er plötzlich schwer. Von einer heftigen Lungenentzündung geschwächt, wird der erst 38-Jährige wenige Monate später von der in Europa grassierenden Spanischen Grippe dahingerafft.

Apollinaires pornogafischer Roman "Die 11 000 Ruten" – bis 1970 in Frankreich verboten – wird 1971 in Deutschland als jugendgefährdend indiziert. Erst 2010 hebt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Entscheidung auf, weil das Buch zum europäischen Literaturerbe gehöre.

Rolf Liffers