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Dienstältester Modezar: Kunstpalast zeigt Klassiker von Pierre Cardin

KUNST

Der weltberühmte Couturier und Designer Pierre Cardin gilt auch als Meister der Vermarktung. Nicht nur der Vermarktung seiner Kreationen. Der Pionier der Prêt-à-porter-Mode, der in Théoule-sur-Mer bei Cannes den extravaganten "Palais des Bulles" bewohnt, ist zugleich ein sehr erfolgreicher Finanzmakler. Der Düsseldorfer Kunstpalast widmet dem gelernten Modezeichner ab dem 19. September (bis 5. Januar 2020) die erste umfangreiche Präsentation in Deutschland.

Mehr als 80 Outfits und Accessoires sowie Fotos und Filmmaterial werden in der Ausstellung "Fashion Futurist" zu sehen sein und bieten Einblicke bieten in Cardins "kreativen Kosmos", schreibt Pressesprecherin Marina Schuster in der Vorschau. Der Schwerpunkt der Ausstellung liege auf den 1960er- und 1970er-Jahren, in denen Cardin die Modeszene mit avantgardistischen Entwürfen für beide Geschlechter revolutionierte.

Cardins geometrische Formensprache ist bis heute unverwechselbar. Er etablierte sich mit provokativen, futuristischen Kollektionen, die vor allem durch Körperbetonung und Jugendlichkeit herausstechen. Unter Verwendung neuer Materialien wie Plastik und Vinyl entwarf der inzwischen 97-jährige gebürtige Italiener eine Mode, die mit ihren knalligen Farben und gewagten Schnitten ein neues, befreites Lebensgefühl ausdrückt.

Die Bandbreite der in Düsseldorf präsentierten Haute-Couture-Modelle reicht vom jungen, androgynen Look über seine futuristische Space Age Kollektion bis zur traumverlorenen Eleganz seiner Abendmode.

1981 erwarb der überaus geschäftstüchtige Cardin, der unterdessen auf dem Unterwäschesektor auch mit Discountern wie Lidl zusammenarbeitet, das Pariser Nobelrestaurant Maxim’s und ließ es renovieren. Später eröffnete er Dependancen unter anderem in Monte-Carlo, Brüssel, Genf, Peking, Shanghai, Tokio, Moskau und New York.

Im Mai 2001 kaufte der Weinhändlersohn aus dem Treviso das Schloss des Marquis de Sade im südfranzösischen Dörfchen Lacoste. Er ließ die verfallene Burgruine wieder aufbauen, um dort Konzerte und Musikfestivals anzubieten, und erwarb eine Reihe weiterer Häuser im Ort. Cardin möchte den kleinen Ort zu einem "Saint-Tropez der Kultur" machen, wie er einmal sagte. In Lacoste regt sich dagegen Widerstand. Einwohner halten ihm trotz seiner Investitionen von 22 Millionen Euro vor, ein „rücksichtsloser Immobilienhai“ zu sein und wie ein „feudaler Großgrundbesitzer“ aufzutreten. Cardin fühlt sich in seinem kulturellen Engagement missverstanden.

Bereits 2007 verfügte er über 800 Firmen in 180 Ländern mit rund 200.000 Mitarbeitern, 850 Lizenzen, 18 Restaurants und vier Theaterhäuser (Théâtre des Ambassadeurs). Weiterhin zählen zu seinem Firmenkonglomerat Hotels, Medien, Schlösser und Schiffe. Bemerkenswert am Unternehmen Cardin ist unter anderem, dass es keiner Holdinggesellschaft angehört und auch nie Anteile des Unternehmens verkauft wurden.

Pierre Cardin lebt heute in Théoule-sur-Mer, einem Küstenort bei Cannes, im «Palais Bulles», einem ungewöhnlichen Haus nach Entwürfen des ungarischen Architekten Antti Lovag, das er 1991 erwarb und jetzt, vermutlich altersbedingt, wieder verkaufen möchte – zu einem astronomischen Preis, versteht sich. Die 25 Räume der "organischen" Anlage, die auch ein Amphitheater umfasst, sind kugelförmig (bulles = Blasen).

R. Liffers