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Festival de Cannes 2019 – Rückblick auf einen starken Jahrgang

KULTUR

Der Jahrgang 2019 gilt als ein guter: Viele starke Filme zu Themen von hoher Aktualität waren beim Filmfestival in Cannes zu sehen. Dass sich die Topstars der Branche auf der Leinwand rarmachten, hat den Werken nicht geschadet. Die Goldene Palme ging an die koreanische Kapitalismusparabel “Parasite” von Bong Joon-Ho. Wir stellen einige der Wettbewerbsbeiträge vor – im Kino zu sehen spätestens im Herbst.

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Terrence Malick: “A hidden Life”
Trotz guter Kritiken ging der neue Film des US-Amerikaners leer aus. Malick erzählt die Geschichte des vor einigen Jahren selig gesprochenen Österreichers Franz Jägerstätter, der seine Wehrdienstverweigerung unter den Nazis mit dem Leben bezahlte. Der Deutsche August Diehl ist in der Hauptrolle zu sehen, Valerie Pachner spielt seine Frau. Mit Tobias Moretti, Bruno Ganz in einer seiner letzten Rollen und Ulrich Matthes setzt sich die Riege der im deutschen Sprachraum renommierten Schauspieler fort.
Einen Cameo-Auftritt hat auch der scheidende Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. “Das war nicht meine beste Rolle, schließlich spiele ich einen Nazi”, sagte er der RZ in Cannes. “Aber für Terrence Malick habe ich es natürlich getan! Ich glaube, es ist ein Film, der genau in dieser Zeit heute wichtig ist.” Wenn es auch keinen Preis gab, so sei “A hidden life” weltweit verkauft worden - und das ist am Ende der eigentliche Sinn des Festivals.

Jessica Hausner: “Little Joe”
Zum vierten Mal bereits präsentierte die österreichische Regisseurin einen Film im Wettbewerb in Cannes - nach drei Einladungen in die renommierte Nebenreihe “Un certain regard” ging ihr Science-Fiction-Thriller “Little Joe” nun im Hauptwettbewerb um die Goldene Palme ins Rennen.
Der in Englisch gedrehte neue Film von Jessica Hausner erzählt in grellen Bildern von Alice, einer alleinerziehenden Wissenschaftlerin im Bereich der grünen Gentechnik. Sie experimentiert mit der Zucht einer Pflanze, die angeblich glücklich macht – allerdings bald gefährlich wird. Alice-Darstellerin Emily Beecham erhielt den Preis als beste Schauspielerin.
Die 46-jährige Hausner war eine von vier Regisseurinnen im Rennen um die Goldene Palme. Das Organisationskomitee der Festivals hatte sich zur Aufgabe gemacht, verstärkt weibliche Filmschaffende zu berücksichtigen. Zumindest im Hauptwettbewerb ist da noch Luft nach oben: Insgesamt konkurrierten 21 Filmemacher/innen um den Hauptpreis.

Céline Sciamma: “Portrait de la jeune fille en feu”
Selten ruhig geht es in dem zweistündigen Werk der Französin Céline Sciamma zu, und das ist eine der Stärken des Films. In diskreten Nahaufnahmen der beiden Hauptdarstellerinnen, unterbrochen von gelegentlichen pompösen Naturbildern aus der Normandie, erzählt sie die Geschichte von Marianne und Héloise im Frankreich des Jahres 1770.
Die junge Marianne ist Malerin wie ihr Vater, nur dass sie es als Frau ungleich schwerer hat in dem Job - schon allein, weil ihr das Malen männlicher Akte untersagt ist und ihr damit wichtige Sujets vorenthalten sind. Heimlich soll sie nun die etwa gleichaltrige Héloise porträtieren, Tochter aus gutem Hause, die gegen ihren Willen nach Mailand verheiratet werden soll. Das Bild ist als Geschenk für den Zukünftigen gedacht. Nach und nach kommen sich die ungleichen Frauen näher. Ein Historienfilm in schönen Bildern, der ans Herz geht ohne übertriebenes Drama.

Xavier Dolan: “Matthias et Maxime”
Samt dem in der franko-kanadischen Originalversion für europäische Ohren schwer verständlichen Dialekt hat der Film alles, was einen typischen Arthouse-Film ausmacht: überzeugende Charaktere, ergreifende Story, kitschfreie Erzählweise. Alles beginnt mit einem Kuss, den zwei Sandkastenfreunde, mittlerweile erwachsen und auf dem Weg ins eigene Leben, sich für einen Studentenfilm geben sollen. Vor allem bei dem in einer scheinbar glücklichen Beziehung mit seiner Freundin stehenden Matthias löst der Kuss unerklärliche Gefühle aus.

 

 

Abdellatif Kechiche: “Mektoub, my Love: Intermezzo”
Der umstrittenste Film im Hauptwettbewerb war zugleich der längste. Dreieinhalb Stunden dauert das Opus des tunesisch-stämmigen Regisseurs – und neben unnötig langatmig ist zwischen sexistisch und frauenfeindlich wohl jedes Adjektiv passend: Immer und immer wieder tastet die Kamera aus leichter Froschperspektive die Hinterteile seiner Hauptdarstellerinnen ab, meistens beim unablässigen Arsch-Wackeln in der Disko. Nach einer epischen Strandszene im Mittelmeerbadeort Sète, wo eine junge Pariserin von zwei franko-tunesischen Machos und deren “Harem” aufgerissen wird, verlagert Kechiche die Handlung, wenn man sie denn so nennen soll, in eine Tanzbar. Dort wird zu lauten Technotönen getanzt. Und getanzt. Und gebaggert, geknutscht und die Kamera gegen Ende rund 13 Minuten lang auf eine Oralsex-Szene gehalten. 
Trotz aller berechtigten Kritik gelingt es dem Regisseur, der 2013 mit seinem Film “Blau ist eine warme Farbe” die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat, eine Art jugendlichen Lebensgefühls aus den 1990er-Jahren heraufzubeschwören.

Michael Angelo Covino: “The Climb”
Die Bilder zu Beginn des in der Nebenreihe “Un certain regard” gezeigten Films sind jedem Fan der Côte d’Azur vertraut: Mit dem Rennrad geht es durchs die Berge des Hinterlands; “Vence” ist auf einem der Straßenschilder zu lesen. Unterwegs sind zwei alte Freunde, Kyle und Mike. Die Reise ist symptomatisch für die Beziehung der beiden Amerikaner: Sobald es für den grundsympathischen und soliden Kyle rund läuft, grätscht ihm Freund Mike rein. So gesteht er dem verlobten Kyle während der Radtour etwa, er habe mit dessen Freundin ein Verhältnis gehabt.
Vorfälle wie dieser wiederholen sich, zurück in den USA, oft voller Situationskomik, aber mit der Erkenntnis, dass nichts über wahre Freundschaft geht. Schade nur für harmoniebedürftige Zuschauer, dass der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Michael (Mike) Angelo Covino selbst in dem Streifen immer wieder allzu egoistisch rüberkommt.

Aila Stöckmann

 

Die Ausgezeichneten

Auf diese Filme sollten Sie beim nächsten Kino-Besuch achten – eine Auswahl der Beiträge, die 2019 in Cannes prämiert wurden:

 

Hauptwettbewerb:
Goldene Palme:
“Gisaengchung” (Parasite) von Bong Joon-Ho

Grand Prix:
“Atlantique” von Mati Diop

Preis für die beste Regie: 
“Le jeune Ahmed” von Jean-Pierre & Luc Dardenne 

Preis der Jury ex-aequo:

“Les Misérables” von Ladj Ly 
“Bacurau” von Kleber Mendonça Filho & Juliano Dornelles 

Beste Schauspielerin:
Emily Beecham in “Little Joe” von Jessica Hausner 

Bester Schauspieler:
Antonio Banderas in “Leid und Herrlichkeit” von Pedro Almodóvar 

Bestes Drehbuch: 
Céline Sciamma für “Portrait de la jeune fille en feu”

Besondere Erwähnung: 
Elia Suleiman für “It must be heaven”

 

Nebenreihe “Un certain regard”:

Hauptpreis:
“The Invisible Life of Euridice Gusmao” von Karim Aïnouz

Preis der Jury:
“Fire will come” von Oliver Laxe

Beste Regie:
Kantemir Balagov für “Beanpole”

Sonderpreis der Jury:
“Liberté” von Albert Serra

“Coup de coeur” der Jury:
“A brother’s love” von Monia Chokri
“The Climb” von Michael Angelo Covino

 

Weiterer Preis:
Camera d’Or fürs beste Erstlingswerk:
“Nuestras Madres” (Our Mothers) von César Díaz