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Macron hält Wort: Teppich von Bayeux geht leihweise nach England

KUNST & KULTUR

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hält Wort. Seinem ersten Staatsgast auf dem südfranzösischen Fort de Brégançon, der britischen Premierministerin Theresa May, hatte er versprochen, den Engländern den legendären Teppich von Bayeux auszuleihen.

Die Nachricht an sich mag harmlos klingen, aber nicht für Experten. Der Teppich ist fast tausend Jahre alt, knapp 70 Meter lang. Es gibt auf der Welt wenige fragilere Kunstwerke und vergleichbar einzigartige Zeugnisse der Geschichte. Seit Jahrhunderten befindet sich der Teppich in Bayeux, einer kleinen Stadt in der Normandie, nahe der Küste des Ärmelkanals. Lange wurde er in der Kathedrale aufbewahrt und nur einmal im Jahr wenige Tage gezeigt.

Gestickte Geschichte

Heute hängt er im abgedunkelten Untergeschoss eines eigenen Museums. 400.000 Besucher kommen Jahr für Jahr in die Region Calvados, allein um ihn zu bestaunen. Ein Viertel davon sind Briten. Kaum einer, der nicht seiner Faszination erliegt. Der Teppich berichtet von der Eroberung großer Teile der britischen Insel durch den Normannen Wilhelm den Eroberer, aber es handelt sich eben nicht um ein Manuskript, auch nicht um ein Gemälde, sondern um eine Tapisserie, um gestickte Geschichte.

Man kann ihn als ersten mittelalterlichen Comic begreifen oder als eine Art Vorform des Films, obwohl es sich nicht um bewegte Bilder handelt, sondern es der Betrachter ist, der die Erzählung in Bewegung bringt, wenn er den Teppich in seiner ganzen Länge abschreitet. Historiker sprechen auch gern von sehr frühem Propagandamaterial, weil der Teppich eine ganz eigene Perspektive auf die Geschichte zeigt: die des Siegers.

Bis heute ist nicht sicher, wer den Teppich in Auftrag gegeben hat. Wahrscheinlich war es Wilhelms Halbbruder Odo, Bischof von Bayeux, der das historische Ereignis für die Nachwelt festhalten lassen wollte. Er ist jedenfalls derjenige, der den prominentesten Platz auf dem Teppich einnimmt. Sicher ist auch nicht, wo und von wem das Werk gefertigt wurde. Vermutlich waren es Mönche des Klosters von Canterbury in der englischen Grafschaft Kent, die es gestickt und geknüpft haben.

Erste Reise nach England

Zweimal hatten die Briten ganz offiziell um eine Leihgabe gebeten, beide Male vergebens. Erstmals zur Krönung von Elizabeth II., 1953, und schließlich 1966, zum 900. Jahrestag der Schlacht von Hastings, die der Teppich erzählt. Experten waren sich immer einig: Der Teppich ist nicht transportierbar. Das teure Stück würde leiden, vermutlich kaputtgehen, weil sich Stoff, anders als andere Materialien, nicht so einfach restaurieren und verstärken lässt.
Tatsächlich hat der Teppich in fast tausend Jahren nur zweimal die kleine Stadt Bayeux verlassen: Einmal ließ Napoleon ihn nach Paris holen, weil auch er wie einst Wilhelm der Eroberer vorhatte, Großbritannien zu erobern, mit einer Armee von 200.000 Soldaten. Mit der Ausstellung des Teppichs wollte Napoleon die Franzosen auf die Schlacht vorbereiten und ihnen Mut machen.

Ein zweites Mal reiste der Teppich, als die Nazis sich ihn unter den Nagel reißen wollten. Fotos des Teppichs kursierten schon in Berlin. Heinrich Himmler war begeistert. Also rollte man die 70 Meter lange Leinenbahn über eine Holzspindel, verpackte sie mit Naphthalin und Peperonisamen in einer Holzkiste und schickte sie auf die Reise. Der Nationalschatz kam aber 1944 nicht mehr weiter als Paris: Angesichts des alliierten Vormarschs hatten die Nazis dann andere Sorgen.

Als die Leihgabe der Franzosen bekannt wurde, publizierte das Boulevardblatt „The Sun“ einen Brexit-Comic im Stil der Tapisserie, der eine heftige Debatte auslöste, weil die britische Premierministerin am Ende inmitten der Leichen ihrer geköpften Amtskollegen steht. So symbolisiert der Teppich bis heute das alte Dilemma der Briten: sich unterordnen und den Regeln fügen – oder den Alleingang wählen.

R.L.