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Meditation – Modetrend oder Schlüssel zu einem erfüllteren Leben?

WELLNESS & GESUNDHEIT

Meditation ist in aller Munde. Aber wie meditiere ich eigentlich? Und was macht das dann mit mir? Begegnung mit Katja Meyer-Rachner. Die Deutsche gibt regelmäßig Meditationskurse in Sophia-Antipolis. Kommenden Samstag lädt sie zum Schnupperkurs.

Das Leben lebt mich – und nicht ich mein Leben. Kennen Sie das Gefühl? Sie rauschen im Autopilot-Modus durch den Alltag, erledigen Dinge weg wie im Rausch, statt sie bewusst zu tun. Oder, anderes Beispiel: Der Bus kommt erst in zwei Minuten – Griff zum Handy. Mein Rendez-vous im Café lässt mich warten – Griff zum Handy.

Multi-Tasking galt offenbar viel zu lange als schick. Meditation heißt: einfach mal innehalten. Sie soll den Geist zur Ruhe bringen. Und das ist nur die halbe Wahrheit. Forschungen haben ergeben, dass Meditation nicht nur die Konzentrationsfähigkeit steigert, sondern auch den Pegel des Stresshormons Kortisol senken und als Entzündungshemmer wie als Antidepressivum wirken kann. Überdies soll Meditation die Zellalterung positiv beeinflussen und zu mehr sozialer Intelligenz – sprich: einem besseren Umgang mit uns selbst und anderen – führen.

«Das Leben wird intensiver durch Meditation», sagt Katja Meyer-Rachner. Die gebürtige Hamburgerin gibt im Technologiepark Sophia-Antipolis (Alpes-Maritimes) Einführungskurse in Meditation und unterrichtet MBSR – achtsamkeitsbasierte Stressreduktion.

«Achtsamkeit» ist ein Zauberwort in der Meditation. «Achtsamkeit muss und kann wie ein Muskel trainiert werden; hierzu existieren die verschiedensten Methoden», heißt es auf der Website des Netzwerks Achtsame Wirtschaft (NAW).

Jeden Donnerstag in der Mittagspause trifft sich eine Gruppe von Menschen im Herzen des Technologieparks, um mit Katja gemeinsam zu meditieren. Die Deutsche leitet die Frauen und Männer durch ein 60-minütiges Auf-sich-selbst-Fokussieren.

Der Ablauf ist immer ähnlich: Auf einen Moment der Stille, um den Job für die nächste Stunde hinter sich zu lassen und im Hier und Jetzt anzukommen, folgt eine Runde, in der jeder kurz sagt, wie es ihm geht und in der vergangenen Woche ergangen ist. Die meisten benutzen Wetter-Metaphern zur Erläuterung ihrer Stimmungslage.

Danach folgen drei Meditationssequenzen von jeweils etwa zehn Minuten, die Katja mit einem Gong einleitet und beendet. Den Anfang macht eine klassische Sitzmeditation, in der es ausschließlich den gegenwärtigen Augenblick wahrzunehmen gilt. Mit Hilfe von Kissen oder einem Meditationshocker haben die Teilnehmer eine bequeme Haltung eingenommen, in der sie die kommenden Minuten entspannt verharren können. Geleitet von Katja Meyer-Rachner, konzentrieren sich alle zunächst auf ihre Atmung, später auf Körperempfindungen, gegen Ende auf Geräusche, die sie wahrnehmen. «Dies sind Techniken der formellen Praxis», erklärt die Deutsche, die seit fast 20 Jahren in Südfrankreich lebt. Zur informellen Praxis gehören Übungen, die man in den Alltag integrieren kann – wie das Benutzen der nichtdominanten Hand (siehe Info-Kasten).

Die zweite Meditationseinheit an diesem Mittag wird auf die Füße verlegt: Gehmeditation nennt sich diese ebenfalls gängige Meditationsform, die manchem leichter fallen mag, der Schwierigkeiten mit dem Stillsitzen hat. Schweigend und langsam, zur ruhigen Anleitung der Lehrerin, bewegen sich die Kursteilnehmer hintereinander im Karree durch den Raum. Auch hier wird der Geist ganz bewusst auf die «banale» Gegenwart gelenkt: Wie bewegen sich meine (schuhlosen) Füße? Wie fühlt sich die Berührung mit dem Boden an?

Die abschließende Meditationssequenz spielt sich in völliger Stille ab, nachdem Katja drei mögliche «Kontemplationen» vorgelesen hat, mit denen die Meditierenden sich in den kommenden Minuten gedanklich befassen können. Einer der Sätze lautet: «Möge ich es lernen, friedvoll im gegenwärtigen Augenblick zu verweilen, mein einfaches Sein zu genießen und die tiefe Freude der Absichtslosigkeit zu berühren.» Ein anderer: «Möge ich regelmäßig in den Modus des Nicht-Kontakts zu Arbeit und Projekten eintreten und mir den Status der Nicht-Erreichbarkeit erlauben.»

Bei allen Übungen gehe es um Achtsamkeit, betont die Deutsche, darum, im Hier und Jetzt präsent zu sein, offen für alles, was sich tut, und zwar ohne zu urteilen. Verankern lasse sich der Geist mithilfe der Atmung und von Körperempfindungen. Dass selbst ein meditationserfahrener Geist manchmal abschweife, sei allerdings menschlich: «Hauptsache, man wird sich des Abschweifens dann bewusst.»

Seit zehn Jahren beschäftigt sich die Mutter zweier heute großer Kinder mit der Meditation. In Retreats und Seminaren hat die diplomierte Wirtschaftsingenieurin, die hauptberuflich ein Elektronik-Unternehmen in Sophia-Antipolis leitet, jede Menge Erfahrung gesammelt und sich unter anderem zur Achtsamkeits-(MBSR)-Lehrerin ausbilden lassen.

Was hat die Meditation mit ihr gemacht? Um einen Effekt, den sie beobachtet hat, wird sie jeder beneiden, der meint, die Zeit vergehe immer schneller: «Mein Zeitgefühl hat sich verändert. Die Tage rattern nicht mehr so weg, wenn man mit seiner Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt ist.» Sie erlebe Dinge intensiver und genieße mehr – selbst eigentlich lästige Pflichten wie etwa den Abwasch.

Katja ist überzeugt: «Meditieren kann jeder – und sollte auch jeder!»

Es gelingt allerdings nicht von jetzt auf gleich. Wer regelmäßig fast täglich für zehn bis 20 Minuten übe, schreibt Googles ehemaliger Meditations-Guru Chade-Meng Tan, könne bereits nach achtwöchigem Meditieren deutliche positive Veränderungen beobachten.

Ein Leichtes sei es, zum Beispiel das Essen mit einzubeziehen, sagt Katja Meyer-Rachner: Es beginne mit dem Schweigen, zumindest in den ersten drei Minuten. So könne man sich viel besser auf die Nahrung konzentrieren und zunächst einmal feststellen: Wie sieht das Essen aus? Wer hat daran mitgearbeitet, dass es jetzt hier auf dem Teller liegt? Und beim ersten Bissen: Wie ist die Konsistenz? Wie schmeckt es? Während der gesamten Mahlzeit sollte dann in aller Ruhe gekaut und genossen werden. Positiver Neben-Effekt: Man isst weniger.

Wer Achtsamkeit trainiere, lerne, nicht mehr auf eingefahrene Weise zu reagieren. Vielmehr gelte es Muster zu erkennen und diese bewusst zu durchbrechen, so die in Biot lebende Deutsche. «Ein einfaches Beispiel: Sie kommen nach Hause, wollen nach der Arbeit entspannen und greifen wie ferngesteuert zu einem Glas Wein. Werden Sie sich dieses Automatismus’ bewusst – und lassen Sie den Wein auch mal stehen. Das Leben wird dadurch spannender!»

Sie selbst sei dank der Meditation in besserem Kontakt zu sich selbst. «Ich lebe klarer und weiß deutlicher: Was will ich und was will ich nicht?» Sie habe verinnerlicht, dass alles sich immerzu verändere, und könne dieser Tatsache mit Gleichmut begegnen. Das heißt nicht, dass sie weniger spüre oder Gefühle nicht zulasse. Ganz im Gegenteil: «Sowohl fröhlich als auch traurig bin ich heute mit voller Wucht!»

Aila Stöckmann

 

Schnupperkurs
Katja Meyer-Rachner bietet am Samstag, 16. Juni, von 15.30 bis 17.30 Uhr einen Schnupperkurs zu formellen Meditationen an (geführte Sitzmeditation, Gehmeditation, Bodyscan…). Beitrag: 25 Euro (Anmeldung erforderlich).

Info & Anmeldung: mindfulandmore.org