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Mouans-Sartoux: Picasso-Fotograf Duncan mit 102 Jahren gestorben

KUNST & KULTUR

David Douglas Duncan ist tot. Nach Angaben des Leiters des Picassomuseums in Antibes, Jean-Louis Andral, starb die amerikanische Fotolegende bereits vorigen Donnerstag in einem Krankenhaus an der Côte d’Azur an den Folgen einer Lungenentzündung. Er wurde 102 Jahre alt.

Als ich ihn zuletzt in seiner erdhausartigen Villa in Mouans-Sartoux (Castellaras-Le Vieux) bei Cannes, einer modernen überirdischen "Höhle" mit rotbraunen Fassaden aus Trockenzement, besuchte, machte er durchaus keinen hinfälligen Eindruck. Quicklebendig berichteten er und seine Frau Sheila aus ihrem bewegten Leben. Inzwischen war er 102 – und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb überraschend, schlug jetzt die Todesnachricht von David Douglas Duncan ein. "DDD" hatte sich zunächst als Kriegsberichterstatter von "Life" in Korea und Vietnam einen Namen gemacht. International berühmt geworden war er aber durch seine enge Freundschaft mit Pablo Picasso (1881-1973), von dem er in dessen letzten 15 Lebensjahren allein in Cannes und Mougins rund 15 000 (!) private Schnappschüsse machte.

Sein allererstes Negativ von Picasso belichtete "Doug" im Jahre 1956. Gern erinnerte er sich, dass sich der gut aufgelegte spanische Maler gerade im Bad aufhielt und in dieser sehr privaten Pose ablichten ließ. "Das war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, die mir viel wichtiger war als alle seine Geschenke zusammen". Es war eine andere Fotolegende, die ihn auf Picasso angesetzt hatte: Robert Capa, der ebenfalls bei "Life" arbeitete. "Damals, als das Fernsehen in den Kinderschuhen steckte, war das Life-Magazin noch eine Visitenkarte, die richtig was hermachte, schilderte DDD gern. Und als ich zu Reportagezwecken nach Marokko fliegen musste, empfahl mir Bob eine Zwischenlandung an der Côte d`Azur." Ihm, Duncan, sei das "wie die Chance zu einer Mondfahrt" vorgekommen.

DDD befolgte Capas Rat. Er ergatterte irgendwo Picassos Telefonnummer und schaffte es, dass sich die schweren Eisengittertore an der Zufahrt zu dessen Villa über den Dächern von Cannes öffneten. "Dennoch kam ich kaum durch, weil vor der Californie überall Leute ausharrten, die den großen Künstler einmal im Leben in echt gesehen haben wollten."

Seine persönliche Beziehung zu Picasso beschrieb DDD als "eng, aber auch irgendwie trivial. Wir waren zwei Typen, die sich schätzten – und das war’s auch schon!" Duncan sprach kein Wort Französisch. "Also versuchte ich, mich mit Spanisch durchzubeißen." Alles kein Problem: "Was ich Picasso zu sagen hatte, drückte ich ohnedies mit meinen Fotos aus." Und diese Fotos zeigten "einen außergewöhnlichen Mann, der in einer anderen Welt lebte, einen unermüdlich schaffenden Künstler und einen Menschen von großer Schlichtheit, Offenheit und Generosität."

Gern erzählte Duncan auch heitere Anekdoten aus seinem langen Leben. Am liebsten vielleicht die von seinem Dackel Lump und ähnlichen Artgenossen. Zu den "schicksalhaften" Begegnungen in seinem Leben habe die zwischen Lump und Picasso am Tor der Californie gehört. Es schien Liebe auf den ersten Blick gewesen zu sein. Jedenfalls weigerte sich der Teckel, wieder in den 300 SL zu steigen, in dem er gekommen war. Picasso war es recht, und Lump blieb bei ihm. So wurde Duncan bald zum Hoffotografen zweier Alphatiere, die sich offenkundig gesucht und gefunden hatten.

"Wenn Picasso Lump ansah, leuchtete eine warme Sanftmut in seinen Augen auf, ganz kurz, kaum mit der Kamera festzuhalten", schilderte DDD. Der ungetreue Dackel schien genau zu wissen, was er wollte, und ging prompt in die Kunstgeschichte ein. In seinen Variationen von Velázquez "Las Meninas" ersetzte Picasso den dort ruhenden, riesigen Wolfshund durch Lump, dessen Silhouette sich bald auch auf einem Steingut-Teller wiederfand. So leistete das Tier seinem weltberühmten Privatporträtisten bis zu seinem Tod Gesellschaft. Lump starb am 29. März 1973, Picasso zehn Tage später.

Zweite Hundestory: 1999 wurde Doug sein Norwich-Terrier Yo-Yo samt dem ihn umgebenden Auto – immerhin einer dieser sagenumwobenen, flügeltürigen Mercedes 300 SL – geklaut.

Nachdem eine klassische Steckbriefaktion ("10.000 Francs Reward to whoever finds Yankee Yoshii, my little friend") nicht gefruchtet hatte, gab der Amerikaner 1999 einen ganzen Bildband über Yo-Yo quasi als Fahndungsakte heraus. Seinen Mercedes, den er später Picassos Sohn Claude verehrte, bekam er zunächst zwar wieder. Der niedliche Wuschelkopf aber blieb verschwunden.

In Duncans Haus hängen jetzt nur noch ein paar Fotos von Picasso. Im Übrigen finden sich kaum Erinnerungsstücke an das Malergenie. Es sei richtig, dass ihm der stets großzügige Maler viele Geschenke gemacht hätte, hatte DDD bei der erwähnten Visite bestätigt. Doch die hätten sich praktisch in Luft aufgelöst. "Hier beispielsweise hingen vier Gemälde, darunter unser Hochzeitsgeschenk", hatte er auf die Stelle an der Wand gedeutet, wo sie jetzt nicht mehr sind. "Doch es gab schwierige Phasen, in denen mir einfach das Geld fehlte, um in neue Bildbände investieren zu können." Also habe jeweils ein Picasso dran glauben müssen.

Insgesamt hat Duncan 26 Bücher veröffentlicht. Sieben davon sind Picasso zugedacht, den die Fotos in meist alltäglichen Situationen darstellen – bei der Arbeit, bei Tisch, in der Familie, verkleidet – als Clown, als Matador oder als Balletttänzerin. Manchmal allein, manchmal mit anderen – mit Frau Jacqueline, mit Jean Cocteau, mit dem in Mannheim geborenen Daniel-Henri Kahnweiler, seinem Sammler und Agenten, oder mit Hollywoodstar Gary Cooper. "Ich hatte Picasso vorgeschlagen, meinen Freund Gary in seine Villa Californie einzuladen", erzählte DDD immer wieder gern. Der Schauspieler brachte als Gastgeschenk einen Stetson und einen Westerncolt mit. Pazifist "Picasso aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als sofort das Magazin zu leeren und die Munition in seinem Garten zu verstreuen."

Von Picasso stehen heute lediglich noch zwei große Keramikschalen aus seinem Lieblingsatelier (Madoura) in Vallauris unter Duncans Dach, in einem rustikalen Buffetschrank. Die eine trägt einen Handabdruck des Meisters. Die andere zeigt das Profil von Esmeralda, der Ziege, die Picassos Gäste auf der Freitreppe zur Californie anzumeckern pflegte.

Bis zu seinem Lebensende und nach 60 Jahren Frankreich lernte Duncan kein Französisch – im Unterschied zu Sheila, die sich gut integriert hat. Auch verfügt er im Zeitalter der digitalen Fotografie über keinen Computer. Er hat keine Leicas mehr und keine Negative. Sein gesamtes Archiv – rund fünf Tonnen Material – hat der aus Missouri stammende Journalist einer Stiftung in Texas vermacht.

Sein Interesse am Fotojournalismus war übrigens schon während seiner freien Mitarbeit bei einer Universitätszeitung erwacht. Seine Karriere als Pressefotograf begann 1934 mehr zufällig: noch im Studium, mit einer Fotoreportage über einen Hotelbrand in Tucson (Arizona). Dabei bekam er inmitten der flüchtenden Hotelgäste den gesuchten Räuber John Dillinger vor die Linse, als der Staatsfeind Nummer 1 versuchte, wieder in das brennende Hotel zu gelangen, um einen Koffer zu retten. Der Koffer enthielt die Beute eines Banküberfalls, bei dem ein Polizist erschossen worden war.

Kaum Offizier im United States Marine Corps, wurde Duncan als Kriegsfotograf eingesetzt. An Bord der USS Missouri erlebte er unter anderem die Kapitulation Japans. Duncans Bilder waren so faszinierend, dass "Life" auf ihn aufmerksam wurde. Bald reiste er für das Magazin in die Türkei, nach Ost-Europa, Afrika und in den Mittleren Osten. In Indien dokumentierte er 1947/48 das Ende der britischen Kolonialherrschaft.

Die vielleicht bekanntesten Reportageaufnahmen von David Douglas Duncan entstanden im Koreakrieg. 1951 veröffentlichte er die Fotografien in dem Bildband "This Is War!", in dem auch die Hinterbliebenen der Kriegsopfer porträtiert wurden. Mit dem Vietnamkrieg folgten die kritischen Fotobände "I Protest!" (1968) und "War Without Heroes" (1970), in denen Duncan von seiner Rolle als neutraler Korrespondent abwich und die Politik der US-Regierung anzweifelte. Mit "Yankee Nomad" legte Duncan 1966 eine fotografische Autobiografie vor, einen Querschnitt seines Schaffens. Eine aktualisierte Fassung erschien 2003 unter dem Titel "Photo Nomad".

Dem deutschen Picasso-Museum in Münster schenkte DDD vor einigen Jahren 160 Bilder von Pablo Picasso. Die meisten von ihnen waren in Picassos Villa Californie in Cannes entstanden.

Bis zu seinem Lebensende konnte DDD noch nicht still sitzen. Auch während unseres Gesprächs tigert er ständig auf und ab. Zwischendurch telefoniert er mal kurz – zum Beispiel mit "Bettina" in Berlin. Wie sich herausstellt, handelt es sich um die Schauspielerin Bettina geb. Moissi, Witwe seines "alten Freundes" Heinz Berggruen, des bedeutenden deutschen Kunstsammlers. Bis zum Ende steckt Doug voll Ideen, während sich Sheila nach Muße sehnt.

Natürlich beschlich auch diesen rastlosen Fotografen irgendwann die Altersweisheit. Zur Erinnerung an die Begegnung in seinem Haus und als Einladung zur Lektüre schrieb mir der einstige Kriegsreporter quasi als Lebensbilanz diese Widmung in das Yo-Yo-Buch: "Willkommen zu dem einzigen guten Krieg meines Lebens."

Jetzt hat die liebe Seele Ruh´. Die Redaktion wird ihn nicht vergessen.

Rolf Liffers