Haupt-Reiter

Schießerei in Grasse: Details über Täter werden bekannt

CÔTE D'AZUR & PROVENCE

Vier Tage nach der Schießerei in Grasse kehrten die Schüler am heutigen Montagmorgen ins Gymnasium Tocqueville zurück. Der Anwalt des 16-Jährigen, der am vergangenen Donnerstag mehrere Personen durch Schüsse verletzt hatte, berichtete von seinem ersten Treffen mit seinem Mandanten.

Gymnasium GrasseVideos von Massenmorden und eine Faszination für Waffen: Seit der Schießerei eines 16-Jährigen am vergangenen Donnerstag in Grasse wird versucht ein Bild von dem Jungen zu zeichnen. Jetzt gibt der Anwalt des Jugendlichen erste persönliche Einblicke.

„Ich habe erwartet eine Bestie im Käfig zu treffen, einen kaltherzigen und berechnenden Mörder. Stattdessen traf ich auf einen Jungen mit Engelsgesicht, der mich mit großen Augen leicht panisch ansah“, berichtet Michel Valiergue, Anwalt des 16-Jährigen, gegenüber der Lokalzeitung Nice Matin. Der blutige Akt des Teenagers sei für ihn „unverständlich“.

Gegenüber Valiergue habe der Junge starke Gewissensbisse und ein erstes Bewusstwerden seiner Tat offenbart: „Seine erste Frage war: ‚Sind die Opfer schlimm getroffen worden?‘ Als ich ihn fragte, warum ihn das interessiere, hat er geantwortet: ‚Naja, ich wollte keinen zu großen Schaden anrichten.‘“

Die ersten Aussagen des 16-Jährigen bestätigen, was schon von Anfang an vermutet wurde: Es handelt sich nicht um einen kaltblütigen Mörder, sondern um einen zutiefst verunsicherten Teenager mit einer Faszination für das Dunkle – für Waffen und Morde. Valiergue erklärt, dass sich der Junge seiner Tat im Moment des Handelns nicht bewusst gewesen sei. Gedanklich sei er in seiner virtuellen Welt der Videospiele und sozialen Netzwerke gewesen. In diesem Zusammenhang warnt der Anwalt vor der Banalisierung von Gewalt in Videospielen und den Medien – besonders labile Pubertierende seien gefährdet, die virtuelle mit der realen Welt zu vermischen.

Obwohl der Junge als Außenseiter an seiner Schule galt, war er bisher nicht aufgefallen. Er gilt als eher intellektuell mit einem Interesse für Geschichte und Literatur. Zudem sei er sehr höflich und respektvoll gegenüber seinen Lehrern gewesen. Ein Bild, was so gar nicht mit dem schwerbewaffneten Attentäter zusammenpassen mag. Auch seine Mitschüler hätten ihm ein derartiges Verhalten nie zugetraut.

Bei einem so instabilen Jugendlichen mit Hang zu Gewalt stellt sich unweigerlich die Frage nach seinem sozialen Hintergrund: „Seine Familie ist sehr liebevoll“, sagt sein Anwalt. „Sie haben immer zusammen gegessen und sind gemeinsam in den Urlaub gefahren.“ Seine Eltern hätten ihren Sohn sogar einem Psychiater vorgestellt, der seine Probleme allerdings als „pubertäre Krise“ abtat.

Das Schlimmste konnte verhindert werden: Der Jugendliche hat in seinem gewalttätigen Akt niemanden getötet. Dennoch bleiben Wunden bei den traumatisierten Mitschülern und quälende Schuldgefühle beim Täter selbst und seiner Familie.

Clara Swaboda