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Stefan Szczesny – der Künstler als Botschafter des Glücks

KUNST

Stefan Szczesny, facettenreicher Künstler aus München, im Laufe seines Lebens zum Weltbürger geworden zwischen New York und der Karibik, international renommiert, mediterran in seinem Selbstverständnis, seit zwanzig Jahren fest etabliert in Saint-Tropez: Die Spannweite seiner materiellen Existenz ist so groß wie seine künstlerische Ausdrucksvielfalt. Nun schickt er sich an, seine Verbundenheit mit Saint-Tropez in einer Stiftung und einem zukünftigen Museum zu zementieren.

Für Stefan Szczesny hat die Kunst die Aufgabe glücklich zu machen. Dies ist ein Bekenntnis aus späteren Jahren, doch das Positive dieses Ansatzes zeigt sich schon in der frischen Unbekümmertheit des jungen Szczesny, der in den 80er-Jahren als Neuer Wilder schlagartig bekannt geworden ist. Sein positives Verhältnis zur Natur, die Erfahrung ihrer Schönheit und ihrer Sinnlichkeit machen den Künstler zum Botschafter einer positiven Welterfahrung und damit des Glücks.

Wer ist dieser Künstler, wo und wie lebt er, und wie schafft er es, diese Freudenbotschaft des Lebens ohne Kitschgefahr herüberzubringen? Ein Besuch im lichten, weiträumigen Atelier an der Spitze der Halbinsel von Saint-Tropez bringt Aufschluss und direkten Zugang zu Arbeit und Arbeitsweise von Stefan Szczesny. Oberstes Prinzip ist die Authentizität: Er lebt hier an einem der unleugbaren schöneren Fleckchen der Erde und doch ist jedes Stück neuer Kunst eine sorgfältig erarbeitete Etappe auf der ewigen Suche nach dem adäquaten Ausdruck.

Keine Einschränkung, keine Missstimmung, keine Gefühlsmischungen

Wiederkehrende Motive sind die Palmen und die Küste des Mittelmeers und der Karibik sowie die Schönheit des weiblichen Körpers, der in vollkommener Harmonie mit der üppigen paradiesischen Wohlfühlnatur dargestellt wird. Die Farben unter der subtropischen und tropischen Sonne sind stark, Farbmischungen sind tabu, sie würden die Strahlkraft der Farben mindern oder sie gar schmutzig machen. Szczesny bevorzugt starke Grundfarben, keine Einschränkung, keine Missstimmung, keine Gefühlsmischungen.

In seinem Lebenswerk gibt es große Variationen, es geht von zweidimensionalen Bildern auf traditionellen Bildträgern wie Papier und Leinwand bis hin zu einem Zeppelin (im Zusammenhang mit einer großen Kunstaktion am Bodensee, dem Mainau-Projekt 2007), der durch Bemalung zu einer Mischung aus Skulptur und Bild geworden ist. Es umfasst aber auch Kunst am Bau, das heißt die vollständige äußere und innere Ausgestaltung von Einrichtungen wie Hotels oder von Privathäusern. Zudem wird er phasenweise im Theater aktiv und liefert das Bühnenbild für Inszenierungen in Zusammenarbeit mit namhaften Regisseuren.

Wie man im Sommer vergangenen Jahres in Saint-Tropez sehen konnte, nimmt die bildhauerische Arbeit einen wichtigen Teil des Schaffens von Szczesny ein. Mächtige Skulpturen von etwa drei Metern Höhe waren in einer Open-Air-Ausstellung auf der Zitadelle von Saint-Tropez verteilt. Es sind eigenartige Zwitterskulpturen aus Metall, die zwei- und dreidimensional zugleich sind: Sie sind aus Metallplatten ausgeschnitten, also flach, und doch keine Halbreliefs, die auf eine Wand gepresst werden. Sie sind freistehend und rundum beschaubar. Oft bestehen sie sogar aus zwei Motiven, deren Flächen schräg hintereinander gesetzt sind, sodass die Skulptur als ganze wirklich dreidimensional ist. Das war übrigens dann auch eine Situation, in der aus dem Szczesny-Künstleratelier eine «Szczesny-Factory» wurde, das heißt die Zusammenarbeit einer Gruppe von handwerklichen Spezialisten zwecks Realisierung eines Großprojekts.

Das Gespräch mit Szczesny findet in dem nach seinem Entwurf gebauten (gefühlt 200 Quadratmeter großen) Atelier in Saint-Tropez statt. Die Aufnahme ist freundlich, die Atmosphäre so lind wie das Spätsommerlüftchen, das draußen weht. Er berichtet bereitwillig auch von seiner Familie, insbesondere von seinem damals sehr bekannten Philosophen-Vater, zu dem er ein gutes, von fruchtbaren Gesprächen geprägtes Verhältnis hatte. Und ebenso vom Wunder des damaligen Coming-out als Künstler mittels einer in München organisierten Ausstellung «Rundschau Deutschland» einer Künstlergruppe, die unter dem Namen «Neue Wilde» in die neuere Kunstgeschichte einging.

Könnte man sagen, dass es in Ihrer bildnerischen Arbeit hauptsächlich um zwei Motive geht: die (paradiesische) Natur und die Frau?
Das sind in der Tat Motive, die periodenweise im Vordergrund stehen. Vergessen Sie aber nicht, dass mein Werk sich über Jahrzehnte spannt und eine Vielfalt von Themen und Motiven umfasst. Als Beispiele nenne ich eine Portraitserie, die Auseinandersetzung mit großen Figuren der Kunst- und Geistesgeschichte wie Caspar David Friedrich oder Friedrich Nietzsche.

Wie gehen Sie bei mittel- bis großformatigen Bildern vor: Machen Sie sich vorher Entwürfe, bevor Sie sich mit dem Pinsel an die Leinwand begeben oder ist es eher pure, spontane gestische Malerei?
Nein, ich mache keine Skizzen, aber ich habe vorher ein klares Konzept in meinem Kopf entwickelt, ich weiß, wie die Bilder am Ende auszusehen haben. Korrekturen während des Arbeitsprozesses sind kaum nötig, die malerischen Gesten beruhen auf jahrzehntelanger Erfahrung.

Ihre Farben sind klar, stark und unvermischt.
Ja, ich mag keine Farbmischungen, sie wirken wie verschmutzt auf mich. Farben sollen Träger von positiven Emotionen sein, die Bilder sollen Lebensfreude und Glück beim Betrachter auslösen.

Die Freude an den starken Farben als Glücksbotschafter findet man wieder in Ihren großen Skulpturen. Auffallend ist allerdings, dass eine ganze Reihe von ihnen in Schwarz gehalten ist.
Das hat mit einer persönlichen Erfahrung in den Tropen zu tun: Die Sonne wirft dort sehr klar konturierte, tiefdunkle Schatten. Meine Bilder rund um die Karibik enthalten deshalb oft zweidimensionale schwarze Schattenfiguren.

Wie läuft die technische Seite der Herstellung der um die drei Meter hohen Metallskulpturen ab?
Ich zeichne einen Entwurf auf Papier. Er wird gescannt. Das Ausschneiden aus der Metallplatte übernimmt ein computergesteuertes Laser- oder Wasserstrahlgerät.

Bei Großprojekten taucht der Name «Szczesny-Factory» als ausführendes Organ auf. Dies klingt nach Andy-Warhol- oder Jeff-Koons-Factory, also nach einer typisch amerikanischen privaten Institution, die fabrikmäßig in großen Gebäuden mit vielen ständigen Mitarbeitern den Welt-Kunstmarkt mit großkalibrigen Werken versorgt.
Ja, im Namen und im Geist der Bündelung von Qualifikationen hat tatsächlich dieses «amerikanische Modell» Pate gestanden. Man muss sich dann aber eine punktuelle Zusammenarbeit einiger oder vieler Leute vorstellen, die zu einem Projekt zusammengerufen werden und die nach Beendigung des Projekts in ihren normalen Arbeitskontext zurückkehren.
Als äußerst reizvoll empfinde ich Aufträge, die mich als Schöpfer eines Gesamtkunstwerks fordern. Es sind «Kunst am Bau»-Projekte, die also die äußere und innere Gestaltung von Architektur beinhalten. Ich blicke gerne zurück auf die Arbeit am und im Hotel Kempinski in Estepona in Spanien. Skulptur, Malerei inklusive Fresken, Keramik als Wandbilder, Vasen und Fußbodengestaltung, Glasmalerei und Teppichkunst finden sich zusammen, um ein Ganzes, eine vielstimmige harmonische Atmosphäre zu schaffen.

Sie bezeichnen sich als mediterranen Künstler. Ist der Begriff nicht zu eng angesichts der langen Perioden in Ihrem Leben, die Sie ganz woanders verbracht haben, und angesichts des Wechsels der Thematiken in Ihren Werken?
Die Bande zum Mittelmeer knüpften sich über meine Eltern schon in der Kindheit und rissen Zeit meines Lebens nie ab. Die Ferienzeiten mit meinen Eltern auf der Insel Elba waren ebenso prägend wie das spätere Wurzelschlagen auf der Halbinsel von Saint-Tropez. Ja, der langjährige Aufenthalt in New York stellte einen Wendepunkt in meinem künstlerischen Leben dar. Die amerikanische Art, groß zu planen, es dann beherzt anzupacken, indem man unterschiedliche Qualifikationen zu einem Projekt zusammenführt und bis zum guten Ende verfolgt – das hat mir imponiert. Das «Art-Factory-Modell» habe ich für mich und auf meine Weise modifiziert übernommen.

Die Wohn- und Arbeitssituation von Stefan Szczesny in Saint-Tropez ist keineswegs ein «Goldener Käfig». Das Mikroklima in Saint-Tropez ist wirklich paradiesisch, man zählt hier mehr Sonnentage als woanders an der Côte-d’Azur, doch der Terminkalender ist voll, Ausstellungseröffnungen in Galerien und Teilnahmen an großen Kunstmessen wie der Art Basel in Miami erfordern die persönliche Anwesenheit des Künstlers. Und da sind auch noch die von Szczesny besonders geliebten Kunst-am-Bau-Projekte, die zum Teil in privater Reserviertheit weiterlaufen.

Gespannt sein darf man auf einen Plan, der das Werk Stefan Szczesnys auf lange Sicht in Saint-Tropez in Szene setzen wird: die Einrichtung einer Stiftung und die Gründung eines Museums innerhalb der Mauern der Stadt.

Alfred Thum

 

Die Galerie
In Szczesnys Galerie «Espace des Lices» in Saint-Tropez sind ausgewählte Werke, mittelgroße Bilder und Kleinskulpturen, zu sehen.

9, Bd. Louis Blanc
83390 Saint-Tropez
Kontakt: Josyane Quinanzoni
Tel. +33 (0)6 24 62 39 44
www.szczesny-online.com