Haupt-Reiter

Thomas-Mann-Haus in Los Angeles gerettet, im Var abgerissen

KUNST & KULTUR

Vor 85 Jahren begann in Le Lavandou das Exil von Thomas Mann. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten stieg der Literatur-Nobelpreis-Träger mit seiner gesamten Familie nebst Freunden dort im Hotel "Les Roches fleuries" ab. Im September 1938 rettete sich der Schriftsteller in die USA. Dort bezog er das Haus der "Seven Palms".

Thomas MannIm hügeligen Pacific Palisades in Los Angeles – von Zitronenhainen und Palmen umgeben – fand der Schriftsteller nach der Emigration aus Nazi-Deutschland für sich und die Seinen eine Exil-Heimat. Jetzt hat die Bundesrepublik Deutschland das zweistöckige weiße Haus mit der Adresse "1550 San Remo Drive" im vornehmen "Riviera"-Viertel gekauft und umgebaut. Seit diesem Sommer dient es als Domizil für deutsche Stipendiaten.

Ein eher trauriges Schicksal erlebt derweil seine einstige Unterkunft am Strand von Aiguebelle in Le Lavandour (Var). Im "Meerschloßartigen des Hotels" hatte sich Mann 1933 sehr wohl gefühlt. Zuletzt hieß die Nobelherberge "Les Roches". Zur Zeit wird das Haus mit Stumpf und Stiel abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Der französische Promotor wusste auf Befragen nicht einmal, wer Thomas Mann war. Manns Haus in Sanary ist schon vor vielen Jahren der Abrissbirne zum Opfer gefallen.

"Es war malerischer und griechischer in Le Lavandou"

Der weltberühmte Romancier hatte in Le Lavandou nach einer fluchtbedingten Unterbrechung an seinem Josephsroman weitergearbeitet. Gern wär er dort geblieben. Doch das Haus, das er gern gehabt hätte, war nicht zu verkaufen. So zog er später nach Sanary-sur-Mer um und trauerte: "Es war malerischer und griechischer in Le Lavandou" (Tagebuch).

In Amerika hat inzwischen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das "Thomas Mann House" offiziell eingeweiht. Das Residenzprogramm soll Intellektuellen und Vordenkern Gelegenheit zum Austausch untereinander und mit dem Gastland über die großen Fragen unserer Zeit bieten – so lautet die Zielsetzung der Einrichtung.

Am Kauf der historischen Villa war Steinmeier 2016 als Außenminister maßgeblich beteiligt. Für das "Weiße Haus des Exils", wie er es damals nannte, zahlte Deutschland einem kalifornischen Luxusmakler rund 13 Millionen Dollar.

"Das ist überhaupt nichts für diese Gegend", urteilte die Architekturhistorikerin Lilian Pfaff. Das Grundstück alleine sei schon so viel wert. Pfaff schreibt ein Buch über das Werk des deutschstämmigen Architekten Julius Ralph Davidson (1889-1977), einer der Hauptvertreter der kalifornischen Moderne, der das Haus 1942 für Mann baute.

Pfaff beschreibt die Villa als ein "verstecktes Kleinod", das in der Architekturgeschichte aber wenig bekannt sei. Tatsächlich war das Haus über die Jahre hinweg wie eine Dornröschen-Villa zugewachsen und von knorrigen Bäumen und hohen Büschen abgeschirmt. Drei der einst sieben Palmen stehen noch auf dem weitläufigen Grundstück am Rande eines großen Canyons. Dies sei der Raum, der dem Geist des Schriftstellers am meisten entspreche.

Die Aussicht Richtung Pazifik ist im Laufe der Jahre zugewuchert, doch einen Meeresblick hat man von der wenige Meilen entfernten "Villa Aurora". Seit 1995 ist die frühere Exilanten-Herberge des Schriftstellers Lion Feuchtwanger eine Künstler-Residenz und Ort für den deutsch-amerikanischen Kulturaustausch. Der deutsche Film feiert hier seine traditionelle Oscar-Party. Vor seinem USA-Exil hatte "Großschriftsteller Feuchtwanger" (Mann) jahrelang in Sanary-sur-Mer gelebt.

"Riviera" heißt das Viertel von Los Angeles, weil die Straßen dort nach Orten am Mittelmeer benannt sind – Monaco, San Remo, Amalfi, Sorrent... Die Nachbarschaft ist prominent. Hier leben Diane Keaton, Goldie Hawn, Ben Affleck, Matt Damon, Tom Hanks und Steven Spielberg, um nur einige zu nennen.

Rolf Liffers