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Thommie Bayers neuer Roman spielt wieder in der Provence

KULTUR

Der deutsche Schriftsteller Thommie Bayer hat mal wieder einen in der Provence spielenden Roman geschrieben: "Das innere Ausland", soeben erschienen bei Piper. Die durchaus spannende Geschichte spielt in Cadenet im Luberon und geht im Kern der Frage nach, ob sich ein verpasstes Leben nachholen lässt.

Viele Gelegenheitsfranzosen kennen das Problem: Jahr um Jahr verbringen sie ihre Ferien im geliebten Frankreich. Doch die fremde Sprache will ihnen nicht so recht über die Lippen kommen. Bayer beschreibt das sehr treffend bei einem Spaziergang Richtung Lourmarin. "Kannst du so gut Französisch, dass du dich hier integriert fühlst?" fragt ihn ("Andreas Vollmann") seine Begleiterin Malin. Und er gesteht ihr: "Nein, ich kann nur Einkaufs- und Wegfragfranzösisch. Wenn ich andere Leute reden höre, verstehe ich nur hier und da mal ein Wort."

Und das sei auch gut so. "So kann ich mich an der Freundlichkeit und Höflichkeit hier erfreuen, ohne zufällig auf eine Rückseite der Medaille zu stoßen. Ich nehme keine Zwischentöne und Nebengeräusche wahr, die mich am Charme der Einheimischen zweifeln lassen könnten", was Wahlprovenzalen aus dem Norden nicht selten so empfinden. "Ich höre keine Verachtung, keinen Hass, keine Kriecherei, nicht mal Dummheit oder Arroganz." Er muss jedoch einräumen, dass sich "etwas davon" gelegentlich "in Gesichtern oder Gesten" widerspiegelt. "Aber dann sage ich mir, es sind nicht meine Leute, ich habe keine Ansprüche an sie zu stellen."

Hast du manchmal Heimweh nach Deutschland?, dringt Malin weiter in den Mittsechziger, der sich im Midi ein Haus gekauft und nach dem überraschenden Tod seiner Schwester Nina auf ein Dasein in stiller Abgeschiedenheit eingerichtet hat. Und er antwortet Malin, die plötzlich vor seiner Tür stand und sich als (von Nina niemals erwähnte) Tochter seiner Schwester ausgibt, knapp: "Bisher nicht."

"Aber du bist ein Fremder", lässt sie nicht locker. "Macht dich das nicht einsam, zum Einsiedler, zum freiwilligen Exilanten?" Vielleicht sei er gar ein Misantrop. Nein, wehrt er ab – aber selbst wenn alle hier nett wären, wolle er nicht wissen, was diese Leute denken. Malin: "Aber in Deutschland hast du alle Zwischentöne gehört..." Der Rentner aber – als junger Mensch durchaus kontaktfreudig – hat erfahren müssen, dass die sich meisten Menschen als "feindselig und streitsüchtig" entpuppen.

Und mit dem Bekenntnis, dass das vielleicht an ihm gelegen habe, führt Vollmann (Bayer) geradewegs auf sein Thema zu: "Irgendwann habe ich jedenfalls verstanden, dass ich fremd bin. Ob in Deutschland oder sonstwo, ich gehöre nicht dazu. Ich war immer woanders, in einer Art innerem Ausland." Und dort stimmten das Innere und Äußere in etwa überein.

Wie auch immer: Im Roman kommen sich der "Onkel" und die mysteriöse Tochter seiner Schwester, die gar keine Tochter hatte, sehr schnell näher. Vollmanns Blick auf Vergangenheit und Zukunft verändert sich grundlegend, und er begreift, dass ihm die Begegnung mit Malin eine unverhoffte Chance bietet.

Der in Staufen (Breisgau) lebende, frankophile Thommie Bayer, der Malerei studierte und sich zunächst als Liedermacher einen Namen machte, hat seine Geschichten schon häufig in der Provence angesiedelt, zum Beispiel in Bormes-les-Mimosas. Frühwerke aus den achtziger Jahren wie "Das Herz ist eine miese Gegend", das viele seiner Leser (wie damals auch den Autor selbst) spontan ins Herz geschlossen haben, werden heute leider nur noch selten erwähnt. Ein breiteres Publikum erreichte der gebürtige Esslinger mit "Andrea und Marie", das das ZDF mit Iris Berben und Hannelore Elsner für die Primetime verfilmen ließ. "Eine kurze Geschichte vom Glück" war gar für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Rolf Liffers