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Werde du selbst! Kindgerechtes Lernen nach Montessori

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Keine Noten, Freiarbeit und gemischte Jahrgänge: Oft kritisch beäugt, tatsächlich aber voller Chancen, erlebt Montessori-Pädagogik weltweit einen Aufschwung. Eine Schule in Sophia-Antipolis zeigt, wie Unterricht alternativ laufen kann.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte die italienische Ärztin Maria Montessori, wie unterschiedlich Kinder ticken und wie wichtig es ist, dass sie sich frei und ihren Vorlieben entsprechend entfalten können. Wenn Kinder ihre Umwelt selbst entdecken und verstehen lernen, entwickeln sich verantwortungsvolle, unabhängige, kreative Menschen, die sich für das Wohl Gesellschaft und für den Frieden einsetzen.

Ihre Einsichten, auch als Montessori-Pädagogik bezeichnet, beruhen auf dem Bild des Kindes als «Baumeister seines Selbst». Die Ärztin entwickelte noch heute eingesetzte Materialien, mit denen die Schüler sich nach und nach das Leben in einer komplexen Welt erarbeiten. Hilfestellung erhalten sie natürlich von Lehrern, die individuell auf jedes Kind abgestimmte didaktische Techniken anwenden, um sie optimal zu fördern. Als Grundgedanke der Montessori-Pädagogik gilt die Aufforderung: «Hilf mir, meine Arbeit selbst zu tun!» Noten werden nicht vergeben.

Was die Ärztin damals quasi intuitiv durch Beobachtung entwickelt hat, haben neurowissenschaftliche Studien mittlerweile als sinnvoll bestätigt.

Alle Theorie ergibt sofort Sinn, wenn Schulleiter Nicolas Wattel in Sophia-Antipolis durch das liebevoll eingerichtete Schulgebäude «Les Colibris» mit großem baumbewachsenen Garten samt Tieren, Gemüsebeeten und Kompostanlage führt. Für jede aus zwei bis drei Jahrgängen bestehende Altersgruppe gibt es in der zweisprachig englisch-französisch geführten Montessori-Schule einen Klassenraum, in dem Holz dominiert. Die großen Klassenräume wiederum sind unterteilt nach Lehrstoff: In einer Ecke geht es um das alltägliche Leben, in einer anderen um Mathe, daneben um Sprache, um Geographie und so weiter. Sogar einen «Friedenstisch» gibt es, an dem die Kinder alleine Streite schlichten lernen. «Wir respektieren Kinder und vertrauen ihnen – so lernen sie sich zu entfalten», nennt der Schulleiter eine ganz wichtige Einstellung des Personals.

Verstehen statt auswendig lernen

In der Klasse der 3- bis 6-Jährigen beispielsweise stehen in einem flachen, kindgerechten Regal kleine Tablette mit Schüsselchen und Kännchen, befüllt zum Beispiel mit Reis oder Wasser, und einem kleinen Putzlappen daneben, mal rosafarben, mal in Gelb oder Blau. Hier können die Kleinen «Essen zubereiten»: Wasser einschenken, Reis fühlen und umfüllen, kurz: nach Lust und Laune experimentieren. Buchstaben, die es zu erlernen gilt, sind in einer anderen Ecke des Raumes als kleine Holzformen vorhanden, mit weicher Textur – um den Tastsinn der Kinder beim Lernen mit einzubeziehen. Würfel und Perlen machen an wieder anderer Stelle mathematische Regeln im wahrsten Wortsinne begreifbar. Verstehen statt auswendig lernen, ist die Devise.

«Das Material richtet sich an alle Sinne und die unterschiedlichen Merk-Arten, die ein Kind benutzt – denn jedes Kind lernt anders», so Georgina Wattel, die pädagogische Leiterin der Schule. «Das Material ist auf die unterschiedlichen Entwicklungs-Etappen abgestimmt, die jedes Kind durchläuft.» Auch nach über 100 Jahren habe es nicht an Aktualität eingebüßt, «denn die Entwicklung des Gehirns funktioniert seit Ewigkeiten auf die gleiche Art und Weise».

Und genau das sei einer der Knackpunkte an einer Montessori-Schule: «Hier werden mehr Gehirnareale benutzt als an Regelschulen, Synapsen können sich entsprechend besser bilden.»

Dem eigenen Rhythmus folgen

Die oft gehörte Kritik, Kinder könnten an einer Montessori-Schule tun und lassen, was sie wollten, akzeptieren Schulleiter Nicolas Wattel und seine Frau nicht: «Natürlich gibt es hier Regeln, viele sogar, aber das Kind lernt nach seinem Rhythmus.» Hervorgehoben werden Dinge, die es kann, nicht die, die es noch nicht gelernt hat. Außerdem gehören außerschulische Aktivitäten fest in den Lehrplan, zum Beispiel die Zusammenarbeit mit einem Altenheim.

An die Schule mitten im Technologiepark Sophia-Antipolis gehen 130 Schüler mit rund 25 Nationalitäten. Viele kommen, weil schon die Eltern überzeugte Montessori-Absolventen sind, andere, weil sie sich in der französischen Regelschule schlecht aufgehoben fühlen oder sogar gravierende Schwierigkeiten haben. Schüler, die sich an anderen Schulen bereits aufgegeben haben, gewinnen hier wieder Vertrauen in sich selbst: «Sie leben auf – das ist häufig das erste, was Eltern uns berichten!» so Georgina Wattel.

Der Übergang auf ein «normales» Collège nach der 6. Klasse verlaufe in aller Regel völlig unproblematisch, sagt ihr Mann: «Wer bei uns gelernt hat, findet sich überall ein. Hier werden die Kinder sogar besser auf das Collège und die plötzlich erwartete Eigenständigkeit vorbereitet als an einer traditionellen Schule.»

Aila Stöckmann

 

Montessori-Schule «Les Colibris»
• zweisprachig Englisch/Französisch (mit je einem englisch- und einem französischsprachigen Lehrer pro Klasse)
• für Kinder von 2 bis 12 Jahren
• Jahresgebühren: rund 8000 Euro
• Adresse: 3735 Route des Dolines, 06410 Biot/Sophia-Antipolis
• Tel. +33 (0)4 93 63 29 96
info@colibrischool.fr
www.ecole-montessori-colibris.com