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«Ich wär’ gern Bildungsministerin» - Ein Treffen mit Britta Heidemann

SPORT

Im RZ-Interview spricht die deutsche Fecht-Olympiasiegerin über ihre neue Rolle als Funktionärin, über Kinder-Projekte als Herzensangelegenheit und ihre Beziehung zu Monaco. Lässig pariert sie Fragen zu China und erklärt, warum ihr die ewigen China-Nörgler auf die Nerven gehen.

Britta Heidemann Sportel Monaco IOC FIA Was macht eigentlich Britta Heidemann? Ziemlich viel sogar; das wird schnell klar, als sie sich energiegeladen und guter Laune am Rande von Monacos «Sportel» ausführlich Zeit für ein Gespräch nimmt. Die Messe dient immer im Herbst als internationale Plattform für Sport, Medien und Business. Höhepunkt des Branchentreffs ist die Vergabe der «Sportel Awards» für die besten Filmbeiträge aus dem Sport. Die inzwischen 37-Jährige, eine der erfolgreichsten Fechterinnen aller Zeiten, saß in der Jury.
Vor zwei Jahren hat die Kölnerin dem Leistungssport Ade gesagt und bewegt sich seither auf neue Weise durch die Welt der Leibesertüchtigung: als gefragte Funktionärin. Sie ist neben Thomas Bach einziges deutsches Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und mischt automatisch auch auf nationaler olympischer Ebene mit. Sie ist Botschafterin des Kinder-Projekts «Sport für Entwicklung» der Bundesregierung, was ihr besonders am Herzen liegt. Dann sind da noch Verpflichtungen hinter den Kulissen im Motorsport und im Fußball.
Auch wenn sie sich glücklich schätzt, sich weiter in der Sportwelt bewegen zu dürfen, hadert sie gelegentlich mit den Ansprüchen, die in Deutschland an Ehrenämtler gestellt werden, wo man informiert sein müsse bis ins Kleinste. Das lasse ihr nicht genug Zeit für alle Projekte, die sie gerne angehen oder vertiefen würde.
Neben all den ehrenamtlichen Engagements steht schließlich auch hauptberuflich einiges auf der Agenda. Britta Heidemann hält Vorträge zum Umgang mit Druck, über mentale Stärke und zur richtigen Balance. Und vor allem ist da ihr profundes Wissen über China, kulturell wie wirtschaftlich, das sie als Beraterin nutzt. Nach wie vor spreche sie, die schon mit 15 Jahren eine Weile in einer chinesischen Gastfamilie gelebt hat, fließend Chinesisch. Unvergessen, dass sie ausgerechnet bei den olympischen Spielen in Peking 2008 die Goldmedaille im Degenfechten holte! Was nicht jeder weiß: Die Deutsche trat damals und seither oft in chinesischen TV-Sendungen auf und wird in dem Land nach wie vor verehrt.

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Kurz-Bio von Britta Heidemann:

• größte sportliche Erfolge im Degenfechten: Olympia-Gold 2008 in Peking, Weltmeisterin 2007
• Studium: Regionalwissenschaften Chinas, Schwerpunkt BWL
• Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), seit 2016
• Präsidiumsmitglied des Deutschen Olympischen Sportbundes
• Botschafterin der Bundesregierung «Sport für Entwicklung»
• Mitglied der FIA-Kommission «Frauen im Motorsport»
• bietet u.a. Fecht-Workshops an, hält Vorträge über Parallelen zwischen Fechtsport und Management
• Beraterin zu chinabezogenen Themen
• Autorin von Ratgeber-Büchern

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Britta Heidemann im Gespräch

Ist Ihr Leben heute bunter als zu Zeiten, als Sie voll im Leistungssport steckten?
Nein, ich habe tatsächlich immer alles parallel gemacht. Von daher war das Leben immer bunt. Jetzt habe ich mehr Zeit, mich auszuleben – wobei gerade die IOC-Tätigkeit, und zwar rein auf Deutschland bezogen, sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Daher ich kann mich nicht so sehr auf andere Dinge konzentrieren, wie ich gerne würde. Mich interessieren Kinder und Jugendliche, mich interessiert die duale Karriere, mich interessiert das Wohlbefinden bei olympischen Spielen... Aber solange Themen wie Anti-Doping so aktuell sind, bleibt dafür wenig Raum. Verständlich, aber total schade.

Wie sieht Ihr Job beim IOC genau aus?
Hier in Monaco bin ich gerade vom IOC delegiert dafür, in der Jury beim Sportel-Award zu sitzen. Es gibt viele solcher Veranstaltungen repräsentativer Art. Aber es wird auch viel intern diskutiert: Wir haben Mental-Health-Programme und tauschen uns darüber aus, auch über Gewalt im Sport – also sexuelle, seelische, physische... Besprochen werden auch Dinge wie die Gestaltung des olympischen Dorfes, die Nachhaltigkeit olympischer Spiele, aber genauso die Frage: Wie sehen die Medaillen aus? Das geht wirklich von A bis Z, die ganze Bandbreite der olympischen Bewegung ist Thema. Zurück in Deutschland muss ich mich vor allem mit den Themen Anti-Doping und Gelder-Verteilung beschäftigen.

Gilt das nicht für alle IOC-Mitglieder?
Deutschland ist eine von den wenigen Nationen, die das IOC und die olympischen Spiele sehr kritisch betrachtet. Da sind wir als Nation ja auch stolz drauf, dass wir kritisch hinterfragen, aber deswegen ist das eine noch größere Aufgabe für uns als vielleicht für andere Repräsentanten im IOC. Die können sich mit anderen Themen befreiter beschäftigen, während ich ein paar Themen halt vorgegeben habe. Meine Passion liegt eher woanders, da muss ich noch die Mitte finden.

Für das IOC sind Sie aktuell in Monaco. Welches Verhältnis haben sie zum Fürstentum?
Ich habe eine Bindung zu Monaco insofern, als Fürst Albert ja auch im IOC ist. Daher kennen wir uns ganz gut, sind gute Kollegen. Bei olympischen Spielen verbringt man Zeit miteinander bei den IOC-Sessions, aber man trifft sich auch tagsüber bei den Sportwettkämpfen, und da entstehen gute Bekanntschaften unter den IOC-Mitgliedern. Außerdem war ich hier auch schon ein paarmal für die Formel 1, denn ich bin auch noch in der FIA-Frauenkommission.

Sie engagieren sich besonders gerne für Kinder und Jugendliche. An was für Projekten sind Sie beteiligt?
Das sind unterschiedliche soziale Projekte, die fast immer mit Sport verknüpft sind. Ich bin zum Beispiel auch Kuratorin der Bundesliga-Stiftung und habe die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mehrmals zu den Weltmeisterschaften begleitet, zum Beispiel nach Südafrika. Bei der Gelegenheit gehen wir in Slums, und dort wird von der Bundesliga zum Beispiel ein Fußballfeld gebaut und Mannschaften werden mit Sportkleidung und Bällen ausgestattet. Wir waren auch in Brasilien, in Favelas, und haben versucht, Werte durch sportliche Spiele zu vermitteln. Mal geht es gegen Gewalt, mal um die Stärkung des Selbstbewusstseins von Mädchen oder um Umweltbewusstsein... Das kann alles durch Sport erreicht werden. Aus meiner Sicht ist die Kraft des Sports unerschöpflich.

Gibt es auch nationale Projekte, auf kleinerer Ebene?
Ich finde es gut, wenn man auch vor der eigenen Haustür guckt – das ist ursprünglich immer mein Fokus und Interesse gewesen. In der Bundesliga-Stiftung machen wir sehr viele dieser Programme in Deutschland. Die haben viel mit Integration zu tun. Ich finde übrigens auch, es muss nicht alles Integration sein, das kann auch einfach der Junge von nebenan sein, der nicht weiß, wohin mit seinem Leben.
Aber durch meine Aktivitäten im internationalen Sportgeschäft und als «Sport für Entwicklung»-Botschafterin der Bundesregierung hat sich das alles ‚verinternationalisiert‘. (Die Sportprogramme von «Sport für Entwicklung» führen Britta Heidemann in Länder wie Afghanistan, Brasilien oder Kolumbien – Anm.d.Red.) Ich bin gerne international unterwegs, habe aber gleichzeitig auch den Drang, in meinem Land mitzureden. Ich wär‘ auch gern Bildungsministerin, zum Beispiel. Dann würde ich einen schönen Rundumschlag machen, da hätte ich schon viele Ideen…

Wie wäre es mit Fechten als Breitensport?
Ich habe tatsächlich großes vor mit diesem Sport! Ganz sicher hat das Fechten Massentauglichkeit, weil es längst ein Massensport ist. Welches Kind hat nicht schon mal mit einem Stock gefochten? Außer Laufen, Schwimmen oder Fußball gibt es, glaube ich, keinen Sport, der so automatisch ausgeführt wird. Von daher liegt das Potenzial des Fechtens auf der Straße.
Im Moment sind es Träumereien, ich kann halt auch nicht alles machen – in der Favela in Brasilien sein und gleichzeitig noch einen Weltkonzern aufziehen. Und gerade in Deutschland wird auch von Ehrenämtlern in der Sportpolitik erwartet, dass man bis ins kleinste Detail über jedes Thema informiert ist, gerade im IOC. Da habe ich auch nicht den Eindruck, dass ich das immer befriedigend bedienen kann. Aber ich weiß, dass ich deutlich mehr weiß und involvierter bin als viele meiner internationalen Kollegen. Da bleibt dann weniger Zeit für anderes übrig, als ich mir wünschen würde.

Kein Interview mit Britta Heidemann ohne das Thema China… Wie gut sprechen Sie heute noch Chinesisch?
Ich habe eine chinesische Schwägerin, mein Bruder hat eine Chinesin geheiratet, und wir machen tatsächlich gemeinsam das ganze China-Geschäft (Britta Heidemann ist beratend tätig und begleitet beispielsweise Delegationen aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur oder Sport ins Reich der Mitte – Anm.d.Red.). Von daher habe ich die Gelegenheit, wann immer ich möchte, Chinesisch zu sprechen. Das reißt nicht ab.

Warum ist Ihnen China so wichtig?
China ist eines der Länder, das immer weiter eine Rolle spielen wird, und es ist ein absoluter Fehler, sich damit nicht zu beschäftigen. Ich werde häufig gefragt: Nehmen die Deutschen teilweise Geschäfte nicht wahr, weil es um Chinesen geht? Nein! Ich wüsste nicht, welches große Unternehmen sagen würde, weil uns Chinese XY nicht gefällt, machen wir mit China kein Geschäft. Es gibt natürlich auch ökonomische Zwänge, warum man die Chancen wahrnehmen muss und den Markt China nicht auslassen kann.

Aber das klingt einfacher, als es ist?
Aus meiner Sicht müssen die Fehler reduziert werden. Man kann da nicht einfach hingehen, mit vor Stolz geschwollener Brust und erwarten, man sei der willkommene Held. Die Chinesen wissen ganz genau, wer sie sind, was sie können. Man muss ja nur mal rechnen: Bei 1,4 Milliarden Menschen hast du natürlich in der absoluten Zahl deutlich mehr Genies als in anderen Ländern. Und das sind auch die, die die Schlüsseljobs ausüben. Das sind hochintelligente Menschen, die mittlerweile auch alle international unterwegs sind, und die lassen sich weder veräppeln noch bevormunden.

Wie helfen Sie?
Wir sind in unterschiedlichen Branchen aktiv. Wir helfen beim Netzwerken, beraten, leiten Gespräche in die Wege und begleiten Unternehmer auch vor Ort. Wir wissen, wer mit wem sprechen und wer da sein sollte. Wir geben Tipps, was und wie etwas präsentiert wird. Die Soft Skills sind am Ende entscheidend. Selbst wenn die nackten Zahlen vielleicht stimmen würden – wenn man im Raum spürt, der eine vertraut dem anderen nicht, vielleicht weil eine Seite etwas falsch verstanden hat, dann sind das die Momente, in denen meine Schwägerin und ich zur Stelle sind.

Woher kommt Ihre Liebe zu China?
Ich finde China unheimlich spannend. Es gibt jeden Tag was zu entdecken, die Dynamik des Landes fasziniert mich. Die Menschen sind noch so motiviert und enthusiastisch nach vorne denkend. Oft – zum Beispiel in den Interview, das ich vor diesem gegeben habe – wird das alles so zerlegt. Darauf hab‘ ich keine Lust mehr. Ich bin ursprünglich ein ganz positiver, dynamischer, nach vorne denkender Mensch, aber dann dieses ganze Rumgenörgele… ich umgebe mich lieber mit Leuten, die nach vorne denken.

Apropos «nach vorne»: Auf welches Zukunftsprojekt freuen Sie sich besonders?
Ich überlege, ob ich meine Aktivitäten in einem oder mehreren Unternehmen ein bisschen strukturiere. Die menschliche Psyche ist ja so: Man braucht Struktur.
Und nachdem ich Abitur gemacht hatte, habe ich überlegt, ob ich entweder ein Doppelstudium mache oder eine Piloten-Ausbildung mit Maschinenbaustudium kombiniert oder ob ich Flying Doctor in Australien werde. Tatsächlich ist daraus Chinesisch und BWL geworden. Aber jetzt habe ich die Idee mit dem Pilotenschein noch mal aufgenommen und angefangen, Flugstunden zu nehmen. Da werde ich mich mal reinhängen, da hab’ ich Lust drauf.

 

Das Gespräch führte Aila Stöckmann