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„Die Auserwählte“: Deutsche Ärztin erneut in Nizzas Stadtrat

MENSCHEN

Ende Juni gewann Nizzas alter und neuer Bürgermeister Christian Estrosi die élections municipales im zweiten Wahlgang. Die Hälfte seines Stadtrates besetzte er neu. Seine Namensvetterin Christiane Amiel jedoch gab er nicht her: Die Deutsche ist nun adjointe au maire – Beigeordnete des Bürgermeisters – für internationale Beziehungen sowie Städtepartnerschaften. Ein Porträt.

Wohl kaum eine Sprache ist so blumig wie die französische. Sprechen wir im Deutschen von Abgeordneten oder Lokalpolitikern, geht es hierzulande um «Auserkorene» oder «Auserwählte». Zu diesen «Élus» gehört die Saarbrückerin Christiane Amiel nun schon seit sechs Jahren und dient mit großem Elan und Engagement ihrer Wahlheimat Nizza.

Einzige deutsche Stadträtin Frankreichs

Die soeben in den Ruhestand (O-Ton: «Ruhestand? Was ist das denn?») getretene Gynäkologin ist die einzige deutsche Stadträtin Frankreichs und lebt hier seit 1985. All die Jahre setzte sie sich beim Conseil Général der Alpes-Maritimes unter anderem für sozial schwach gestellte sowie inhaftierte Frauen ein. 2018 wurde ihr das deutsche Verdienstkreuz für ihre Bemühungen um die deutsch-französischen Beziehungen verliehen.

Ihr Interesse für Politik wurde bereits in ihrem saarländischen Elternhaus geweckt, wo Persönlichkeiten wie Willy Brandt willkommene Gäste waren.

Die Aufgabe der Stadträtin ist ihr – integer, effizient und geradeaus – wie auf den Leib geschnitten. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, was in politischen Kreisen nicht unbedingt Usus ist. Sie liebt es, auf Menschen zuzugehen. Außerdem ist Amiel nun auch Abgeordnete des Städteverbandes «Métropole Nice Côte d’Azur».

Europapolitik auf lokaler Basis

«Es ist eine schöne Herausforderung, einen Teil der 30 Städtepartnerschaften Nizzas neu zu beleben», sagt sie. «Ich möchte auch im Sinne von Merkel und Macron Europapolitik auf lokaler Basis machen. Gleichzeitig will ich zeigen, dass unsere Stadt nicht nur ein touristisches Ziel, sondern auch ein Wirtschaftszentrum mit interessanten Investitionsmöglichkeiten sowie eine wichtige Universitätsstadt mit einer guten juristischen Fakultät ist und über eine angesehene Uniklinik verfügt. Für all diese Bereiche will ich versuchen, für Nizza Flagge zu zeigen und die entsprechenden Leute zusammenzubringen.»

Wir unterhalten uns im September, zu einem Zeitpunkt, an dem Frankreichs Covid-19-Zahlen gerade wieder in die Höhe schnellen. Nach ihrer Ansicht gibt es mehrere Gründe für diese Entwicklung: die Besucher, die den Virus mit in den Urlaub an der Küste gebracht haben, die Disziplinlosigkeit der Einheimischen und der «soif de vivre», die allgemeine Lust auf Leben. «Ich fürchte, es wird nie wieder ganz so sein wie früher. Aber deswegen darf man nicht hysterisch werden und muss vor allem die entsprechenden Schutzmaßnahmen respektieren. Natürlich können virtuelle Kontakte niemals den persönlichen Dialog ersetzen.»

Für Politiker sei es sehr schwierig, jetzt Prognosen für die Zukunft zu stellen, so Christiane Amiel. Immerhin, dem Tourismus Nizzas sei es mit 87 Prozent Auslastung in den ersten beiden August-Wochen nicht so schlimm ergangen, meint Amiel. «So sind viele Deutsche, die bisher nach Thailand oder auf die Seychellen reisten, nun an der Côte d’Azur gelandet.» (Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für die französische Riviera als Risikogebiet kam erst später.)

Selbst gewählte Heimat

«Ich bin stolz darauf, dass Christian Estrosi mir aufs Neue sein Vertrauen geschenkt und mich damit beauftragt hat, zu Nizzas internationalem Image beizutragen. Diese Aufgabe bereitet mir große Freude. Und im Gegensatz zu den Einheimischen habe ich diese Stadt zu meiner Heimat erwählt

Petra Hall