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„Potzblitz“: Schöne alte Wörter verschwinden aus der Sprache

KULTUR

Die Sprache lebt. Das kann man bedauern, weil dadurch so viele schöne und treffende Wörter aussterben. Andererseits entstehen ständig neue, weil die unzähligen Errungenschaften der modernen Welt ja einen Namen haben müssen. Also muss die Gesellschaft immer neue Begriffe kreieren. Hiervon profitieren insbesondere die Anglizismen, die die Nationalsprachen inzwischen durchsetzen und Sprachpuristen in Deutschland und Frankreich auf die Barrikaden bringen.

Fragende Gesichter bei meinen Enkeln, als mir kürzlich das Wort mannigfach entschlüpfte. Sie fanden die Vokabel witzig. Ihr Sinn aber erschloss sich ihnen nicht. Mein französischer Schwiegersohn mühte sich derweil vergebens, mir die Bedeutung von „morbleu" und „parbleu" zu erklären, Wörter, die ich bei Chansons von Georges Brassens aufgeschnappt und nicht verstanden hatte. Erst ein halbzerfetzter „Larousse" der vorletzten Jahrhundertwende, den ich für 50 Cent auf dem Flohmarkt von Hyères ergattert hatte, gab mir Aufschluss. Das eine heißt „Ei der Daus", das andere „Potzblitz", Wörter, die im Französischen wie im Deutschen nicht mehr gebräuchlich sind.

Die dpa hat kürzlich die Frage untersucht, wer heute noch „Schabernack“, „hanebüchen“ oder „Mumpitz“ sagt. „So gut wie niemand", bestätigte die Bonner Professorin Claudia Wich-Reif. „Der Grund dafür ist einfach: Wir brauchen diese Wörter nicht mehr. „Sapperlot! Was ist das für ein hanebüchener Kokolores, treibt da ein Schlingel Schabernack?“ - Wer versteht das noch? „Im Laufe der Jahre verschwinden immer wieder Wörter aus dem aktiven Sprachgebrauch", sagt die Professorin für Geschichte der Deutschen Sprache an der Uni Bonn. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Häufig werden Begriffe durch angesagtere Bezeichnungen ersetzt, Stöckelschuh zum Beispiel durch High Heels. Andere Wörter sind nicht mehr politisch korrekt und werden abgelöst, weil sie etwa als diskriminierend gelten.

Manchmal verschwinden Wörter auch, weil es die Sache, die sie bezeichnen, kaum noch gibt - etwa „Schwindsucht“, aber auch „Walkman“ oder „Videorekorder“. Die letzten beiden Begriffe zeigen, dass keineswegs nur sehr alte Wörter vom Aussterben bedroht sind, sondern durchaus auch relativ junge Begriffe, die schlichtweg vom Fortschritt überholt wurden, sagt Wich-Reif. „Durch das Wegfallen von Wörtern verarmt die Sprache aber nicht“, betont sie. „Wir bekommen ja auch ständig neue Wörter dazu.“ Viele davon entstammten der Jugendsprache.

Katharina Mahrenholtz hat hundert „vergessene Wörter“ in einem kürzlich im Duden-Verlag erschienenen Buch zusammengestellt und ihre Herkunft beleuchtet. „Kaum jemand kennt zum Beispiel die ursprüngliche Bedeutung von „hanebüchen“, sagt die Journalistin. Denn seinen Ursprung hat „hanebüchen“ im Namen der Hainbuche, einem Baum mit sehr knorrigem Holz. Daraus bildete sich das Adjektiv „hainbüchen“, was im 18. Jahrhundert zu „hanebüchen“ wurde und seine Bedeutung zu „absurd“ oder „unerhört“ wandelte.

„Kokolores“ entstand laut Mahrenholtz wahrscheinlich im 16. Jahrhundert als Nachahmung eines Hahnenschreis, so wie „Kikeriki“. „Kokolores“ ist als Synonym für „Unsinn“ oder „Quatsch“ inzwischen eher ungebräuchlich, ähnlich wie „Firlefanz“, „Mumpitz“ oder auch „Schabernack“ - letzteres stammt aus der Zeit des 14. Jahrhunderts, als Till Eulenspiegel seine Streiche spielte.

„Ich mag diese „Unsinn“-Wörter, sie implizieren schon vom Klang her eine gewisse Lustigkeit“, meint Mahrenholtz. Deshalb verwende sie sie auch manchmal noch - genauso wie einige andere, die für sie mit persönlichen Erinnerungen verbunden seien, sagt die Autorin: „„Schlingel“ zum Beispiel hat meine Oma immer gesagt.“

Kindheitserinnerungen und Nostalgie seien häufig Gründe, warum jemand ein inzwischen ungebräuchliches Wort weiterbenutzt - oder weil er bedauert, dass es kaum noch zu hören ist, meint auch Wich-Reif. Beim Ausruf „Sapperlot!“ denkt so mancher vielleicht an den „Räuber Hotzenplotz“, beim heute höchstens noch in der Gastronomie zu hörenden „Fräulein“ fällt Erich-Kästner-Fans vielleicht das Kindermädchen „Fräulein Andacht“ aus „Pünktchen und Anton“ ein.

Allerdings: „Die Wörter sind ja nicht wirklich weg, sondern existieren in alten Texten durchaus weiter“, betont Wich-Reif. „Sprache unterliegt dem Wandel und ist immer auch ein Kennzeichen für eine bestimmte Zeit.“

Übrigens: Nicht nur einzelne Wörter verschwinden aus dem Sprachgebrauch, sondern auch in der Grammatik gehen Dinge verloren - etwa das Dativ-E wie bei „dem Manne“ oder „dem Buche“. „Dem trauert wohl niemand nach“, meint die Wissenschaftlerin. Ihr Fazit: „Wenn wir alles behalten hätten, was irgendwann mal da war, dann würden wir heute wahrscheinlich noch Althochdeutsch sprechen.“

R. Liffers