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„Tschudi“: Warum Kunst systemrelevant für die Seele ist

KULTUR

Dieses Buch ist ahnungsvoll geschrieben für alle jene, die Kunst und Schönheit wie die Luft zum Atmen brauchen. Für alle, denen die Museen fehlen, die gerne staunend vor einem Meisterwerk verharren und wissen: Kunst kann die Welt nicht verbessern, aber das Leben erträglicher machen. Für RZ-Autorin Susanne Altweger-Minet ist „Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hussaini die ideale Lektüre in Coronazeiten.

Im Mittelpunkt des Buches steht – auf der historischen Figur beruhend – Hugo von Tschudi, groß gewachsener und weltgewandter Sprössling aus altem schweizerischem Adelsgeschlecht, geboren 1851. Seine Mutter war die Tochter des romantischen Malers Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld. Nach Studium und Promotion zum Dr. Jur. in Wien und ausgedehnten Reisen wurde er schließlich 1896 Direktor der Nationalgalerie in Berlin. In dieser Eigenschaft kaufte er mit seinem Freund Max Liebermann über 30 Werke französischer Künstler wie Manet, Monet, Degas und Cézanne.

Natürlich hatte er zu kämpfen, gegen Intrigen der Historienmaler wie etwa Anton von Werner und natürlich gegen Kaiser Wilhelm II. und seinen althergebrachten Kunstgeschmack.

Aber er scheint eine enorm charismatische und durchsetzungsstarke Persönlichkeit gewesen zu sein. Das macht das Buch so einzigartig: Die Autorin kriecht förmlich in seine Seele, sie erzählt die Figur von innen heraus und wirft uns dabei Sprachperlen vor die Füße, die lange nicht mehr zu finden waren. „Es roch nach nassem Leben, nach Nachdenklichkeit.“ Oder über Wagners Musik: „Das Glitzern ist einmalig in der Musik, es ist wie vertonter Lichtnebel, goldener Staub.“

Die Sprache ist durch und durch poetisch, ohne sich jemals eitel oder redundant in Metaphern zu flüchten. Die Spannung bezieht das Buch aus der enormen Empathie, mit der sich die Autorin der widersprüchlichsten Menschen annimmt. Selbst dem uns heute als glücklos lächerlichen Menschen erscheinenden Wilhelm II., mit seinem gezwirbelten Bart und der Pickelhaube, verleiht sie sehr menschliche Züge. Als er vom Tod seines Lieblingsmalers Adolph von Menzel erfuhr, „blickte er seinen Sohn ausdruckslos, verletzt und lauwarm an“.

Die Autorin interessiert sich für die „Versehrten“: den gnomenhaften Maler Menzel, Kaiser Wilhelm, der unter seinem verkrüppelten Arm leidet, und in erster Linie natürlich Tschudi. Er ist ein Philanthrop und Humanist, eine schöne Seele. Doch sein Gesicht zersetzt sich immer mehr durch die sogenannte Wolfskrankheit (Lupus erythematosus). Sie führt zu Angst und Depression, Todesahnungen, die er aber mit sich selbst ausmacht. Bei Virchow lässt er sich eine Maske anpassen, was seine erotische Ausstrahlung vielleicht noch steigert.

Überhaupt die Erotik: auch sie kommt so zart und beschwörend in dieses Buch, wenn Tschudi seine schöne Spanierin Ela findet, die später von Max Slevogt gemalt wird.

Natürlich ist „Tschudi“ ein Buch für Bildungsmenschen und vor allem eines für Liebhaber der Malerei. Es stellt Berlin in den Mittelpunkt und macht die anderen Metropolen der vorvorigen Jahrhundertwende, Wien und Paris, kurzfristig vergessen.

Meine persönliche Empfehlung: Googeln Sie parallel zum Lesen die erwähnten Bilder und Maler! Schauen Sie neben den berühmten Franzosen auch mal wieder auf die deutschen Impressionisten, vor allem Liebermann und Slevogt!

Dies ist das Buch für die Coronazeit schlechthin. Sprachverzauberung mit Bildersuche: zum Beispiel Lovis Corinth, „der den irren Blick jener Zeit hatte. Von einem Jahrhundert in das nächste gepeitscht“. Ist es uns nicht genauso ergangen, bevor wir brutal ausgebremst wurden und zum Nachdenken verdonnert?

Tage es Rückzugs und der Stille mit sich selbst werden mit diesem Buch zu Festtagen.

„Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hussaini: Rowohlt Verlag, 319 Seiten, 24 Euro