Haupt-Reiter

Albert Camus und sein Pest-Roman: Renaissance „dank“ Corona

KULTUR

Damit konnte nun wirklich niemand rechnen: Der Seuchenklassiker „Die Pest“ von Albert Camus ist durch die Corona-Krise sozusagen über Nacht wieder zum Bestseller geworden. Auch auf der Bühne wird der Literaturnobelpreisträger von 1957, der in Lourmarin im Departement Vaucluse (Region Provence-Alpes-Côte d'Azur) lebte und dort nach einem tödlichen Autounfall beigesetzt wurde, „gefeiert“.

"Es beginnt im schönsten Frühling, und niemand will es wahrhaben", erinnert der Journalist Klingbeil an die Geschichte. "Dann lässt das seltsame Fieber die Zahl der Kranken und Toten rasant steigen. In der eilig verhängten Isolation sind die Menschen einem zermürbenden Kampf gegen einen unsichtbaren tödlichen Gegner ausgeliefert."

Wer sich in diesen Tagen „Die Pest" zu Gemüte führt, den beschleicht das unheimliche Gefühl, an den aktuellen Pandemie-Geschehnissen entlang zu lesen – dabei ist das Buch1947 erschienen. „Es hat auf der Welt genauso viele Pestepidemien gegeben wie Kriege", heißt es an einer Stelle, „und doch treffen Pest und Krieg die Menschen immer unvorbereitet."

"Die Pest" als Miniserie

3sat und ZDFkultur präsentieren "Die Pest" zurzeit als Miniserie. Das vom Theater Oberhausen realisierte Projekt hat Videokünstler und Regisseur Bert Zander mit dem Ensemble des Theaters sowie mit Einwohnern der Stadt digital in Szene gesetzt. Die Mitwirkenden werden wegen der Kontaktbeschränkungen alleine zu Hause oder im Freien gefilmt und die einzelnen Szenen später im Schnitt zu je 20-minütigen Folgen zusammengefügt.

Der Roman des französischen Autors ist vor allem als Studie der sozialen und psychischen Auswirkungen aufschlussreich, die auch aktuell international kontrovers diskutiert werden. Eingehend schildert Camus Isolation, Trennung, Einsamkeit, Verunsicherung, Furcht, Lethargie. Die Seuche bringt aber auch Gutes im Menschen hervor, worauf viele Idealisten wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, etliche Philosophen und Psychologen nun auch in Europa inständig hoffen. Skeptiker eher nicht...

„Die Pest" hat schon viele Renaissancen erlebt, hat Klingbeil recherchiert. Wann immer sich auf der Welt eine tödliche Infektionskrankheit auszubreiten droht, halten sich die Menschen an dieses Buch, dessen Titel zu epidemiefreien Zeiten als nicht gerade ansprechend empfunden wurde.

Die Nachfrage in der weltweit herrschenden Corona-Krise übertrifft jedoch alles, in Frankreich, aber auch in Deutschland. Als Thea Dorn das Buch im März bei ihrem Debüt im „Literarischen Quartett" empfahl, war es bereits ausverkauft. Bei Amazon tauchte zwischenzeitlich ein gebrauchtes Exemplar auf – für sage und schreibe 1.685,08 Euro. Inzwischen ist der Roman wieder lieferbar.

94. Auflage im Druck

„Die Nachfrage ist im April noch einmal gestiegen", sagte Regina Steinicke, Sprecherin des Rowohlt-Verlags, in dem die Werke Camus’ in Deutschland erscheinen. Aktuell wird im Handel die 93. Auflage verkauft. Die 94. wird laut Steinicke gerade gedruckt.

Ort der Handlung der "Pest" ist Oran an der algerischen Küste. Seltsame Ereignisse bestimmen das erste der fünf Romankapitel, die insgesamt einen Jahresverlauf umfassen. Überall, in Häusern und auf den Straßen, finden sich auf einmal Rattenkadaver. Dann werden die ersten Menschen von einem heimtückischen Fieber hinweggerafft. Die täglich bekanntgegebenen Totenzahlen steigen sprunghaft, „nach den Gesetzen einer geometrischen Reihe“. Doch die Menschen gewöhnen sich.

In der Erinnerung erscheinen die fürchterlichen Tage der Pest denen, die sie erlebten, „nicht als große, endlos grausame Flammen, sondern eher als endlose Tretmühle, die alles zermalmt“. Selbst „das allgemeinste und tiefste Leid, die räumliche Trennung von geliebten Menschen“, verliert in dieser Tretmühle „etwas von seiner Erhabenheit“. Die Natur zeigt sich gleichgültig. „Ein wunderbar blauer, von goldenem Licht überfließender Himmel" überwölbt die Stadt. Alles „lud zum Frohsinn ein“. Camus erzählt von Abwieglern, Betrügern, Profiteuren – wie sie auch jetzt wieder aktiv sind. Jesuitenpater Paneloux instrumentalisiert die Pest in seinen Predigten als Strafe Gottes.

Wie sich die Bilder gleichen: Im Zentrum steht der Arzt Dr. Rieux, der bis an den Rand der Selbstaufgabe weiter seinen Beruf ausübt. Dennoch will er nicht als Held gelten: „Es handelt sich nicht um Heldentum in dieser ganzen Sache. Es handelt sich um Anstand.“ Rieux ist eine literarische Vorwegnahme des „L’homme révolté“ aus Camus’ philosophischem Hauptwerk „Der Mensch in der Revolte“. Der Mensch ist erst Mensch, argumentiert der Schriftsteller dort, wenn er sich gegen die Bedingungen seiner Existenz auflehnt, auch wenn es womöglich vergebens ist.

Der schwarze Tod verschwindet unvermittelt - und Corona?

Um den Arzt scharen sich die, die guten Willens sind, entschlossen, als Solidargemeinschaft der Leidenden die Heimsuchung zu bekämpfen. Am Ende verschwindet der schwarze Tod so unvermittelt, wie er gekommen ist. Das erwartet auch ein erfahrener Mediziner aus Bormes-les-Mimosas, der von uns namentlich nicht genannt werden möchte. „Warten Sie den Mai ab, und Sie werden erleben, wie sich Corona nach dem Ende der Erkältungssaison wieder verabschiedet.“

Während die Menschen bei Camus ihre Befreiung feiern, weiß Rieux, dass der Sieg nur vorläufig ist, „dass der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet“. Da klingt wieder die immer mitschwingende zweite Bedeutungsebene des Romans an: die „braune Pest“ des Faschismus. Auch das passt in die heutige Zeit...

Rolf Liffers