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Aus dem Leben eines Anästhesisten in Südfrankreich: "Schschsch!"

KOLUMNEN

Bertram Diehl lebt seit Jahren in Südfrankreich. Wann immer sein Job als Anästhesist in einem Krankenhaus in der Provence ihm die Zeit lässt, greift er zum Notebook und schreibt. Was der Deutsche im Berufsalltag, aber auch ohne Arztkittel an interkulturellen Heiterkeiten erlebt, veröffentlicht er regelmäßig in der RIVIERAZEIT.

Ich bin zuständig für die Säle drei und vier. Zweimal HNO. Beide Säle wie ausgestorben. Es muss aber schon jemand da gewesen sein. Die OP-Leuchten sind eingeschaltet und der Narkosemonitor in Saal 3 gibt verzweifelt Alarm, weil er keine Daten empfängt und er glauben muss, dass sich das zu überwachende Subjekt in ernsthafter Gefahr befindet. Außerdem liegen ein paar chirurgische Gerätschaften auf einem grün dekorierten Tisch in der Ecke. Saal vier das gleiche Bild. Also wahrscheinlich Kaffeeküche. Et voilà, da sind sie alle! Bisous erstmal. Ça va bien? Hast du Dienst am Wochenende? In welchem Saal bist du heute? Und hat schon jemand die Chirurgen angerufen? Le cadre – der Chef – wollte sich darum kümmern!

Der Chef ist im Aufwachraum. Unterwegs mit einem kleinen Stapel Papier. Ein Dossier vermutlich. Chefs sind die mit Dossiers in der Hand. Es gibt unglaublich viele Chefs für das Pflegepersonal. Ausgeprägte hierarchische Struktur. Pflegedienstleiterin, Stellvertreter, Chefs für jede Station. Der Kreisssaal braucht sogar zwei Chefs. Wenn die sich nicht gerade in ihren tageslichtdurchfluteten Büros verstecken, wandeln sie mit einem Stapel Papier in der Hand über die Flure. Wenn gerade kein bedrucktes Papier zur Hand ist, reicht auch ein gezückter Kugelschreiber. Bevorzugt halten sie sich außerhalb ihrer Station auf. Obwohl allesamt gut ausgebildete Pflegekräfte, haben sie seit Jahren schon keinen echten Patientenkontakt mehr. Chefs eben. Manchmal sieht man sie in Gruppen auf Korridorkreuzungen. Plaudern zu zweit, gerne zu dritt, selten vier oder mehr. Vier oder mehr wäre schon eine Réunion, eine Besprechung. Für eine Besprechung braucht man einen Saal in der Verwaltungsetage. Teppichboden, dezentes Ambiente. Und ein Thema. Geht aber auch ohne. Wenn man erstmal in weichen Sesseln um einen runden Tisch sitzt, findet sich schon auch was zu bereden. Wichtiges Kriterium einer Besprechung ist der direkte Übergang in den Feierabend oder zumindest in die Mittagspause.

Der OP-Chef ist auf dem Weg in eine Besprechung. Ziemlich früh eigentlich. Er muss seinem Dossier noch den nötigen Feinschliff verpassen. Ein Zufall, dass ich ihn noch im Aufwachraum antreffe, sagt er. Passt ihm gar nicht ins Konzept. ‚Muss ich jetzt auch noch für die HNO-Doktoren den roten Teppich ausrollen?‘, fragt er und deutet auf sein Dossier, ‚als ob ich nicht schon genug zu tun hätte!‘ Widerwillig telefoniert er dann doch.

In Saal drei ist inzwischen mein Patient angekommen. Mit den Schwestern. Valérie und Suzy. Mein Patient ist ein siebenjähriger Junge und soll an den Mandeln operiert werden. Er gibt sich erstaunlich gelassen für den herrschenden Lärmpegel. Valérie und Suzy haben sich viel zu erzählen. Und weil sie beide viel und gleichzeitig zu erzählen haben, müssen sie laut genug reden, um sicher gehört zu werden. Dazu der Narkosemonitor, der immer noch Alarm gibt.

Schschsch!

Hilft zwei Minuten. Suzy drückt den gelben Knopf zur Alarmunterdrückung. So eine Ruhe! Stille geradezu. Der kleine Patient wird an den Monitor angeschlossen, bekommt eine Maske auf Mund und Nase. Er hat sich Zitronenaroma gewünscht. Mädchen bevorzugen Erdbeere. Er muss in die Maske pusten, weil das eine gelbe Linie auf den Monitor macht. Je mehr er pustet, desto schöner ist die Kurve. Macht er wunderbar und sehr engagiert. Dann aber ist der Zitronengeruch plötzlich weg und es riecht mehr nach Chemie. So gefällt ihm das Kurvenspiel auch nicht mehr wirklich und er wird unruhig.

In diesem Moment betritt Dominique den Saal. Dominique ist die Chirurgin. Sie ist bekannt dafür, dass sie auch sehr viel zu erzählen hat. Und sich Gehör zu verschaffen weiß. Mit Suzy und Valérie wächst sich das schnell zum akustischen Tsunami aus.

Schschsch wirkt nur noch dreißig Sekunden.

Wichtig ist dabei vor allem, dass man den kleinen Patienten nicht aus den Augen lässt. Der Monitor würde sich vergeblich um Aufmerksamkeit bemühen.

 

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