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Ausradierte Landstriche: Unwetter-Katastrophe trifft die Côte d’Azur

CÔTE D’AZUR

Die Bilanz der jüngsten Überschwemmungen an der Côte d’Azur ist womöglich katastrophaler denn je: Mindestens zehn Tote sind auf französischer Seite zu beklagen, weitere Menschen werden noch vermisst. Der Sachschaden wurde heute Morgen auf eine Milliarde Euro geschätzt. Sturmtief Alex hatte am Freitag im bergigen Hinterland von Nizza wahnsinnige Regenmassen niedergehen lassen. Häuser, Brücken, Straßen, Bäume – ganze Landstriche wurden von über die Ufer getretenen Bächen und Flüssen weggeschwemmt. Besonders betroffen ist die französisch-italienische Grenzregion.

Auf französischer Seite hat es am stärksten die Täler der Flüsse Roya, Vésubie und Tinée im Osten des Departements Alpes-Maritimes getroffen. Noch immer sind drei Berg-Gemeinden (La Brigue, Tende, Saorge) komplett von der Außenwelt abgeschnitten; sie haben weder Zugang zu Strom oder Wasser noch eine Telefon- oder Internetverbindung und sind nicht mit Fahrzeugen zu erreichen. 60 Prozent der Bewohner des Haut Pays (Metropolregion Nizza) haben aktuell und vermutlich noch wochenlang keinen Zugang zu ausreichend Trinkwasser. Hubschrauber fliegen palettenweise Wasserflaschen in die betroffenen Gebiete.

Unter anderem 110 Soldaten, 550 Feuerwehrleute, 139 Gendarmen und 12 Polizisten sind heute vor Ort, um Hilfe zu leisten. In Dreiergruppen aus je einem Gendarmen, einem Feuerwehrmann und einem Verwaltungsmitarbeitern wollen sie in die zwölf derzeit am schwierigsten zu erreichenden Dörfer vordringen, um dort die Hilfsaktionen zu koordinieren. Gestern wurden insgesamt 38 Tonnen Wasser und 1 Tonne Nahrung sowie technisches Gerät verteilt.

Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen und wurden teilweise in Hotels untergebracht, andere zogen zu Freunden oder Familie. Allein je rund 200 Menschen sind am Samstag und am gestrigen Sonntag evakuiert worden. Im Grimaldi Forum in Monaco waren am Freitag vorsorglich 350 Feldbetten aufgestellt worden, um Evakuierte zu empfangen – ein Angebot, von dem schließlich nicht Gebrauch gemacht werden musste. In Monaco selbst ging das Unwetter glimpflich aus. Das Fürstentum bot umgehend humanitäre Hilfe für das den Kleinstaat umgebende Departement an.

Die Schule fällt vorläufig in zahlreichen Bergdörfern aus, u.a. die Collèges in Roquebillière, Saint-Etienne-de-Tinée, Saint-Sauveur, Breil-sur-Roya und Tende, das Lycée in Valdeblore, sowie 23 Grundschulen und Maternelles in der Gegend.

Bis gestern Abend waren zwei Tote gefunden worden, darunter ein Mann in einem Wagen bei Saint-Martin-Vésubie, sagte gestern Abend der Präfekt des Departements, Bernard Gonzalez. 21 weitere Menschen werden noch vermisst. Acht von ihnen wurden von den Fluten mitgerissen, darunter das ältere Ehepaar aus Roquebillière, das sich nur noch aufs Dach seines Hauses hatte retten können, um dann mitsamt dem Haus weggespült zu werden, sowie zwei Feuerwehrleute.

Für mindestens 40 Orte wird das Ereignis als Naturkatastrophe deklariert werden. So können auch finanzielle Hilfen schneller und unbürokratischer verteilt werden.

Wolfspark

Zu den von Wasser, Schlamm- und Gerölllawinen zerstörten Einrichtungen zählt auch der Wolfspark „Parc Alpha“ in Le Boréon bei Saint-Martin-Vésubie. Der Park war bislang nicht erreichbar, daher ist das Ausmaß der Katastrophe dort noch unklar. Mindestens drei der zwölf dort lebenden Wölfe sollen entkommen sein. Es wird vermutet, dass sie in der Nähe ihres Geheges bleiben, sofern sie überlebt haben, weil sie gewöhnt sind, dort gefüttert zu werden.

Hilfsaktionen

Hilfsaktionen sind in vollem Gange, warme Kleidung und Lebensmittel werden von zahlreichen Organisationen gesammelt und den Flutopfern zur Verfügung gestellt. Informationen finden Sie u.a. in den sozialen Netzwerken, beispielsweise hier.

Wiederholt Unwetter durch Starkregen

Unwetter mit schweren Folgen sind an der Côte d’Azur keine Seltenheit. Im Herbst 2019 kamen 14 Menschen ums Leben. Vor fünf Jahren wurde besonders der westliche Küstenbereich des Departements Alpes-Maritimes von schweren Überschwemmungen getroffen, 20 Menschen starben damals.

AS