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Barberini meldet: millionster Besucher – Picasso top, Cross Flop

KUNST

Picasso top – Cross Flop. So etwa könnte man den Publikumserfolg der letzten beiden großen Ausstellungen im Potsdamer Museum Barberini auf den Punkt bringen.

In der Tat hat die aktuelle Picasso-Ausstellung einen guten Start gehabt. In den ersten beiden Wochen seien bereits rund 26.000 Besucher gezählt worden. Wenn das so weitergeht, könnte die Ausstellung die kürzlich gezeigte Gerhard-Richter-Ausstellung noch überflügeln, die innerhalb von dreieinhalb Wochen von 150.000 Besuchern gesehen worden war, sagte Museumsprecher Achim Klapp.

Die große und erste deutsche Retrospektive zum Werk des französischen Neoimpressionisten Henri Edmond Cross, der 1910 in Saint-Clair (Le Lavandou) starb und dort neben seinem gleichgesinnten Freund Theo van Rysselberghe auf dem Friedhof liegt, hatte bis zum Ausstellungsende am 17. Februar nur 85.000 Menschen anlocken können. Das war die bisher geringste Resonanz einer Bilderschau im Anfang 2017 eröffneten Museum des Software-Milliardärs Hasso Plattner.

Gleichwohl ist die Cross-Ausstellung als Erfolg zu werten. 85.000 Besucher für einen trotz seiner gemeinschaftlichen Pionierarbeit mit Signac, Rysselberghe und Seurat relativ unbekannt gebliebenen Künstler sind schließlich kein Pappenstiel. Anerkennung verdient die Courage der Museumsleitung, einen Künstler wieder auszugraben, dessen Werke von den Nationalsozialisten als entartet verteufelt worden und danach in Deutschland in Vergessenheit geraten waren, statt nur auf große Zahlen zu schielen. Mit der Retro sei es Barberini gelungen, den 1856 geborenen und selbst Fachleuten kaum noch geläufigen Cross der Öffentlichkeit näher zu bringen, versicherte Westheider.

In der am 9. März für das Publikum eröffneten Ausstellung "Picasso. Das späte Werk" zeigt das Museum noch bis zum 16. Juni mehr als 130 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Grafiken aus den fünfziger Jahren, in denen der Exilspanier und Franco-Gegner die Villa "La Californie" in Cannes erworben hatte, bis zum Tod des Künstlers im Jahr 1973. Die Werke stammen aus der Privatsammlung von Jacqueline Roque-Picasso, der letzten Ehefrau des Malers, die neben ihm im Park von Picassos Schloss Vauvenargues bei Aix-en-Provence bestattet ist. Deren Tochter und Erbin Catherine Hutin, die 2017 Picassos monströse Villa "Notre Dame de Vie" in Mougins verkaufte, hat sie dem Museum geliehen.

Nach Angaben von Ortrud Westheider sind die Werke bis auf wenige Ausnahmen erstmals in Deutschland zu sehen. Elf Arbeiten seien zuvor noch nie öffentlich gezeigt worden.

Als der Fotograf Brassaï im Mai 1960 Picasso zum ersten Mal nach fast 15 Jahren wiedersah, machte ihm dessen neues Werk ungeheuren Eindruck: „So brutal aber wie in der Villa Californie bin ich noch nie überfallen worden … Kunst und Natur, Schöpfung und Mythos, Ritterturnier und Stierkampf, Märchenwelt, Olymp und Walpurgisnacht stürmen auf mich ein … Alles will gesehen werden, sich übertrumpfen, will gleichzeitig zu Wort kommen, zerrt an den Nerven, provoziert und überwältigt …“, bemerkte er.

Brassaï sah sich im Atelier in Cannes umgeben von Jacqueline-Portraits. Er sah Skulpturen und Assemblagen aus unterschiedlichsten Materialien. Überall lagen Skizzen und Papierarbeiten in neuen Techniken. Auch die stilistische Vielfalt und die Monumentalität der Entwürfe dürfte ihn überwältigt haben. Während Picassos Werk in seinen früheren Phasen stilistisch deutlich abgegrenzt war, bilden die Stile in Picassos spätem Werk eine Synthese, schildert Westheider. "Zudem verschmelzen die Medien: Das graphische Element der Linie erscheint als Ausdrucksträger in der Malerei. In Skulpturen wiederum falten bemalte Flächen sich in den Raum und erzeugen auf diese Weise Grenzgänge zwischen den Gattungen."

Picassos Werk der letzten beiden Lebensjahrzehnte hält Rückschau. Revisionen des eigenen Werks nehmen bekannte Themen auf und erneuern sie. Doch geschieht dies vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen und vielfach im Dialog mit künstlerischen Werken – von den Alten Meistern bis zur Pop Art. Picasso entwickelte Verfahren weiter, die Henri Matisse in seinen Cutouts begonnen hatte. Der Tod des Künstlerfreunds im November 1954 in Cimiez (Nizza) löste auch eine intensive Auseinandersetzung Pablos mit dessen Themen aus – oder, wie es Picasso zuspitzte: „Als Matisse starb, hinterließ er mir seine Odalisken.“

Picasso ging dafür zu den Skizzen zurück, die er bereits in den 1940er-Jahren zu Eugène Delacroix’ Gemälde "Die Frauen von Algier" gemacht hatte. In einer der Odalisken Delacroix’ erkannte er Jacqueline wieder, mit der er in diesem Jahr eine Beziehung einging. Im folgenden Jahr zog er mit ihr und ihrer Tochter Catherine in die "Californie". Jacqueline inspirierte Picasso zu zahlreichen Interieur-Darstellungen der Villa. Sie zeigen sie als Muse. Ihr Lieblingsplatz, der Schaukelstuhl, veranschaulicht ihre Allgegenwart an Picassos Schaffensorten.

Jacqueline Picasso inspirierte, orchestrierte und verwaltete die überwältigende Fülle, die Brassaï in Picassos Atelier beschrieb. Als es unter den Erben aufgeteilt wurde, erhielt sie nach Picassos Tod einen bedeutenden Teil seines Œuvres. Für das neue Picasso-Museum in Paris wählte der französische Staat aus Picassos Nachlass Werke aus allen Phasen und Techniken aus. Die kanonisierten Phasen des Œuvres nahmen dabei den größten Raum ein. "Das späte Werk Picassos hat sich deshalb in Anzahl und Qualität bis heute am besten in den Sammlungen der Familie erhalten – so auch in der Sammlung Jacqueline Picasso. In dieser Sammlung befinden sich weithin bekannte Werke, die bislang kaum im Original zu sehen waren", kommentierte Barberini. Bekannt sind sie durch die berühmten Photographien von Lucien Clergue, David Douglas Duncan oder Edward Quinn: Picasso und seine Frau in den Ateliers der "Californie", der Werkstatt in Mougins nördlich von Cannes und am Rückzugsort der Familie, Schloss Vauvenargues. Während die Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Keramik, die nach seinem Tod in Staatsbesitz übergingen, seit 1985 im Pariser Musée Picasso zugänglich sind – und 2005 in einer repräsentativen Auswahl in der Ausstellung "Pablo. Der private Picasso" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen waren –, blieben weite Teile des Schatzes, den die Ateliers bargen, im Besitz der Familie.

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde Picasso durch zahlreiche Großaufträge ausgezeichnet: Reliefs in Oslo und Barcelona, Wandbilder im Gebäude der UNESCO in Paris und einer Kapelle in Vallauris sowie die monumentale Stahlskulptur am Civic Center in Chicago entstanden in Zusammenhang mit den ausgestellten Werken.

Ausgewählt wurden die Werke für die aktuelle Potsdamer Picasso-Schau von Bernardo Laniado-Romero, vormals Direktor der Picasso-Museen in Barcelona und Málaga, der als Gastkurator Konzept, Ausstellung und Katalog verantwortet. „Picasso hat sich zeitlebens immer wieder neu erfunden. Sein spätes Werk zeugt von einer stilistischen Vielfalt, die diese Schaffensphase ebenso dynamisch macht wie die vorherigen“, erklärt Laniado-Romero. „Diese Ausstellung lässt nachvollziehen, wie Picassos stetige künstlerische Metamorphose und Kreativität seine Karriere bis in die letzten Lebensjahre auszeichneten.“

Anfang dieser Woche konnte das Museum Barberini den millionsten Besucher begrüßen. Sarah Robinson, 40, aus London erhielt von Ortrud Westheider aus diesem Anlass ein beziehungsreiches Geschenk: Einen Trip nach Rom für zwei Personen, inklusive Besuch des Palazzo Barberini, der für Friedrich II. im 18. Jahrhundert das architektonische Vorbild für das Palais Barberini in Potsdam war. Im Sommer sind die Barock-Meisterwerke des Palazzo Barberini, der heute die traditionsreichen Nationalgalerien von Italien beheimatet, im Museum Barberini im Rahmen der Ausstellung "Wege des Barock" zu Gast.

Die Resonanz auf die bisherigen elf Ausstellungen, sei es die Eröffnungsausstellung zum Impressionismus, "Hinter der Maske. Künstler in der DDR" oder die Gerhard Richter-Ausstellung, war stets hervorragend. Die Eröffnung des Museums gilt als erfolgreichster Start eines Kunstmuseums in Deutschland.

Nach der derzeitigen Picasso-Ausstellung werden vom 13. Juli bis zum 6. Oktober über 50 Meisterwerke aus den Nationalgalerien Barberini Corsini in Rom, darunter eines der bedeutendsten Werke Caravaggios, sein 1597–1599 entstandenes Gemälde "Narziss" , in der Expo "Wege des Barock" gezeigt. Die letzte Ausstellung dieses Jahres, "Van Gogh. Stillleben" (26. Oktober bis 2. Februar 2020), ist die erste Schau zu diesem Thema. Sie analysiert anhand von über 20 Gemälden die entscheidenden Etappen im Werk und Leben des Niederländers. Im Frühjahr 2020 widmet das Museum Barberini dem französischen Impressionisten Claude Monet eine groß angelegte Retrospektive. Die Ausstellung versammelt rund 110 Gemälde aus sämtlichen Schaffensphasen des Malers in Potsdam. Zu den Highlights zählen zahlreiche Gemälde von Monets Garten und Teich in Giverny bei Paris, darunter mehrere seiner weltberühmten Seerosenbilder.

Rolf Liffers