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Der Altotypist - Ein Atelierbesuch bei Alfons Alt in Marseille

KUNST

Nicht Fotograf, nicht Maler, Marseillais von ganzem Herzen – mit Heimweh nach dem Schwabenland: Der Künstler Alfons Alt ist ein Wandler zwischen den Welten. Mit seinen Bildwerken hat er ein neues Genre geschaffen, die Altotypie.

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In der Friche la Belle de Mai, Marseilles angesagtem Künstler- und Kulturzentrum, geht es wie immer quirlig zu. Selbst an normalen Wochentagen wimmelt es von Leben zwischen den nackten, bunkerartigen Waschbetonmauern der ehemaligen Industriebrache. Hier haben sich seit den 1990er-Jahren über 400 Kunst- und Kulturschaffende aller Disziplinen angesiedelt, darunter viele bildende Künstler. Manche unter ihnen gehören längst zum Establishment und stellen feste Größen im Kunstleben der Region und darüber hinaus dar.

Einer aus diesen frühen Tagen der Friche ist Alfons Alt, ein lebhafter Endfünfziger mit rundem, vertraut deutsch aussehendem Gesicht. Überhaupt ist er in den vielen Jahren, die er nun schon im Süden lebt und arbeitet, seiner Art ganz offensichtlich treu geblieben. War es seine Ausbildung, die ihn damals nach Marseille geführt hat? «Ganz einfach – eine Frau», berichtet er verschmitzt, während er geschäftig in seinem weitläufigen Atelier hin und her eilt und an mehreren Werken gleichzeitig arbeitet. Über Mangel an Aufträgen kann er nicht klagen. «Dies hier muss morgen geliefert werden. Ich bin immer im Lieferstress», berichtet er. Allerdings versteht sich der Künstler nicht als Star. Seine Preise sind moderat, bewegen sich ab 500 Euro aufwärts und stellen ein Entgelt für harte und langwierige Arbeit dar: Dies wird innerhalb der nächsten drei Stunden deutlich, während derer ich ihn bei seinem Schaffensprozess begleiten darf.

Die Entstehung der Werke verläuft in mehreren Stufen und generell über einen langen Zeitraum. Während hier gewässert wird, wird dort belichtet und auf dem großen Wärmetisch im Nebenraum pigmentiert. Am Anfang des Prozesses steht meist die Aufnahme einer Groß- oder Mittelformatkamera. Allein die Herstellung der Projektionsgrundlage im Format des späteren Bildes (in diesem Fall ein Positiv, kein Negativ) braucht rund einen Monat. Erst dann kann die Weiterverarbeitung beginnen. Parallel muss in wochenlanger Arbeit das Papier vorbereitet werden: Zunächst werden fünf Schichten von fotografischer Gelatine aufgetragen; sie ist es, die später mit Hilfe von Wasser die Aufnahme der Farbpigmente ermöglicht. Diese Beschichtung wird anschließend fotosensibilisiert durch das Auftragen einer Chemikalie.

Die Belichtung des Papiers erfolgt 1:1 als Kontaktabzug in einem riesigen Belichtungsgerät – mit Hilfe von UV-Strahlen, die eine Schutzbrille erfordern. Wo sie auf die Gelatine treffen, wird diese zerstört und kann keine Pigmente mehr aufnehmen. «Diesen Prozess nennt man auch Alteration, und das gefällt mir gut, denn da ist ‚Alt‘ drin», lacht Alfons Alt.

Nach der ausgiebigen Wässerung des Bildes beginnt der eigentliche künstlerische Akt (neben dem Erstellen der Alfons Alt Altotypist Atelier Artist Marseille FotografieFotografie), die Pigmentierung des Bildes. Hier geht es zur Abwechslung vergleichsweise schnell, denn die an den unbelichteten Stellen verbleibende Gelatine muss noch feucht sein, um Farbe aufnehmen zu können. Die Wärme des geheizten Arbeitstisches unterstützt diesen Prozess.
Beim Thema Pigmente kommt der Meister ins Schwärmen: «Das ist das Zentrum meiner Arbeit. Meine Arbeit ist Pigmente-Arbeit. Man braucht viel Erfahrung, diese Farben zusammenzubringen und solche Töne zu erhalten ... Die Fotografie ist für mich ein sehr einfaches Ding. Aber dies hier, da fängt die Magie an.» Vorsichtig trägt er die farbgebenden Stoffe auf das Bild auf und reibt sie in die Gelatine. Nicht alle sind natürlichen Ursprungs wie das Ocker aus Roussillon oder die grünen Erden. Irgazin zum Beispiel, eine Familie künstlicher Farbstoffe, schätzt Alfons Alt sehr.

Zum Teil sind die von ihm verwendeten Farben rar und exotisch: Thulit aus Norwegen mit seinem zarten Rosa, seit Jahrhunderten zur Darstellung von Hauttönen verwendet, oder der dunkle Shungit aus Ostfinnland und Russland. Alts Pigmente-Zulieferer, ein kleines, hochspezialisiertes Unternehmen im Allgäu, ist der einzige Lieferant weltweit für das echte, historische Purpur: «Das ist das teuerste Pigment auf der Welt – für die Herstellung von einem einzigen Gramm werden die Sexualorgane von etwa 10 000 Purpurschnecken benötigt!», erläutert er. Offenbar brauchen die Schnecken hierfür nicht ihr Leben zu lassen; trotzdem kostet ein Gramm ganze 2524,88 Euro inklusive Mehrwertsteuer. «Das ist ein esoterisches Pigment. Wer Purpur hat, hat eine Telefonlinie direkt zu Gott», begeistert sich Alt. «Deswegen ist das auch die Farbe der Päpste. Die haben es von den Römern, überliefert von den Griechen und den Persern.»

Auch die Pigmentierung der Bilder kann chemische Prozesse auslösen, je nach verwendetem Material. «Manche Stoffe sind organisch, manche hydrophil, andere hydrophob. Die reagieren untereinander, und das ist dann immer so eine Wundertüte. Es wird jedes Mal etwas anders, und das ist genau das, was ich will. Ich will Einzelstücke herstellen.»
Bis zur Wässerung der belichteten Bilder bewegt Alt sich auf dem Gebiet historischer Prozesse, so wie sie zu Beginn der Fotografie im 19. Jahrhundert angewendet wurden.
Was dann kommt, ist freie Kunst: Der Farbauftrag, aber auch das Überzeichnen mit der Hand. «Ich versuche manchmal, alles hinterher wieder kaputt zu machen. Denn auch die Zerstörung ist eine Kunst.» Das am Ende des Prozesses entstandene Bild ist etwas ganz Eigenes – keine reine Fotografie mehr, aber auch kein gemaltes Bild. In Anlehnung an die alten Meister der Fotografie nennt Alfons Alt seine Werke Altotypien; auf seiner Visitenkarte findet sich die Berufsbezeichnung Altotypist. «Im 19. Jahrhundert hat eigentlich jeder Fotograf ein ...typie an seinen Namen angehängt. Die Daguerrotypie ist nur das bekannteste Beispiel hierfür», erläutert er. Das Wissen über diese Verfahren erwarb er bei den Fotografen Jean-Pierre und Claudine Sudre im Luberon: «Da habe ich die Basis für alle Schwarz-Weiß-Arbeiten gelernt, für die historischen Prozesse.» In Barcelona bei Jordi Guillumet lernte er die Anwendung der Pigmente, bei Michel Bertrand das Verfahren der Résinotypie.

Alfons Alt Altotypist Atelier Artist Marseille Fotografie Bildwerk OeuvreBleibt die Frage, welches Gewicht die Fotografie in Alts Schaffensprozess hat? «Ich mache nur sehr wenig Fotos. Ich schieße nicht, dieses Wort hasse ich, sondern ich nehme. Aber nur das, was man mir gibt. Ich bin ein Vermittler zwischen dem Apparat und dem Motiv.» Später fügt er hinzu: «Ich mache Fotos, um sie wieder zu vergessen.» In seinem Büro zuhause befindet sich ein riesiges Archiv, Alts «Bilderbank». Auf diesen über lange Zeit gewachsenen Fundus greift er immer wieder zurück, manchmal erst Jahre später. Seine Motive, das sind Bäume, Pflanzen, Städte, Architektur. Und immer wieder Tiere. Anfang der neunziger Jahre wird ihm bewusst, wie viele Arten von Tieren im Begriff sind auszusterben. Der Entschluss reift, ein Tiermusterbuch herzustellen, ein Bestiarium: «Ich wollte mein Leben den Tieren widmen. Das Maß aller Dinge ist das Tier», sagt er in Anspielung auf den Satz des Protagoras. Vierzehn Jahre widmet er diesem Projekt.
Mittlerweile hat er sich auch anderen Motiven zugewandt. Was auch immer er verbildlicht, er versucht dabei, das Symbol herauszuarbeiten. Das Ergebnis sind Bilder mit mystischer Ausstrahlung, erfüllt von einem tiefen Licht, fast wie aus ferner Vergangenheit oder Zukunft. Und immer wieder schwingt auch ein Quäntchen Humor mit.

Bei aller Philosophie – die handwerklichen Schritte sind Alfons Alt wichtig. Seine allererste Ausbildung, noch vor aller Fotografie, war die eines Schreiners. Überhaupt kommt er aus einer Schreiner-Familie: Sein Vater und sein Bruder sind Schreiner, sein Groß- und Urgroßvater waren Schreiner, sein Ururgroßvater hat als Wagner Wagenräder aus Holz hergestellt.

In Illertissen geboren, im Fugger-Städtchen Weißenhorn zur Schule gegangen, ist Oberschwaben die Heimat seiner Familie seit Generationen. Über dreihundert Jahre war die Gegend österreichisch; diese Wurzeln prägen ihn bis heute. Alt hält sich oft in seinem Schwabenland auf, gleichermaßen aktiv in Deutschland wie in Frankreich; und auch seine Kundschaft verteilt sich zu etwa fünfzig Prozent auf beide Länder. In beiden hat er schon viel an Sammler, Museen und Institutionen verkauft; für die Bayrische Regierung – Finanzamt und Vermessungsamt – hat er Kunst am Bau produziert. Und immer wieder ist er auf Ausstellungen präsent – diesseits und jenseits des Rheins.

In Marseille, da packt ihn oft das Heimweh. «Ein Gefühl, das ich aber nicht verabscheue. Das ist sogar ein angenehmes Gefühl: Dann nehme ich ein Papier und mach was. So wie das hier, an dem ich gerade arbeite. Und dann bin ich wieder daheim.»

 

Von Christine Helfritz

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Info
www.altotypist.com
www.documentsdartistes.org/alt
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