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Eine echte Europäerin: die Bielefelder Sängerin Sophie Crüwell

KUNST & KULTUR

Die Deutsche Sophie Crüwell machte sich als Opernsängerin international einen Namen, verbrachte ihre Winter an der Seite des Vicomte Vigier in Nizza und starb schließlich in Monaco. Ein Porträt der «Callas des 19. Jahrhunderts». Von Jörg Langer

Musikliebhaber und aufmerksame Leser der RivieraZeit sind im Artikel «Sehnsuchtsort Nizza» in der November-Ausgabe 2019 (RZ Nr. 315) auf die Sängerin Sophie Crüwell gestoßen, die spätere Comtesse Vigier, bekannt durch den gleichnamigen Park am Hafen von Nizza. Es lohnt sich, der interessanten Persönlichkeit gesondert Aufmerksamkeit zu schenken: Herkunft, Karriere und Schicksal der Cruvelli, so ihr Künstlername, faszinieren.

Und zugleich ist die Deutsche ein Beweis dafür, dass Europa auch im vorletzten Jahrhundert bereits gelebt wurde.
Sophie Crüwell wurde zunächst in Italien und Frankreich bekannt und dann weltberühmt. Geboren worden aber war sie 1826 in «Allemagne profonde», in Bielefeld, und das in nicht gerade kleinen Verhältnissen. Die Crüwells waren schon vor der Gründung der Stadt Bielefeld in Lippe, Lemgo, Herford und Dortmund ansässig. Bereits 1251 wird ein Hinrek Crul als Zeuge in einer Lehnsurkunde genannt. Aus Crul wird später Cruel, später Kruwel, Kruwell und dann Crüwell. Ein Hildebrant Kruwel wird 1369 in Bielefeld ansässig. Die Häuser der Crüwells werden später zu kostbaren Baudenkmälern, die noch heute Ansichtskarten zieren und zu besichtigen sind.
Auch Mitglieder der weitverzweigten Familie leben nach wie vor.

Laufbahn beginnt 1847 in Paris

Eine von ihnen hat der Verfasser dieser Zeilen ausfindig gemacht: Renate Holle, geborene Crüwell, gab bereitwillig Auskunft und hat zusätzlich durch zahlreiche Unterlagen maßgeblich zu diesem Artikel beigetragen. Sie hat übrigens keinerlei Hinweise zur Behauptung eines früheren Biografen der Cruvelli gefunden, nach der die Sängerin auch lombardische Vorfahren gehabt hätte.

Natürlich würde ein italienischer Hintergrund gut in die spätere Karriere passen. Der Beginn war allerdings rein deutsch. Die Familie Crüwell war immer musikalisch ausgerichtet, Sophie war von den vier Geschwistern die begabteste und wurde nach ihrer Ausbildung in Bielefeld und Paris Opernsängerin. In Paris begann sie 1847 ihre Laufbahn, gefolgt gleich anschließend von Venedig. Im kommenden Jahrzehnt trat sie auf den Bühnen in Italien, Frankreich, London und Berlin auf, vorzugsweise in Opern von Verdi, Bellini und Wagner. Die schon damals tonangebende «Times» berichtete 1851 unter anderem: «Sowohl die Oper von Beethoven als auch Frl. Crüwell, die Darstellerin der Heldin und jetzt eine Sängerin und Schauspielerin ersten Ranges, feierten einen überaus glänzenden Triumph.»

Der größte Triumph folgte dann in Paris. Dort erntete sie regelrechte Begeisterungsstürme und erhielt 1854 ein Festengagement an der Großen Oper für 100 000 Franken Gage. Gefolgt allerdings von einem Skandal: 1855 sollte anlässlich der Weltausstellung in Paris Verdis «Sizilianische Vesper» uraufgeführt werden. Laut einer deutschen Zeitung «waren die Proben in vollem Gange. Da war die Cruvelli verschwunden... Sie blieb zwei Wochen unauffindbar».

"Leichtfertiger Charakter"

Französische Zeitungen meinten, es bestehe «kein Zweifel an der Leichtfertigkeit ihres Charakters». Napoleon III. sprach von einem Affront. Und ein Kritiker schrieb «... und da ist ferner ein Musiker, Verdi, die Ehre und Rechenschaft selbst, der Italien, die Heimat seiner Triumphe verlässt, um der Sängerin mehr als sechs Monate seiner Zeit und seine besten musikalischen Inspirationen zu widmen... und die Undankbare achtet alles nicht...» Dann aber: «Und nach zwei Wochen war die Cruvelli wieder da – und Paris feierte sie wie eh und je.»

Über den Grund der Abwesenheit konnte nur spekuliert werden. Sicher ist, dass sie im gleichen Jahr den Grafen und späteren Vicomte Georges Vigier heiratete, einen begüterten Pariser Adligen, der unter anderem die erste schwimmende Badeanstalt auf der Seine betrieb. Sophie Crüwell gab anschließend ihre glanzvolle Karriere auf, sang aber weiter auf den damals sehr verbreiteten Wohltätigkeitskonzerten, vornehmlich in Nizza, wo sie zu überwintern pflegte.

Ihr Mann baut ihr ein Palais in Nizza 

Ihr Ehemann schuf ihr dort einen repräsentativen Rahmen, das «Palais Vigier» im gleichnamigen Park. Es wurde 1862, mit Grundsteinlegung durch den bayrischen König Maximilian II., in rein venezianischem Stil und in Anlehnung an die Casa d’Oro, mit großer Prachtentfaltung erbaut und erlebte eine zunächst glanz-, dann wechselvolle Geschichte.

Gestorben ist die Cruvelli im Jahr 1907, 81-jährig, im Hôtel de Paris in Monaco. Ihr Sohn René verkaufte die Nizzarder Villa später an einen Deutschen, einen Kommerzienrat namens Ernst Kirchner aus München, der prompt mit Kriegsausbruch enteignet wurde. Anschließend erwarb sie ein russischer Adliger, der dann geschäftlich Schiffbruch erlitt. Es folgten Eigentümergemeinschaften und schließlich Anfang der 1960er-Jahre der Abriss, um vier größere Wohneinheiten zu schaffen – noch heute als Park und Villa Vigier bekannt.