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"Ferien" - Aus dem Leben eines Anästhesisten in Südfrankreich

Bertram Diehl lebt seit Jahren in Südfrankreich. Wann immer sein Job als Anästhesist in einem Krankenhaus in der Provence ihm die Zeit lässt, greift er zum Notebook und schreibt. Was der Deutsche im Berufsalltag, aber auch ohne Arztkittel an interkulturellen Heiterkeiten erlebt, veröffentlicht er regelmäßig in der RIVIERAZEIT.

Bertram Diehl berichtet in seinem Blog über das Leben als Anästhesist in Südfrankreich.Neulich, Freitag, nach dem Dienst, ähnelte mein Zustand dem eines Zombies. Untot. Intellektuelles Zwerghasen-Niveau, geeignet maximal zur Bewältigung von Kleinbaustellen. Kleinbaustellen sind Baustellen im und ums Haus, deren Abschluss weniger als einen halben Tag beanspruchen. Voraussichtlich.

Zwischendurch hatte ich immerhin Zeit, mit meinem Sohn zu Mittag zu essen. Mein Mittagessen war das Frühstück meines Sohns. Hast du was vor heute Abend? Er hat oft was vor abends. Ferien eben. Heute Abend Bar-à-Thym in Toulon. Die Bar muss so eine Art In-Kneipe sein im Upperclass-Viertel, nicht weit vom Stadtstrand, mit Live-Musik manchmal, hält sich schon seit ein paar Jahren.

Der Sohn geht gerne in diese Bar mit seinen copains. Erst die Bar und dann Übernachten bei uns zuhause, kündigt er an. Aha. Übernachten mit Flavie, Margot und Thomas. Das ist mal was Neues. An welche Zimmer er denn da dächte. Obwohl, so genau will ich das eigentlich gar nicht wissen. Ich wünsche mir nur, dass es nicht so spät würde und bitte so leise wie möglich, immerhin hätte ich ja Dienst gehabt und wäre bis zwei Uhr nachts unterwegs gewesen.Morgen früh würde ich gerne ein bisschen Radfahren. Früh. Pas de problèmes, sagt der Sohn, das komme ihnen allen entgegen, am nächsten Morgen wollten sie auch früh raus, so früh wie möglich, weil sie ins Hinterland fahren wollten, Cascade de Sillans.

Es muss so gegen Mitternacht gewesen sein, ich hatte gerade was zu Ende gelesen. Kaum wardas Licht aus, ging die Fete los. Etwas kurzfristig angekündigt, deswegen nur die zwanzig besten Freunde. Kichernde, kreischende Mädchen, bollernde Jungs-Bässe, lautstarkes Planschen am Pool. Musik. Ab und an poltert jemand durchs Treppenhaus. An Schlaf nicht zu denken. Ich gebe mich trotzdem cool, ich muss ja nicht immer alles verbieten, lange kann es ja nicht mehr dauern, sie wollen ja früh raus morgen, so früh wie möglich.

Sms an ihn um 4.47 Uhr, dann doch, lass es doch bitte ein Ende haben nun, lieber Sohn. Keine Reaktion. Muss ich jetzt wirklich aufstehen? Und die ganzen Jugendlichen gucken mich angewidert an? Anrufen geht im dritten Versuch, tue ihm Leid, sagt der Sohn. Halb sechs endlich Ruhe. Da dämmert es schon. Das wird noch ein Zombie-Tag. Gut für Kleinbaustellen niedrigen intellektuellen Anspruchs.

8.29 Uhr an einem Samstagmorgen ist ein guter Moment, mit der Trennscheibe Beton zu sägen. Kleinbaustelle. Die Mädchen und die Jungs schlafen darüber. Tut mir wirklich leid. Wirklich. Eine Stunde höchstens. Allerhöchstens. Ihr wolltet doch ohnehin früh aufstehen, ihr wolltet doch nach Sillans, oder? Kurz nach zehn drei Zombies am Frühstückstisch, ungeduscht knabbern sie was. Mein Sohn in Sporthose, auch die Mädchen weniger hübsch. Zombies. Tut ihm schrecklich Leid für gestern Abend, sagt der Sohn. Schrecklich. Margot ist désolée. Vraiment. Flavie sagt gar nichts, stumme Küsschen. Thomas und die anderen sind offenbar doch noch nach Hause gefahren. Die anderen, welche anderen? Cascade fällt aus. Nicht mal Strand geht mehr. Auch Zombies müssen mal was schlafen.

Blog: http://diehl.fr