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Geschichten aus dem Midi: Von Monstern und anderen Ungeheuern

KOLUMNE

Hannelore Salinger berichtet in ihrer RZ-Kolumne "Geschichten aus dem Midi" regelmäßig über Kuriositäten aus ihrem Leben in der tiefsten Provence. Mittlerweile ist sogar ein Buch draus geworden. In dieser Episode geht's um Katzen - Monster halt...

Katze

Wir hatten seit einigen Jahren drei Katzen. Das war schön. Aber dann, innerhalb von nur einer Woche, wuchs ihr Bestand auf fünf. Das war problematisch.

Nr. 4 hatten wir schon mehrmals aus der Ferne gesehen. Pastis! Ein riesiger Kater, der mehr als sechs Kilo wiegt. Er hat ein graues, verwaschen wirkendes Fell, eine stumpfe, schwarze Schwanzspitze, dahinter schwarze Streifen, dazu eine helle Nase und ganz helle Augen. Ein klassischer Wildkater! Diese Tierart war europaweit fast gänzlich ausgerottet und wir waren froh, dass es sie mittlerweile wieder gibt, auch hier bei uns in der Provence.

Eines Tages stand er plötzlich mitten im Wohnzimmer, stürmte auf die Hunde zu und, obwohl er die gar nicht kannte, begrüßte er jeden mit einem Küsschen. Die Hunde, weder klein noch zimperlich, ergriffen die Flucht.

Anschließend schlief er tief und fest auf meinem Schoß. Von wegen Wildkater! So etwas tut keine Wildkatze. Sie meidet die Nähe von Menschen. Vielleicht ist Pastis ein Lämmchen oder eine russische Drohne oder eine Mischung aus beiden.

Nr. 5, ein Junges, wurde von einer Nachbarin gebracht, mit der Bitte, es aufzunehmen. Sie hatte mehrere Katzenbabys im Wald gefunden und suchte nun für sie gute Plätze. Unser Kätzchen nannten wir Minnie. Nach drei Wochen allerdings wurde sie aus gegebenen Anlässen in Minnie-Monster umgetauft.

Die drei Alteingesessenen bekamen beim Anblick der Neuzugänge heftige Krisen. Nur Pastis und Minnie-Monster liebten sich sofort.

Wenn wir heute mit den Hunden unterwegs sind, laufen beide stets mit. Sie sind sich optisch und vom Wesen her sehr ähnlich. Mit einem Unterschied: Während der riesige Kater stundenlang verträumt einem Schmetterling zusehen kann, frisst Minnie-Monster ihn auf der Stelle. Wir vermuten, dass Pastis der Papa vom kleinen Monster ist.

Einmal im Monat allerdings kriegt der zahme Riese seinen Rappel, meistens, nachdem er aus einer Tiefschlafphase erwacht ist. Dann marschiert er zu den Hunden und haut jedem eine rein. Nacheinander, aber ohne Krallen. Das sind so die Momente, wo auch ich die Hände hinter dem Rücken verschränke - und zwar so hoch wie irgend möglich. Und wenn er schon so schön dabei ist, verhaut er auch noch die Katzen, aber nur, wenn sie ihn vorher angefaucht haben. Alle, außer dem Minnie-Monster. Das wird liebevoll abgeleckt. Dabei ist es das einzige, bei dem eine saftige Pflichtwatschen angebracht wäre.

Auf jeden Fall ist nun bei uns immer was los. Neulich erlebten wir mit, wie einer unserer Hunde eine Pelzmütze aufhatte! Mitten auf dem Kopf, nicht sehr elegant, aber mit Ohrenschützern. Bei genauem Hinsehen entpuppte sich die Mütze als Minnie-Monster, und die Ohrenschützer waren ihre Pfoten, mit denen sie sich an dem Hund festkrallte.

Pastis, der laut Aussagen eines Nachbarn vorher im Wald gelebt hat, ist nun ständig bei uns. Er ist lieb, sauber, legt, im Gegensatz zu Minnie, keine Geschenke in Mäuseform vor die Tür, schmust mit den Hunden und versucht, Freundschaft mit den Hauskatzen zu schließen. Das ist ihm immerhin bereits in einem Fall halbwegs gelungen.

Und ja, wir mögen ihn! Minnie – ebenso, auch wenn sie ein Monster bleibt…

Hannelore Salinger