Haupt-Reiter

Giscard an Covid-19 gestorben – "Eklat von Bormes" unvergessen

MENSCHEN

Das Departement Var trauert um Valery Giscard d'Estaing, der das noch relativ unberührte Fleckchen Erde an der Côte d'Azur als bevorzugte Urlaubsregion ins Herz geschlossen hatte. Am Mittwochabend ist der ehemalige Staatspräsident (1974-1981) im Alter von 94 Jahren gestorben, nach offiziellen Angaben seiner Familie an den Folgen einer Corona-Infektion.

Sicher wird man die aristokratische Erscheinung des gebürtigen Koblenzers speziell in Bormes-les-Mimosas so schnell nicht vergessen. Dort – auf der präsidialen Sommerresidenz Fort de Brégançon – hatte sich der distinguierte Staatschef seit dem Frühling 1976 fast sieben Jahre über bei regelmäßigen Ferienaufenthalten zu Ostern und Pfingsten, im Sommer und Winter gern auch mal unters Volk gemischt.

Alte Zeitungsfotos zeigen den schlanken und hochgewachsenen Politiker – natürlich auch in Badehose – auf dem sagenumwobenen Felsvorsprung, von wo aus schon Napoleon Bonaparte die Belagerung von Toulon vorbereitete, mit seiner Frau Anne-Aymone beim Tennis und Schwimmen, vor dem Fernseher im Salon der historischen Festung, auf dem Flughafen von Hyères-les-Palmiers und so fort. Die Giscards hatten die alten Gemäuer ihren persönlichen Bedürfnissen entsprechend etwas umbauen lassen. An dem kleinen Privatstrand wurde eine "Grotte" gebaut, durch die das Paar vor indiskreten Blicken geschützt war.

Gern nutzte der Präsident das Fort als politisches Dekor bei Pressekonferenzen. Berühmt aber wurde eine auf den ersten Blick unbedeutende Begebenheit vom 6. Juni 1976, die sich als "Das unglaubliche Déjeuner" beinahe zur Staatskrise ausgewachsen hätte. In der Presse hieß es damals unter anderem, die beiden Kontrahenten hätten bei ihrer einmaligen Begegnung in Bormes "die Messer gewetzt".

Tatsächlich war es bei dem Kurzbesuch von Chirac und Ehefrau Bernadette bei den einladenden Giscards zu einem Eklat gekommen, nachdem sich die beiden Alphatiere nie wieder versöhnt hatten. Umso bemerkenswerter, dass der altersschwache Giscard ausgerechnet bei der Beisetzung von Chirac im vorigen Jahre zum letzten Mal öffentlich gesehen wurde. Ob aus Staatsräson oder als versöhnliche Geste, blieb dahingestellt.

Was nun war im Frühjahr 1976 in Bormes, wohin das Präsidentenpaar das Ministerpräsidentenpaar eingeladen hatte, so Schlimmes passiert? Eine latente Antipathie hatte zwischen den beiden Konkurrenten schon lange vorher geschwelt. Auf dem Fort de Brégançon nun hatte eine scheinbare Nichtigkeit das Fass zum Überlaufen gebracht. Chirac, der sich von der ihm zuvor monatelang verwehrten "Audienz" bei Giscard klärende politische Gespräche über wichtige Staatsangelegenheiten und eine persönliche Annäherung versprach, hatte sich bei dem von ihm erwarteten vertraulichen Tête-à-Tête plötzlich dem Courcheveler Skilehrer des Präsidenten gegenüber gesehen, den Giscard zu Chiracs Empörung ebenfalls zu Tisch gebeten hatte.

Die Stimmung war zu dieser Stunde ohnedies schon angegriffen gewesen, weil die Gäste des Präsidenten Zimmer beziehen mussten, die angeblich in keiner Weise auf den Besuch vorbereitet worden waren. So hatten Chirac selbst und beide Ehefrauen erst noch Möbel rücken müssen, um die abweisenden Räume einigermaßen behaglich zu machen.

Nach "Audienz" beim "Monarchen" ziemlich beste Feinde

Als Höhe der Respektlosigkeit empfand es Chirac schließlich, dass er angeblich auf einem kleineren Stuhl sitzen musste, während der großbürgerliche Giscard ihm gegenüber wie ein Monarch auf einem Sessel thronte. In seiner Wut über all die Despektierlichkeiten soll Chirac seinen Rücktritt als Regierungschef angekündigt haben, was er – wieder in Paris – schriftlich zementierte.

Dortselbst erschien kurz darauf ein ätzender Zeitungsartikel über die demütigende Behandlung des Premierministers und seiner Frau durch den als in der Tat selbstherrlich geltenden Präsidenten. Der wiederum fiel bei der Lektüre des Berichts aus allen Wolken, weil er selbst das Treffen als durchaus angenehm und gedeihlich empfunden hatte. Er stellte Chirac telefonisch zur Rede. Der aber versicherte, er habe die Presse nicht informiert. Folge waren Spekulationen über mögliche andere Informanten. Schließlich einigte man sich, einen Strich unter den "unerquicklichen Vorfall" zu ziehen. Gleichwohl blieb es bei Chiracs Demissionsbeschluss. Am 26. Juli trat er zurück. Aus seinen späteren Memoiren geht hervor, dass er die Einladung nach Südfrankreich 1976 lieber abgelehnt und "nur als Zeichen des guten Willens" eingelenkt hätte.

Während seiner Bormer Jahre traf sich Giscard oft mit seinem Freund François Leotard, der zum Bürgermeister von Fréjus (1977-1997) und 1987 sowie 1993 zum Kultur- beziehungsweise Verteidigungsminister aufstieg.

In die Geschichte wird Giscard, dessen Vater von 1921 bis 1926 als Oberfinanzinspektor der französischen Besatzungsarmee im Rheinland stationiert war, als "großer Europäer" (Angela Merkel) eingehen, der gemeinsam mit seinem Freund Bundeskanzler Helmut Schmidt insbesondere die Europäische Währungsunion vorantrieb. Mit ihm habe Deutschland "einen echten Freund" verloren, der einen "entscheidenden Einfluss" gehabt habe auf die deutsch-französischen Beziehungen.

Im Trauergruß von Engands Premier Boris Johnson kam Europa kennzeichnenderweise nicht vor, wohl aber, dass Giscard ein "bedeutender Erneuerer Frankreichs" gewesen sei.

Staatstrauer am kommenden Mittwoch

Valéry Giscard d’Estaing, der seit längerem unter Hertzschwäche litt, starb – umgeben von seinen engsten Angehörigen – auf seinem Familienbesitz in Authon (Loir-et-Cher). Nach seinem letzten Willen wird er am morgigen Samstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit beigesetzt werden.

Präsident Emmanuel Macron, der die Leistungen des Verstorbenen auch als Romancier, Essayist und Liebhaber der französischen Sprache würdigte, ordnete für kommenden Mittwoch Staatstrauer an.

Rolf Liffers