Haupt-Reiter

Heimkehren in Corona-Zeiten – von Frankreich nach Deutschland

MENSCHEN

Klaudia Rzezniczaks Praktikum bei der RivieraZeit war eigentlich auf zwei Monate angesetzt. Dann kam Corona – und mit dem Virus die Frage: hierbleiben oder vorzeitig nach Deutschland zurückkehren? Als selbst innereuropäische Grenzen teilweise geschlossen wurden, ergab sich die Antwort von selbst: heim, solange es noch geht! Ein Bericht von leeren Flughäfen, gestrichenen Flügen und versteinerten Gesichtern.

Bis zum 13. März, habe ich das alles zugegebenermaßen nicht besonders ernst genommen. Zwar wusste ich, dass das Coronavirus nun auch an der Côte d’Azur angelangt ist, wo ich gerade ein Praktikum in der Redaktion der RivieraZeit absolvierte, sah darin allerdings keine besonders große Gefahr. Es ist ja im Grunde nur ein Erkältungsvirus. Ausgerechnet Freitag, der 13. hat mich ein bisschen umgestimmt.

An dem Tag habe ich erfahren, dass eine Freundin ihre berufsorientierende Praxis an einer Schule in Baden-Württemberg unterbrechen und für zwei Wochen in häusliche Quarantäne würde gehen müssen, weil eine ihrer Schülerinnen positiv auf das Covid-19-Virus getestet wurde. Am selben Tag bin ich nach einiger Zeit mal wieder einkaufen gegangen. Als ich die gehetzten Menschenmassen, leere Nudel- und Toilettenpapierregale und Gemüsestände sah, wurde es mir schon etwas mulmig zumute.

Am Vorabend hatte Macron in seiner Ansprache bereits die Schließung aller Bildungseinrichtungen und andere Maßnahmen angekündigt. Freitagabend habe ich mich dann mit meinen Eltern über die Situation beraten, aber letztlich entschieden, dass das Ganze doch noch kein Grund sei, sofort nach Hause zu fahren.

Am Samstag unternahm ich sogar noch einen Ausflug nach Villefranche-sur-Mer, um mir die Villa Rothschild anzuschauen, wo ich den Garten und das Museum so gut wie für mich allein hatte. Später kontaktierte ich aber doch sicherheitshalber das Generalkonsulat in Marseille und fragte nach, wie ernst die Lage sei und ob es ratsam wäre, nach Deutschland zurückzukehren. Am Sonntag erhielt ich die Antwort: „Bisher gibt es keine Grenzschließungen, weder in Frankreich noch in Deutschland. Die Situation ändert sich jedoch ständig.“

Das tut sie in der Tat, denn nur ein Tag später, am Montag, 16. März, hat Deutschland seine Grenzen tatsächlich geschlossen. Einreisen können nur noch deutsche Staatsbürger oder diejenigen, die hier nachweislich ihren Dauerwohnsitz haben. So weit, so gut. Was mir allerdings Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass immer mehr Flüge gestrichen wurden. Bis zum 12. April wolle beispielsweise die Lufthansa ihre Mittelstreckenflüge auf 20 Prozent der ursprünglich geplanten Anzahl zurückschrauben.

Mein Corona-Evakuationsplan

Schnell buchte ich also einen Direktflug von Nizza nach Hamburg für den nächsten Freitag und kontrollierte bis dahin täglich voller Anspannung den Status meines Fluges. Die Liste der Dinge, die ich zu meiner Abreise zu erledigen hatte, nannte ich scherzhaft „Mein Corona-Evakuationsplan“ und blieb die ganze Woche zuhause. Die Redaktion der RivieraZeit ist in der gleichen Woche bereits ins Home-Office übergegangen. Da ich keinen Drucker hatte, erstellte ich mir für den Abreisetag handschriftlich eine Attestation de Déplacement Dérogatoire (hier erhältlich), mit der man in Frankreich seit Einführung der Ausgangssperre am 17. März seinen Aufenthalt außerhalb des Zuhauses legitimieren muss, und fügte selbst die nicht vorhandene Ankreuz-Option „Ich verlasse das Haus, um meinen Flug nach Hause zu nehmen“ hinzu.

Letztendlich hat mich aber niemand nach der Bescheinigung gefragt. Mit meinem Gepäck stieg ich am vergangenen Freitag in den Bus der Linie 230xpress, die zum Glück weiterhin kursierte, und fuhr mit drei weiteren Passagieren und einem verbarrikadierten Busfahrer von Sophia-Antipolis bis zum Flughafen in Nizza.

Schon von Weitem sah das Terminal 1 dunkel und ausgestorben aus, denn alle Ankünfte und Abreisen sind bis auf Weiteres zum Terminal 2 verlegt. Mit mir zeitgleich gelangten dort drei Gendarmen an, die am Flughafen patrouillierten.

Im Terminal herrschte eine ungewohnte Ruhe. Die wenigen Passagiere – davon ungefähr ein Drittel mit Gesichtsmasken und einige mit Gummihandschuhen – sprachen wenig miteinander, sodass die Ansagen ausnahmsweise relativ gut zu verstehen waren. In der Warteschlange zum Check-in und zur Gepäckabgabe hielten alle einen Zwei-Meter-Abstand ein. Vor mir warteten zwei Polinnen, die von ihrem Familienbesuch in Nizza vorzeitig über Hamburg und Berlin nach Polen zurückreisen wollten. Da sie aber keinen Wohnsitz in Deutschland besaßen, wurden sie nicht zum Flug zugelassen.

Keine Fieber-Kontrolle

Bei der Gepäckabgabe hat zu meinem Vorteil niemanden das Gewicht meines sicherlich mehr als die zugelassenen 23 Kilogramm wiegenden Koffers interessiert. Genauso wie niemanden der Gesundheitszustand der Passagiere interessiert hat. Bei den ungewöhnlich hektikfreien Kontrollen wurden zu meinem Erstaunen keine Fiebermessungen vorgenommen.

In der Boardingzone saßen alle sehr verstreut und aßen Snacks – denn alle Sandwiches waren schon ausverkauft – aus den Automaten oder aus dem Zeitschriften-Laden, dem einzigen, der geöffnet war.
Social distancing hin oder her, vom einander Zulächeln kann man sich nicht anstecken. Das schienen aber viele vergessen zu haben.

Die Anspannung hatte natürlich ihren guten Grund, zumal nicht mal das gelungene Check-in eine Garantie für das Stattfinden des Fluges darstellte. So ertönte plötzlich die Ansage: „Wir bitten alle, die auf den Flug nach Nantes warten, sich zum Ausgang zu begeben. Leider ist der Flug gestrichen.“

Befreit aufatmen konnte ich also erst, als die AirBerlin-Maschine, die mich anstatt des vorgesehenen Eurowings-Flugzeuges nach Hamburg bringen sollte, losrollte. Ein Luxusflug, könnte man sagen: Jeder Passagier hatte einen Fensterplatz; die zwei benachbarten Sitze und meist sogar die Reihe vor und hinter jedem Passagier blieben frei.

In Hamburg kamen wir 25 Minuten früher an als geplant und mussten uns zunächst ausweisen. Der Herr hinter mir hatte anscheinend keinen deutschen Pass, denn die Dame am Schalter fragte ihn stattdessen nach seiner Meldebestätigung. Verständlicherweise hatte er sie nicht in den Urlaub mitgenommen. Was mit ihm geschah und ob er durchgelassen wurde, weiß ich nicht, denn ich ging weiter, um mein Gepäck abzuholen und meine Eltern zu treffen.

So wie ich mich bei 16 Grad von der sonnenbestrahlten, leeren Promenade des Anglais und den türkisfarbenen Wellen des Mittelmeeres verabschiedet hatte, so begrüßte mich nun das deutsche Märzwetter und die den Hamburgern vertraute weiße Wolkendecke.

Ich freue mich, wieder zu Hause bei meiner Familie zu sein, und bin dankbar dafür, dass meine Heimreise problemlos verlief. Es wundert mich jedoch noch immer, dass weder Fieberkontrollen an den Flughäfen durchgeführt noch den Passagieren Verhaltensanweisungen mit auf den Weg gegeben wurden – wie zum Beispiel eine zweiwöchige Quarantäne einzuhalten oder zumindest ein Passenger-Locator-Formular für den Fall einer Infektion unter den mitgereisten Fluggästen auszufüllen.

Ich würde schärfere Vorsichtsmaßnahmen seitens Deutschlands befürworten. Frankreich hat eine Ausgangssperre und Bußgelder im Falle eines Nicht-Einhaltens eingeführt. In Polen werden Menschen, die aufgrund einer kürzlichen Reise oder des Kontaktes zu einer infizierten Person in Quarantäne sind, zweimal täglich von der Polizei besucht und nach ihrem Befinden befragt.

Allen Côte d’Azur-Reisenden wünsche ich eine gute Heimkehr und allen Lesern: Bleiben Sie gesund und tapfer!

Klaudia Rzezniczak