Haupt-Reiter

Leben & arbeiten im Süden: «aller simple sans retour»

MENSCHEN

So kann es enden, wenn einem die Liebe für Frankreich und seine Lebensart schon in die Wiege gelegt wurde: nämlich in Frankreichs Süden! Die Geschichte einer Annäherung. Von Christine Helfritz

Mit einem Franzosen verheiratet, Mutter von zwei Kindern, in der Provence lebend und damit beschäftigt, eine Agentur für Klassenreisen, Schülerpraktika und Kulturreisen in und nach Frankreich aufzubauen: Das ist Madeleine Franke, die mit ihrer Familie seit etwas mehr als einem Jahr in dem Dörfchen Belcodène südöstlich von Aix-en-Provence lebt. Kein zwingend vorgegebener Lebensweg für jemanden, der in Wiesbaden geboren und im Frankfurter Raum aufgewachsen ist? Mit einer Französischlehrerin als Mutter und frankophilen Eltern ist vieles möglich.

«Man könnte meinen, dass wir zuhause nur Französisch gesprochen haben. Dies war zwar nicht der Fall, aber ich befand mich durchaus in einer Art französischem Bad», erinnert sich die zierliche Mittdreißigerin, die noch eine jüngere Schwester hat. Schon ihr Name zeugt von der Liebe ihrer Eltern zur französischen Kultur, und so wächst sie mit den Chansons von Jacques Brel und Georges Brassens auf und reist bereits als Kind mit der Familie oft nach Frankreich.

Ferien in der Bretagne 

Im Alter von zehn Jahren erlebt Madeleine erstmals die Bretagne: Die Verbundenheit mit der Region wächst und führt dazu, dass ihre Eltern sich einige Jahre später mit einem Zweitwohnsitz in dem kleinen Ort Locquirec im Departement Finistère niederlassen. Seitdem verbringt Madeleine ihre Ferien regelmäßig dort und hat über die Sommeraktivitäten ihrer Kindheit einen großen, noch heute bestehenden Freundeskreis aufgebaut. «Wir waren ziemlich integriert – in diesem kleinen Ort kennt einfach jeder jeden», erinnert sie sich. «Das sind die schönsten Kindheitserinnerungen für mich.» Später nimmt sie an zahlreichen Austauschprogrammen teil, wählt in der Schule Französisch als Leistungskurs und absolviert sogar ein dreiwöchiges Praktikum in einer Werbeagentur in Nantes.

Und so empfindet sie es bald danach als spannende Herausforderung, einen Teil ihres Betriebswirtschaftsstudiums – begonnen in Frankfurt – an der Pariser Partneruniversität Dauphine zu absolvieren. Eineinhalb Jahre studiert die damals Zwanzigjährige dort im Rahmen eines französisch-deutschen Doppeldiplomprogramms gemeinsam mit sieben weiteren Frankfurter Kommilitoninnen – sie nennen sich huit femmes in Anlehnung an den preisgekrönten Film François Ozons, der einige Jahre zuvor in die Kinos gekommen war. «Dort begann allerdings eine schwierige Zeit für mich, denn meine bisherigen Französischkenntnisse reichten bei Weitem nicht aus für dieses spezielle Wirtschaftsstudium. Ich war mit viel Fachvokabular konfrontiert und musste mich durch das Studium regelrecht durchschlagen.» Madeleine Franke besteht alle Prüfungen, und abgesehen von der sprachlichen Feuertaufe wird diese Zeit auch in einem anderen Punkt weichenstellend: Anders als ihre deutschen Kommilitoninnen hatte sie sich eine rein französische Wohngemeinschaft gesucht – und trifft dort auf den Mann ihres Lebens.

Erster Job in Frankreich

So hatte sie es dann nicht mehr eilig, nach dem bestandenen Examen nach Deutschland zurückzukehren. Sie findet ihren ersten Job in der Région Parisienne im Vertrieb des Nahrungsmittelherstellers Mars Inc., bekannt durch den gleichnamigen Schokoriegel. Nach fünf Jahren wechselt sie ins Qualitätsmanagement an den französischen Hauptsitz des Unternehmens bei Orléans, während ihr Mann Christophe ebenfalls in Orléans – beim Energieversorger EDF – eine neue Stelle antritt. In diesen Jahren kommen auch die beiden Kinder Chloé (7 Jahre) und Victor (5 Jahre) zur Welt.

Locquirec, Paris, Orléans – der Weg zeigt für Madeleine Franke eindeutig in Richtung Süden. Und als Christophe 2019 ein attraktives Angebot in Marseille erhält, bricht die Familie auf zu neuen Abenteuern. Nach zehn Jahren Konzernarbeit möchte Madeleine den Schritt in eine selbständige Tätigkeit wagen, die sich besser mit dem Familienleben vereinbaren lässt.

Praktikumsvermittlung für Deutsche in Frankreich

Dass diese rund um den schulischen Bereich kreisen sollte, war ihr schon länger klar. Eine Reihe von Gesprächen mit deutschen Französischlehrern lenkt den Blick auf die Vermittlung von zwei- bis dreiwöchigen Schülerpraktika in Frankreich, für die auf deutscher Seite große Nachfrage besteht, die aber aufgrund komplizierter bürokratischer Voraussetzungen nur selten angeboten werden.

So entsteht mit dem neuen Familienleben in Belcodène zwischen Marseille und Aix-en-Provence die Agentur France4Fans. Covid-19 und das confinement können dem jungen Unternehmen – abgesehen von einer zeitlichen Verzögerung – nichts anhaben. Madeleine akquiriert die ersten Partnerunternehmen in Aix und Umgebung, für die eine Aufnahme von Schülerpraktikanten sinnvoll und interessant ist; auch Gastfamilien stehen zur Aufnahme der Praktikanten bereit.

Hilfe bei administrativen Hürden

Voraussetzung für die Vermittlung eines Praktikanten sind natürlich ausreichende Französischkenntnisse. Daneben gilt es jedoch, eine wichtige administrative Hürde zu nehmen: die sogenannte convention de stage. Ohne diesen Vertrag zwischen dem Praktikanten, dem Unternehmen sowie der dritten, anfordernden Instanz (der Schule oder Hochschule) darf aus arbeitsrechtlichen Gründen kein Praktikum stattfinden – France4Fans hilft bei der Antragstellung. Aber auch für den sogenannten gap nach Ende der Schulzeit und vor Beginn des Studiums – also ohne anfordernde Schule oder Hochschule – kennt die Expertin Franke Mittel und Wege zum Ziel.

Überdies handelt es sich bei dem Standort Südfrankreich mit Provence und Côte d’Azur um eine hochattraktive Gegend, die von den Unterbringungskosten deutlich unter denen von Paris liegt und die mit Hilfe des TGV günstig und unkompliziert erreichbar ist. «Ein solches Praktikum muss für alle Familien, nicht nur die wohlhabenden, erschwinglich sein», so Madeleine.

Warten auf das Ende der Corona-Pandemie

Die Ziele des jungen Unternehmens sind klar gesteckt: Schon bis 2021 sollen rund 80 Gastfamilien sowie 50 Unternehmen akquiriert werden. Sobald Covid-19 keinen Hinderungsgrund mehr für Gruppenreisen darstellt, werden weitere Standbeine des Unternehmens entwickelt: Die Organisation von Klassenreisen deutscher Schulen mit komplettem Programm vor Ort sowie die Organisation von Kulturreisen für Frankreich-Liebhaber (Erwachsene oder auch Schüler) – beispielsweise Malreisen in die Provence. Alle Module sollen auch in Kombination mit einem Sprachkurs buchbar sein.

Wie bereichernd und lebensweichenstellend der Erwerb einer Fremdsprache sein kann, hat Madeleine Franke am eigenen Leib erlebt – diese Erfahrungen will sie nun auch anderen ermöglichen. Dass der Weg dorthin auch zu lustigen Zwischenfällen führen kann und kein Meister einfach vom Himmel fällt, weiß sie ebenfalls aus Erfahrung.

«Während meines Studiums in Paris ist mir etwas sehr Peinliches passiert», berichtet sie schmunzelnd. «Ich wollte mich im Sekretariat höflich erkundigen, wo ich den Leiter der Uni finden kann. Mit der Gewissheit, dass Zimmer auf Französisch chambre heißt, habe ich gesagt: Excusez-moi, je cherche la chambre du directeur. Die Dame im Sekretariat sah mich erst entsetzt an und fing dann laut an zu lachen. Seitdem weiß ich, dass chambre ein ganz bestimmtes Zimmer ist, nämlich das Schlafzimmer ...»

Für immer im Süden?

Ob sie sich vorstellen könne, auf Dauer in Frankreichs Süden zu leben? Ein Hängenbleiben in dieser schönen Gegend hält sie für nicht völlig ausgeschlossen – jedenfalls für wahrscheinlicher als eine Rückkehr nach Deutschland. Zumal es für Christophe als Betriebsleiter mit 80 Mitarbeitern in einem Marseiller Unternehmen der Energiewirtschaft gut läuft und er andererseits die deutsche Sprache zwar versteht, aber nicht spricht. Sie selbst bezeichnet sich als franco-allemande und fühlt sich rundum wohl mit dem einmal eingeschlagenen Weg, der sie womöglich nicht mehr nach Deutschland zurückführen wird. Für den noch sehr weit entfernten Ruhestand kann sie sich jedoch auch ein Leben in der Bretagne gut vorstellen, die sie und ihr Mann sehr lieben.
Dort, wo für Madeleine Franke eigentlich alles begann.

www.france4fans.com