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Luciano Laschi – von der Medizin zur Malerei

KUNST

Ligurien und seine Menschen öffnen sich dem Besucher nicht auf Anhieb. Viele Schönheiten muss man sich erwandern, interessante Menschen, vor allem Künstler, durch Insidertipps entdecken. So erging es mir mit dem Maler Luciano Laschi. Er steht für ausgefeilte Maltechnik, gekonnte Collagen und absolutes Gespür für Bildkompositionen.

Von Susanne Altweger-Minet

Steil windet sich der Weg hinauf zum malerischen Dorf Verezzi im Hinterland zwischen Pietra und Finale Ligure. Ich parke am Eingang des mittelalterlichen Weilers hoch über dem Meer, und dort steht er: Der Künstler Luciano Laschi holt mich höchstpersönlich ab. Mein erster Eindruck: Welch’ eine überaus liebenswürdige Persönlichkeit! Der Blick aus wissenden braunen Augen, ein sanfter Händedruck – ich fühle mich sofort willkommen.

In seinem romantischen Haus aus dem 16. Jahrhundert serviert er erst einmal einen starken Espresso und zeigt dann seine Schätze. Laschi ist nicht nur leidenschaftlicher Maler, sondern auch ein begeisterter Sammler von schönen alten Dingen. Das Haus ist eine Mischung aus Maleratelier, Antiquitätenladen und Galerie. Wobei er sofort erklärt, hier würden nur die kleinen Gemälde entstehen, für die großen brauche er Platz. Nach dem Interview würden wir zusammen in sein Atelier ins nahe Finalborgo fahren.

Luciano Laschi nennt sich bescheiden Autodidakt. Auf diese Idee käme man nie, wenn man sein Oeuvre betrachtet. Ausgefeilte Maltechnik, gekonnte Collagen, ein absolutes Gespür für Bildkompositionen zeichnen seine Kunst aus. Dabei hatte er sich nur schwer zwischen Malerei und Medizin entscheiden können.

Als er als Kind gefragt wurde, was sein Berufswunsch sei, antwortete er: «Dieb oder Landstreicher – erstmal klaue ich ein paar Hühner, dann sehen wir weiter.» Später wollte er Arzt werden, was er dann auch umsetzte. Die Neigung bewegte sich zwischen Psychiatrie und Orthopädie, schließlich siegte «etwas Handfestes», die Orthopädie. Er promovierte 1969 an der Universität von Genua und übte den Beruf bis 1992 aus, unter anderem im Krankenhaus von Pietra Ligure.

Mit dem Malen begann er im zwölften Lebensjahr. Damals hatte ihn Picasso am meisten fasziniert. Sein Frühwerk zeigt Figürliches, auch kubistische Anklänge sind deutlich erkennbar. Seit den 1980er-Jahren werden die Ölbilder zunehmend freier, abstrakter, er findet zu einem sehr persönlichen Stil. Die Farbpalette ist so reichhaltig wie die Vielfalt seines Wesens. Anschaulich schildert er, was ihn als Künstler bewegt und zeigt mir seine Themenzyklen. Viele Bilder haben eine geheimnisvolle Anmutung.

Lichtblicke in dunklen Stunden

In den 1990er-Jahren malte er gerne Masken. Sie treten aus der Dunkelheit hervor, lösen sich aus der Abstraktion oder verschwimmen im Ungewissen. Das ist spannend und großartig gemalt.
Ob er ein eher optimistischer oder pessimistischer Mensch sei, frage ich. «Nun ja, ich hatte schwierige Phasen», gesteht er freimütig. «Ich habe mich auch viel mit dem Tod befasst. Aber selbst in dunklen Stunden bin ich fähig, Lichtblicke zu entdecken, Hoffnung durchschimmern zu lassen.»

Nach dem Kaffee fahren wir gemeinsam nach Finalborgo. Was mir schon in Verezzi aufgefallen war, wiederholt sich. Viele Menschen grüßen ihn, er scheint bekannt und beliebt. Sein freundliches Wesen zieht andere an. Nach einem wunderbaren Mittagessen in seiner Lieblings-Osteria lädt er mich in sein großzügiges, mit antiken Fresken geschmücktes Atelier mitten in der Altstadt.

Hier entstehen aktuell großflächige Bilder, vor allem Collagen. Er wollte sich nicht mehr auf Leinwand und Pinsel beschränken, sondern begann mit diversen Materialien zu experimentieren.

Die Wände sind eng behängt mit Arbeiten aus allen Epochen seines Lebens. Neben den bereits erwähnten Masken begeistern mich zwei weitere Themenkomplexe. Erstens Uhren als wiederkehrendes Motiv in vielen Variationen. Er ist fasziniert von Zeit, die vergeht, und Zeit, die entsteht. Sie kann auch stillstehen, das beruhigt. So lässt er oft die Zeiger weg, manchmal ist es auch kurz vor zwölf.

Die Bilder muten symbolistisch an, zum Beispiel das Großformat «Tempo di Luna», eine Collage mit Acrylmalerei, die ich am liebsten sofort mitnehmen möchte. Eine andere Bildfolge kritisiert das Schulsystem, den negativen Leistungsdruck, auch den schlechten Zustand der Schulen.

Homo politicus

In den Arbeiten des letzten Jahrzehnts zeigt sich der Homo politicus. Seine Collagen halten sich aus dem Zeitgeschehen nicht mehr heraus, er greift Berichte aus Zeitungen auf, lässt sie überdimensional kopieren und arbeitet sie in seine Collagen ein. Sein Herz ist bei denen, die Widerstand leisten, die sich nicht vom Zeitgeist korrumpieren lassen. Die Bilder sind aufwühlend und niemals plakativ. Die oft aggressive Farbgebung, mit kräftigem Blau und Rot, springt dem Betrachter förmlich entgegen. Seine Empörung gegen Gewalt, Zerstörung und Krieg ist Inspiration und Anklage zugleich!

Die Anerkennung blieb diesem großartigen Künstler nicht versagt. 35 Einzel- und Gruppenausstellungen in den letzten 40 Jahren kann er vorweisen. Und schließlich als Krönung 2017 die große Retrospektive im Palazzo Ducale in Genua.