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Münsteraner Museum arbeitet mit Musée Granet in Aix zusammen

KUNST

Das Picassomuseum im westfälischen Münster arbeitet neuerdings mit dem hoch renommierten Musée Granet im südfranzösischen Aix-en-Provence zusammen. Erste Frucht ist die gemeinsame Ausstellung "Durch das Licht", die bis zum 29. September sechs abstrakte französische Avantgarde-Künstler der Nachkriegszeit dem Vergessen entreißen soll. Unter ihnen der einst auch in Deutschland sehr bekannte Alfred Manessier, Elvire Jan, die jahrzehntelang im Departement Var arbeitete, und Jean Le Moal, der seit den 50er-Jahren in der Ardèche malte. 

Gezeigt werden in Münster 100 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen aus einer Schweizer Privatsammlung (Fondation Jean et Suzanne Plaque, Lausanne), deren Kurator Florian Rodari der RivieraZeit bestätigte, dass das Interesse an diesen Künstlern allgemein sehr gelitten habe und "bedauerlicherweise als inzwischen sehr schwach" bezeichnet werden müsse. 

Neben Arbeiten von Manessier, Jan und Le Moal sind in Münster Bilder von Jean Bazaine, Roger Bissière und Gustave Singier zu sehen. Ihre Kunst sei vom Abstrakten Expressionismus amerikanischer Prägung sowie der Pop Art weitgehend von der Kunstbühne verdrängt worden, erläuterte Rodari. Um diese Maler wiederzuentdecken, sei dem Ausstellungsprojekt auch das Musée La Piscine in Roubaix beigesprungen.

Die Gemeinsamkeit der ausgestellte Künstler besteht in ihrem besonderen Engagement für die Glasmalerei, erklärte die Kunsthistorikern Maïlis Favre (ebenfalls Planque) zum Ausstellungshintergrund. Manessier (1911-1993) zum Beispiel sei sehr gläubig gewesen, und daher habe er sich bevorzugt über sakrale Kunst ausgedrückt.

In Deutschland schuf Manessier schon ab den sechziger Jahren Glasmalereien für eine ganze Reihe von Kirchen: Die Fenster der Krypta des Essener Münsters sowie von Sankt Gereon in Köln. Für die Bremer Liebfrauen-Kirche gestaltete er die großformatigen Glasfenster der Apsis. "Doch schon damals beginnt sein Stern zu sinken wie auch der der fünf anderen Maler, die allesamt wenig radikal sind und künstlerisch eher einen Mittelweg beschreiten", sagt Favre. Und Rodari ergänzt, es habe sich bei der Gruppe eben um "keine Dogmatiker oder Ideologen" gehandelt. Geeint habe sie vielmehr "eine gewisse Nähe zur Natur". In der Natur, auf dem Land wie in der Provence hätten sie ihre Werke geschaffen.

Elvire Jan (1904-1996) gehörte ursprünglich der orthodoxen Kirche an und konvertierte zum katholischen Glauben. Sie entwarf mit Le Moal, Manessier und Bazaine Glasfenster für die Kathedrale von St-Dié-des Vosges. Bazaine (1904-2001) hingegen war kein bekennender Christ, hat sich aber sehr stark von Pater Alain Couturier beeinflussen lassen, der sich schon 1939 im Rahmen einer Ausstellung im Grand Palais für eine programmatische Erneuerung der sakralen Kunst stark gemacht hatte. Die Kirche Notre-Dame-de-Toute-Grâces in Passy wurde von Bazaine, Chagall, Rouault, Matisse, Lager, Braque und Bonnard gemeinsam ausgestaltet. Bissière (1886-1964) kreierte die ersten nicht gegenständlichen Glasfenster für eine französische Kirche überhaupt - für die Kathedrale von Metz. 

Münster ist in Deutschland die einzige Station der Ausstellung aus dem Hause Planque, mit dem das Picasso in Münster schon vor zehn Jahren kooperiert hat.

Picasso selbst, räumte Museumsleiter Professor Markus Müller augenzwinkernd ein, sei "kein ausgesprochener Freund der Abstraktion gewesen". Bei ihm sei "zumindest rudimentär der Bildgegenstand immer sichtbar geblieben". Gleichwohl habe man dem Spanier in Münster im Interesse der guten Sache zugemutet, diese künstlerische Nachbarschaft ein Vierteljahr zu ertragen. Aber mit dieser Nachbarschaft leben muss er ja auch in der Stiftung Planque, deren Sammlung alles umfasst vom frühen Cézanne bis zum späten Picasso.

Rolf Liffers