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Marseille: Die erstaunlichen Geschäftsmethoden einer Branche der ganz besonderen Art

MarseilleEin Besuch in Marseilles Norden, den sogenannten quartiers nord. Das heterogene, ehemals ländliche Gebiet besteht aus einstigen Dorfkernen, alter und neuer Industrie, Arbeitersiedlungen sowie den ehemaligen Landsitzen alter Marseiller Kaufmannsfamilien und von Klerus und Adel. Immer wieder ragen dazwischen Hochhaussiedlungen empor, in Frankreich cités genannt. In den 1960er-Jahren einst in großer Eile für die in Massen eintreffenden repatriierten Algerienfranzosen gebaut, lebt hier mittlerweile eine bunte Mischung aus Ankömmlingen im Zuge der vielen verschiedenen Migrationswellen, die Marseille seitdem erlebt hat – Algerier, Marokkaner, Rumänen, Albaner, Libanesen, Syrer und seit den achtziger Jahren auch viele Komorer. In der allgemeinen Perspektivlosigkeit dieser Siedlungen blüht vor allem eine Sorte von Geschäft...

Ein sonniger, friedlicher Oktobernachmittag in Marseille. In einer Hochhaussiedlung im Marseiller Norden – bewohnt von Familien, die einst vorwiegend aus den Maghreb-Staaten nach Marseille kamen – dringt Kindergejuchz vom zentral gelegenen Spielplatz; Mütter unterhalten sich von Balkon zu Balkon. Hier und da kommen und gehen Bewohner; in der Ferne wölbt sich der blassblaue Himmel über dem Meer. An der hinteren Zufahrt des Komplexes, am Rande einer kleinen Grünfläche mit zwitschernden Vögeln, sitzen Jugendliche auf Stühlen; in der Nähe der hinteren Hausaufgänge stehen ebenfalls mehrere junge Männer. Vorne an der Hauptzufahrt begrüßt ein schmaler Mittzwanziger ein ankommendes Fahrzeug, wechselt ein paar Sätze mit dem Fahrer, bevor es dann weiterfährt.

Was wie eine friedliche Wohnsiedlung am Rande einer Großstadt anmutet, ist einer der ertragreichsten Drogenverkaufsplätze der Stadt; Schätzungen zufolge (1) werden hier bis zu 40 000 Euro Umsatz erzielt – pro Tag, wohlgemerkt. Die in der Sonne sitzenden Jugendlichen und jungen Männer sind demnach auch weniger untätig als es scheint: Sie sind sogenannte guetteurs oder choufs (chouf = Arabisch für schau!), Späher oder Wachposten, die für einen reibungslosen Ablauf der Geschäfte sorgen. Manchmal sind sie schon von weitem an dem Stuhl erkennbar, auf dem sie sitzen.

Das Geschäft dahinter ist voll durchorganisiert. Mein guide locale, eine Bewohnerin der Umgebung mit Einblick und Kontakten in die Residenz, zeigt mir die einzelnen Verkaufsstellen: Auf der einen Seite der Residenz gibt es Cannabis-Produkte, etwas weiter hinten auch harte Drogen. Im Hauseingang ist jeweils mindestens ein „Mitarbeiter“ zu Empfang und Weiterleitung der Kundschaft platziert. Ein etwa dreißig Jahre alter Mann im gestreiften Rugby-Pullover – er könnte mein Nachbar sein – parkt sein Auto und verschwindet im hinteren Hauseingang. Nach einigen Minuten kommt er zurück, holt etwas aus dem Wagen, geht nochmals hoch und fährt schließlich wieder ab.

Meine Informantin berichtet, dass die Dealer bei der Leitung der Besucherströme insbesondere zu Hauptgeschäftszeiten nichts dem Zufall überlassen: Die Treppenaufgänge bis zur Verkaufsetage werden für die eigentlichen Bewohner des jeweiligen Hauses mit Hilfe von Einkaufswagen aus dem Supermarkt gesperrt; sie müssen mit dem Aufzug direkt bis zu ihrer Wohnung fahren, während die Kundschaft die Treppe nimmt. Am Wochenende, wenn der Andrang besonders stark ist, werden an den Zufahrten der Residenz mithilfe von Europaletten regelrechte Verkehrsschikanen errichtet, um den Überblick über die ankommenden Fahrzeuge zu behalten.

Drogenbanden kontrollieren ganze Viertel

Dass die Drogenbanden ganze Siedlungen kontrollieren und deren Einwohner in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, ist in Marseille ein verbreitetes Phänomen. So berichtet die LREM-Abgeordnete für die quartiers nord, Alexandra Louis (2), über zahlreiche Klagen von Einwohnern der Cité des Rosiers im 14. Arrondissement: Die dortigen Dealer verhängen offenbar regelrechte Ausgangssperren, um ihren Geschäften ungestört nachgehen zu können.

Cité de Campagne LévêqueDas erstaunlichste, frankreichweit in zahlreichen Medien aufgegriffene Vorkommnis ereignete sich Anfang Dezember 2018, als im Rahmen der frisch aufgekommenen gilet-jaunes-Proteste eine mehrtägige Straßenblockade von Schülern des Lycée Saint-Exupéry im 15. Arrondissement am dritten Tag durch eine Gruppe von Außenstehenden abrupt zu einem Ende gebracht wurde. Nachdem deren Forderung, die Straße umgehend zu räumen, zunächst nicht beachtet wurde, feuerten die unbekannten Angreifer eine Vielzahl von Paintball-Salven (ungefährliche Farbgeschosse) auf die anwesenden Schüler und Lehrer – inklusive Direktor. Sowohl Lehrer als auch Polizei gehen davon aus, dass es sich bei den Angreifern um Dealer der nahegelegenen Cité Campagne Lévêque gehandelt haben muss – ganz offenbar hatten die mehrtägige Blockade der Zufahrtsstraße sowie die starke Präsenz der Ordnungskräfte deren Kundschaft ferngehalten.

Die Drogenmafia als Ordnungsfaktor – dieser Eindruck drängt sich auch ein paar Kilometer weiter östlich auf. Marie de C., kürzlich zugezogene Bewohnerin des Stadtviertels, hat ihre Tochter zum Ballettunterricht in der Bastide Saint-Joseph angemeldet, einem schmucken Schlösschen aus dem 17. Jahrhundert, in dem auch das Stadtteil-Rathaus für das 13. und 14. Arrondissement untergebracht ist. Eine Tanzvorführung der Kinder soll im Kulturzentrum der unweit entfernten Cité La Busserine stattfinden. Als Marie sich nach einer sicheren Parkmöglichkeit vor Ort erkundigt, erklärt ihr die Rathausangestellte, dass man in dem betreffenden Viertel überall sicher parken könne – denn die Drogendealer der cité würden sehr genau darauf achten, dass ihre Kundschaft unbehelligt bleibe...

Mit Erstaunen berichten die Medien auch über einige ausgefallene, von der Polizei im Rahmen von Durchsuchungen sichergestellte „Marketing“-Dokumente der Szene: So zierte bei einer Razzia Anfang 2019 eine handgeschriebene Preisliste den Verkaufsstand des charbonniers (Dealers) in der Cité La Castellane (15. Arrondissement) – unterschrieben mit dem Satz „bonne fumette à tous, à bientôt!“ („frohes Kiffen und bis bald!“). Im April 2019 veröffentlichte die Marseiller Polizei auf Twitter das Foto eines weiteren Schildes mit detaillierter Anpreisung der Ware: Mindestens vierzehn verschiedene Produkte aus aller Herren Länder wurden darauf, nicht immer orthographisch einwandfrei, mit Werbeslogans wie „ready for takeoff?“, „der Zitroneneffekt, der Ihnen das Hirn gefrieren lässt“ oder „Blueberry Kush mit erhebendem Geschmack zur Aromatisierung Ihrer Sinne“ beworben.

Und in der unweit entfernten Cité de la Solidarité stellte die Polizei laut Bericht von franceinfo im Februar 2019 ein Stellenangebot der ganz besonderen Art sicher: Unter dem Titel "votre droguerie recrute" („Ihre Drogerie stellt ein“) wurde auf Flugblättern eine Vollzeitstelle im Bereich Kundenbetreuung und Verkauf des Unternehmens CapsuleCorp ausgeschrieben. Neben einer Auflistung der täglichen Öffnungszeiten wird in der Stellenbeschreibung präzisiert: „Ihr Aufgabenbereich umfasst permanente Sichtkontrollen; den Anweisungen des Geschäftsführers ist jederzeit Folge zu leisten.“ Nach Angabe der zuständigen Polizeibehörde DDSP 13 hatte es einen derartigen Fund von Anzeigen noch nie gegeben.
Auch die Beschäftigung von Ferienjobbern zu Spitzenverkaufszeiten im Sommer aufgrund hoher Touristenzahlen scheint mittlerweile professionell durchorganisiert zu sein: „Immer mehr Jugendliche und sogar Minderjährige kommen im Sommer aus anderen, teils weit entfernten Departements hierher, um eine Art von Saisonjob auszuüben“, berichtet Sébastien Lautard, Leiter der Anti-Drogen-Brigade Marseille, dem Sender RTL (3).

In diesem Milieu, in dem es um viel Geld geht und rivalisierende Gangs um die Kontrolle ganzer cités kämpfen, geht es nicht gerade zimperlich zu. So liegt Marseille schon seit vielen Jahren nicht zuletzt aufgrund der hohen Zahl sogenannter règlements de comptes (Vergeltungsakte) in vorderer Linie der französischen Kriminalstatistiken. Jährlich werden hier allein in diesem Zusammenhang um die zehn bis zwanzig Tote polizeilich registriert; ganz zu schweigen von den zahllosen Verletzten. Von immer jüngeren Beteiligten ist die Rede – wie zum Beispiel bei einer Schießerei Mitte November des letzten Jahres, bei der ein 22-Jähriger getötet wurde, der laut Tageszeitung La Provence selbst gerade in einem Mordfall verhört worden war. Seine durch den Anschlag verletzten Begleiter, darunter ein 24-Jähriger und ein 17-Jähriger, waren bereits durch Drogenhandel aufgefallen.
Zur besseren Verwischung der Spuren werden oft gestohlene Fahrzeuge verwendet, die anschließend – nicht selten mitsamt dem exekutierten Opfer – weitab vom Tatort in Brand gesteckt werden.
Die Banden gehen mit großer Brutalität gegeneinander vor; sind die Jugendlichen einmal involviert, wird es für sie als Mitwisser schwierig bis unmöglich, aus dem Geschäft wieder auszusteigen.

In der Politik ist man sich der Probleme Marseilles durchaus bewusst; der von Innenminister Christophe Castaner Mitte September 2019 verkündete frankreichweite neue Anti-Drogen-Plan der Regierung stützt sich sogar explizit auf Erfahrungen, die in Marseille auf diesem Gebiet gemacht wurden (insbesondere in der ressortübergreifenden Zusammenarbeit zwischen Polizei, Zoll und Gendarmerie). Tatsächlich ist just 2019 die Zahl der milieubedingten Morde gesunken. Dennoch hat es den Anschein, dass trotz regelmäßiger und jüngst sogar steigender Fahndungserfolge mit jedem erfolgreichen Schlag lediglich der sprichwörtlichen Hydra ein Kopf abgetrennt wird – der sofort neunfach nachwächst.

Wirtschaftsfaktor und Garant des sozialen Friedens

MarseilleDenn der Drogenhandel hat sich in den Marseiller cités zu einem echten Wirtschaftsfaktor entwickelt. Viele der hier wohnenden Familien mit Migrationshintergrund sind angewiesen auf die zusätzlichen Einkünfte, die ihre Kinder mit Schmierestehen oder weitergehenden Tätigkeiten verdienen. Auch als sogenannte nourrice („Amme“) können sich Einwohner, selbst wenn sie ansonsten nicht direkt ins Geschehen eingebunden sind, mit der Zwischenlagerung von Ware oder Verkaufserlösen ein Zubrot verdienen.
So paradox es klingt – der Drogenhandel stellt in den so sensiblen quartiers nord von Marseille eine Art Garant des sozialen Friedens dar.
Über die Höhe der in diesem Milieu generierten Einkommen kann nur spekuliert werden. Ein im 15. Arrondissement tätiger Jugendsozialhelfer, der namentlich nicht genannt werden will, schätzt den Verdienst von guetteurs und charbonneurs auf im Schnitt zwischen 150 und 600 Euro pro Einsatz, je nach Länge und Art der Tätigkeit. Die französische Zeitung Liberation (4) kam bei ihren Recherchen im Mai 2018 zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen; die u.a. dort zitierte Soziologin Claire Duport vermutet das große Geld eher bei den Drogen-„Großhändlern“ (bis zu 400 000 Euro pro Jahr), wohingegen die vielen Hilfskräfte im Drogenhandel vor Ort ihrer Meinung nach auf wahrscheinlich im Schnitt nicht mehr als 7000 Euro pro Jahr kämen und damit an der Niedriglohngrenze operieren dürften.

Dieser Eindruck wird gestützt durch die Beobachtungen des Marseiller Journalisten Philippe Pujol, der in seinem Buch „La fabrique du monstre“ (5) einen tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse der Marseiller Vorstädte gewährt. Er beschreibt unter anderem, wie Halbwüchsige in dunklen Kellerlöchern Haschisch mit Hilfe von Altöl strecken, um beim Verkauf noch ein paar Euro mehr herauszuschinden.

Ein goldenes, wenn auch statistisch gesehen eher kurzes Leben ist wohl den Bandenchefs, den caïds, vorbehalten. Welche Blüten ihr Lebensstil treiben kann, offenbarte sich 2015 im Zuge des Prozesses gegen Nordine Achouri, den mutmaßlichen Chef des bis dato größten Marseiller Drogennetzwerks mit Sitz im berüchtigten Turm K der Cité de la Castellane (15. Arrondissement). Laut der Zeitschrift Le Point (6) trug „Nono“, der mit 31 Jahren immer noch zuhause bei seinen Eltern in der cité wohnte und weder über Führerschein noch Bankkonto verfügte, eine Rolex am Handgelenk, frönte seiner Liebe für Luxusautos, übernachtete in Fünfsternehotels, machte Urlaub auf Marbella und soll sich sogar ein eigenes Pferd namens Titus, mit langer schwarzer Mähne, gehalten haben.

Der Großteil der im Drogenhandel generierten Erlöse bleibt jedenfalls offenbar nicht in der Stadt und schon gar nicht in den Hochhausburgen der quartiers nord. Mitte Oktober wurde vor der Marseiller Strafkammer der Prozess gegen achtzehn mutmaßliche Mitglieder eines Geldkuriersystems eröffnet, deren Aufgabe das Einsammeln von Erlösen aus dem Drogenverkauf und ihr Transport per Auto in Richtung Belgien oder Spanien war (jeweils in Summen von mehreren hunderttausend Euro). Von dort waren diese Gelder weiterzuverfolgen bis nach Dubai, in die Vereinigten Arabischen Emirate oder nach Marokko; insgesamt wurden auf diese Weise wohl bis zu 70 Millionen Euro außer Landes geschafft und gewaschen.

In der Drogen-Cité La Castellane wird jetzt zu ungewöhnlichen Maßnahmen gegriffen. Die 6- bis 7000 Einwohner beherbergende Hochhaussiedlung gilt als die bisherige Nummer eins im Drogenhandel für Marseille und Umgebung und ist bekannt für ihre verschachtelte und schwer zugängliche Anlage am Hang bei gleichzeitig günstiger Positionierung an den Hauptverkehrsachsen. Hier, wo Schätzungen der Polizei zufolge täglich 900 Kunden ein- und ausgehen und für Umsätze von 40- bis zu 50 000 Euro pro Tag sorgen (7), wird zurzeit mit dem berüchtigten Turm K schon das zweite Hochhaus abgerissen. An seiner Stelle wird eine Straße durch die Residenz für bessere Zugänglichkeit gebaut.
In dem bereits vor zwei Jahren abgerissenen Gebäude G war Frankreichs Fußballstar Zinédine Zidane mit seinen vier Geschwistern aufgewachsen.

Wenn es nach den Behörden geht, wird in La Castellane mit der Legende bald Schluss sein. Aber für Marseille, die Stadt der French Connection, gilt dies noch lange nicht.

Chouf
Der gleichnamige Film von Karim Dridi, der 2016 bei den Filmfestspielen in Cannes im Beisein der (Laien-)Schauspieler gezeigt und beklatscht wurde, beschreibt eindrücklich das Leben der Drogendealer in Marseilles Norden.
Sofiane (Sofiane Khammes) ist 24 Jahre alt und verbringt seine Semesterferien in seiner Heimatstadt Marseille. Doch als sein Bruder vor seinen Augen erschossen wird, bricht er sein Studium ab, igelt sich in seiner eigenen Welt ein und kommt in Kontakt mit der dortigen Drogenszene. Dort steigt er schnell zum rechten Arm eines mächtigen Unterweltbosses auf. Eine Spirale aus Gewalt und Tod ...
Hart, trostlos, aber in jedem Fall sehenswert und erhellend! Der Film ist im Online-Streaming zu sehen (zB: www.vod.lu, film2streaming.net oder www.universcine.com).
Tipp: Besser mit Untertiteln oder synchronisiert als ausschließlich im Original anschauen – der Slang der Jugendlichen ist selbst für Französisch-erprobte Ohren eine Herausforderung!

P.S.
Liebe Touristen, die Innenstadt von Marseille ist eine andere Welt und jederzeit entspannt zu genießen!

Quellen
(1) La Provence, 03.04.2019
(2) La Provence, 19.11.2019
(3) Marseille: dealer, un „job d’été“ qui attire de plus en plus. www.rtl.fr, 17.08.2019
(4) Combien gagnent vraiment les trafiquants de Cannabis? Liberation vom 4. Juni 2018
(5) Philippe Pujol, La Fabrique du monstre, Paris 2016. Die deutsche Übersetzung erschien 2017 im Hanser Verlag unter dem Titel Die Erschaffung des Monsters. Elend und Macht in Marseille.
(6) www.lepoint.fr, 24.09.2015; La vie dorée de Nono le caïd de la drogue à Castellane
(7) franceinfo, 22.06.2018

 

 Christine Helfritz