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Monaco & Münster: Zweimal Miró, zweimal Heiterkeit

KUNST

Zwei Miró-Ausstellungen dürften Kunstfans in diesem Herbst erfreuen: In Monaco sind noch bis zum 25. Oktober Bilder, Skulpturen und Zeichnungen des katalanischen Künstlers zu sehen. Im westfälischen Münster werden bis Ende Januar 2021 im dortigen Picasso-Museum Miró-Grafiken gezeigt, die bisher noch nie gerahmt oder ausgestellt waren.

Miró im Fürstentum
In Zusammenarbeit mit der Stiftung des Fürsten zeigt das Nouveau Musée National de Monaco (NMNM) in der Villa Paloma gut vier Wochen lang die Ausstellung „Mirό, La Peinture au défi“. Mehr als 50 Gemälde, drei Skulpturen und eine Auswahl an Collagen und Zeichnungen hat dazu Miró-Enkel Joan Punyet Miró gemeinsam mit dem Estate Joan Miró und der Galerie Gmurzynska, der Successió Miró sowie der Fundación Mapfre ausgewählt. Die Werke decken die gesamte Schaffenszeit des Künstlers ab.

Gezeigt werden unter anderem Bühnenbilder und Kostüme, die Miró 1932 für die Compagnie des Ballets Russes de Monte-Carlo entwarf, aber beispielsweise auch die radikalen, weniger bekannten Werke der 1960- und 70er-Jahre. Die Ausstellung unterstreicht die unermüdliche Beharrlichkeit des Künstlers bei der Neuerfindung seiner Malweise.

Am gestrigen Donnerstag wurde ein Werk des Malers, das Enkel Joan Punyet Mirό zur Verfügung gestellt hatte, zugunsten der Stiftung von Fürst Albert II. anlässlich der „Monte-Carlo Gala for Planetary Health“ versteigert, die dieses Jahr den Ozeanen, der Erde und der Menschheit gewidmet war.

Miró im Picasso-Museum in NRW

Der katalanische Künstler Joan Miro (1893-1983), der zwischen 1961 und 1981 für die Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence die 250-teilige Plastik- und Keramik-Gruppe "Labyrinth" schuf, hat in Nordrhein-Westfalen kurz hintereinander zum zweiten Mal seine Visitenkarte abgegeben. 2019 vorübergehend mit Tonnen schweren Werken im Wuppertaler Kunstpark "Waldfrieden" (wir berichteten) und jetzt auf Dauer in Münster. Dort bekam das einzige deutsche Picasso-Museum ein 70 hochwertige Arbeiten umfassendes Bilder-Konvolut des spanischen Malers zur Feier seines 20-jährigen Bestehens. Alle Arbeiten entstammen der Pariser Galerie Maeght, die Miró seit 1948 unter Vertrag hatte.

Museumsleiter Markus Müller empfand die kostspielige Gabe des regionalen Sparkassenverbandes ("Über den Kaufpreis schweigt des Sängers Höflichkeit") als äußerst beziehungsreich. "Denn damit reiht sich nach Henri Matisse, Georges Braque und Marc Chagall ein weiterer enger Freund Pablos Picassos – und derer gab es sonst nicht viele – in unsere Bestände ein."

Nach Müllers Angaben deckt die Neuerwerbung Mirós Schaffenszeitraum über 45 Jahre ab. Den Anfang bilden frühe Radierungen von 1938. Das letzte Bild entstand ein Jahr vor dem Tod des Künstlers. Die Kollektion umfasst hauptsächlich Großformate. Hinzukommen 14 Aufnahmen, die der Schweizer Fotograf Ernst Scheidegger von dem arbeitenden Künstler in dessen verschiedenen Ateliers gemacht hat.

Bestandteil der Sammlung ist außerdem eine historisch interessante Originalhandschrift von Miró, den Müller als "heitersten Vertreter der klassischen Moderne" bezeichnete. Bei dem Autograph handelt es sich um einen Brief, den der junge Mann 1921 aus Anlass seiner ersten Einzelausstellung im Frühjahr 1921 in Paris an seinen Kunsthändler geschrieben hatte.

Die Miró-Grafiken, die bisher noch nie gerahmt oder ausgestellt waren, sind jetzt erstmals in Münster zu sehen (bis zum 31. Januar 2021). Die beiden Künstlerenkel Joan Punyet Miró und Olivier Picasso, die beide zum Museumsgeburtstag in der alten Provinzialhauptstadt erscheinen wollten, um das Museum zu dem großen Wurf zu beglückwünschen, hatten sich angesichts der drohenden zweiten Coronawelle auf Videobotschaften beschränken müssen.

Picasso und Miró hatten sich 1920 in der damaligen Kunstmetropole Paris kennengelernt, wo Picasso seinem zwölf Jahren jüngeren Landsmann viele Türen öffnete.

Wie Picasso hatte Miró von Paris mit künstlerischen Mitteln gegen den Franco-Faschismus gekämpft und neben Picassos "Guernica" und Calders "Quecksilberbrunnen" sein heute als verloren geltendes Monumentalgemälde "Der Schnitter" ausgestellt. Für die Ausstellung hatte er zudem ein Plakat mit dem Titel ("Aidez l’Espagne") entworfen. 1940, ein Jahr nach Beendigung des verlorenen Bürgerkriegs und unmittelbar nach der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen, war er aus dem französischen Exil in seine spanische Heimat zurückgekehrt.

Seit dem Tod seiner Halbgeschwister und einer schweren Erkrankung seines Bruders Teo ist Joan Punyet alleiniger Verwalter des Nachlasses seines Großvaters in der Miró-Stiftung in Barcelona und der Successió in Palma de Mallorca, wo sein berühmter Vorfahre die letzten 27 Jahre seines Lebens zugebracht und bei seinem Tod rund 2000 Ölgemälde, 500 Skulpturen, 400 Keramiken sowie 500 Collagen und Zeichnungen hinterlassen hatte.

"Mal nahm er nach Tisch ein Hühnerbein mit, mal eine Tischdecke aus einem Lokal, einen Handseifenhalter oder sonst eine scheinbare Banalität", erzählt er der RZ. Aber gerade die Dinge des Alltags hätten ihn immer wieder inspiriert, und durch ihn seien sie dann zum Kunstwerk geworden. Enkel Joan wörtlich: "Nimmt jemand einen Stein in die Hand, so bleibt er ein Stein. Wenn Miró einen Stein aufnahm, mutierte der Stein zum Miró."

Heute machte der Enkel aus seinem Herzen keine Mördergrube mehr. Er schildert freimütig, wie schwierig es für ihn ist, sich im Schatten des weltbekannten Großvaters zu entfalten. "Er ist einfach ein Riese", und er als Nachfahre sei stets an dessen Werk gemessen worden, also "besonders kritisch". Um sich freizuschwimmen und zu Selbstbewusstsein zu finden, habe es einer jahrelangen Psychotherapie bedurft.

Joan Punyets 2004 mit 74 Jahren verstorbene Mutter Dolores Miró Juncosa, einzige Tochter des aus Barcelona stammenden Joan Miró und der Mallorquinerin Pilar Juncosa, war zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe mit dem tödlich verunglückten David Fernández gingen seine ebenfalls früh verstorbenen Halbbrüder David und Emili hervor. Der zweiten Ehe mit Teodor Punyet entstammen er selbst und sein psychisch schwer kranker Bruder Teo. Die vier Geschwister hatten gemeinsam die Successió gegründet und den Nachlass des Großvaters inventarisiert. Skulpturenexperte Emili hatte in der Miró-Erben-Stiftung zwar eine leitende Funktion inne. Er war jedoch nur selten öffentlich aufgetreten und hatte die Rolle des Sprechers der Familie seinem extrovertierten Stiefbruder Joan Punyet überlassen.

Übrigens: Der katalanische Architekt Josep Lluís Sert, der nach dem Franco-Putsch ins nordamerikanische Exil geflohen war, hat Miró 1956 den Traum von einem geräumigen Atelier auf Mallorca erfüllt. Daraufhin hatte Miró, der eng mit dem Kunstsammler-Paar Aimé und Marguerite Maeght befreundet war, seinen Landsmann auch für die Bauplanung der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence empfohlen. Dort entdeckte der Künstler für sich auch die Glasmalerei. 1979 schuf er für die Fondation ein doppelhorizontales Fenster mit den Maßen zwei mal sieben Meter.

In Mirós Haus auf Mallorca befindet sich seit 1992 das Museum der Stiftung Pilar und Joan Miró. Träger des Picassomuseums in Münster ist der Westfälisch-Lippische Sparkassen- und Giroverband.

Rolf Liffers / AS