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Nachsitzen bis zur Stichwahl – Nachtrag zur Kommunalwahl

CÔTE D’AZUR & PROVENCE

Estrosi und Guibal regieren vorerst in Nizza und Menton weiter. Spannend bleibt es unter anderem auch in Marseille, Valbonne, Avignon und Arles. – Wenn die Hauptakteure wie Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi oder Martine Vassal, die Chefin der Metropol-Region Marseille-Aix-en-Provence, selbst mit dem Coronavirus infiziert sind, ist klar, dass die Kommunalwahlen mit einer Beteiligung von nicht einmal 40 Prozent der Bürger in Südfrankreich nach dem ersten Urnengang am 15. März nicht mehr die erste Geige im Land spielen. Die Stichwahl, in die Christian Estrosi mit seinen 47,6 Prozent der Stimmen als Favorit geht, ist wahrscheinlich auf den 21. Juni verschoben.

Christian Estrosi, der mit seiner Familie derzeit unter Quarantäne steht, regiert aber bis zur Stichwahl weiter und hat wegen des Coronavirus die Ausgangssperre in Nizza noch weiter verschärft. Zwischen 22 und 5 Uhr darf im Prinzip niemand mehr auf die Straße. Dieselbe Regel gilt seit gestern in sämtlichen Städten der Alpes-Maritimes mit mehr als 10.000 Einwohnern sowie in allen Küstenstädten. 

In der Grenzstadt zu Italien, die für ihren Zitronen-Karneval bekannt ist, hat der 79-jährige Bürgermeister Jean-Claude Guibal sein sechstes Mandat vorerst verfehlt. Am 15. März stimmten zwar 45 Prozent der Wahlbürger von Menton für ihn, aber der von Rechtsextremen unterstützte Olivier Bettati verhinderte mit 29,5 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit für Jean-Claude Guibal, der wie Christian Estrosi in der Stichwahl nachsitzen muss.

Auf Anhieb ihr Mandat verteidigt haben dagegen die konservativen Politiker Hubert Falco in Toulon, Jean Léonetti in Antibes, David Lisnard in Cannes mit 88 Prozent der Stimmen, Jérôme Viaud in Grasse, Richard Galy in Mougins, Frédéric Masquelier in Saint-Raphaël oder Didier Brémond in Brignoles. Wiedergewählt im ersten Durchgang sind aber auch Pierre Aschieri, der 2015 die Nachfolge seines Vaters, des Grünen André Aschieri, angetreten hat, und am 15. März in Mouans-Sartoux über 76 Prozent der abgegebenen Stimmen holte, und ebenso David Rachline vom Rassemblement National (RN), der 2014 erstmals Fréjus im Var eroberte. Ebenfalls wiedergewählt sind der ehemalige Chef der Sozialisten in der Provence, Jean-David Ciot, in Le Puy Sainte-Réparade, der Heimat des Avantgarde-Weinguts Château La Coste bei Aix-en-Provence, oder Frédéric Guineri in Puyloubier, der Heimat der Weinkooperative am Fuß der Montagne Sainte-Victoire.

In der Stichwahl ganz eng wird es in Valbonne. Dort liegt nach dem 15. März der grüne Spitzenkandidat Joseph Cesaro mit 33 Prozent knapp vor dem Zentrumspolitiker und Amtsinhaber Christophe Etoré (knapp 30 Prozent) sowie dem linken ehemaligen Bürgermeister Marc Daunis (25 Prozent). Selbst der konservative Kandidat Henri-Philippe Laigneil könnte mit 11,76 Prozent noch in die Stichwahl einziehen.

Spannung in Marseille

Spannend wird die Stichwahl in der Provence, und vor allem Marseille liefert die Schlagzeilen. Martine Vassal, die der seit 1995 regierende Bürgermeister Jean-Claude Gaudin als Nachfolgerin auserwählte, liegt entgegen allen Vorhersagen mit 22,3 Prozent der Stimmen nämlich hinter der Liste von Michèle Rubirola, die mit ihrem breiten linken und ökologischen Bündnis auf 23,4 Prozent kommt und sowohl den RN-Kandidaten Stéphane Ravier mit 19,45 Prozent als auch den konservativen Senator Bruno Gilles (10,6 Prozent), den Grünen Sébastien Barles (8,9 Prozent) und vor allem den Kandidaten von Staatspräsident Emmanuel Macrons Partei, Yvon Berland, mit 7,8 Prozent auf Distanz hält. Die ehemalige sozialistische Senatorin Samia Ghali kommt auf 6,4 Prozent. Aber bis zur Stichwahl regiert Jean-Claude Gaudin, der mit seinen 80 Jahren in den Ruhestand gehen wollte, weiter.

Noch nichts entschieden ist in Arles, wo der langjährige kommunistische Rathauschef Hervé Schiavetti nicht mehr kandidierte. Auf Platz eins mit 26,4 Prozent kam am 15. März der Journalist und ehemalige Chef von France Télévision, Patrick de Carolis, mit seiner Zentrumsliste vor der Linken-Liste von Nicolas Koukas (21 Prozent), während Emmanuel Macrons Kandidatin Monica Michel nicht einmal 5 Prozent der Stimmen eroberte.

Als Favoritin geht in Avignon die sozialistische Bürgermeisterin Cécile Helle (34,5 Prozent) gegen die extremrechte RN-Liste von Anne-Sophie Rigault (21,5 Prozent) und die grüne Liste von Jean-Pierre Cervates (15,6 Prozent) in die Stichwahl.

Favoritin für die Wiederwahl ist zudem die 77-jährige Maryse Joissains-Masini in Aix-en-Provence (30 Prozent) gegen Anne-Laurence Petel, die für Macrons Partei LREM den Sitz in der Pariser Nationalversammlung erobert hatte und jetzt auf 20 Prozent kommt. Die linke Union von Marc Pena erreicht 15 Prozent, die Grünen von Dominique Sassoon kommen auf 9,2 Prozent.

Im 5000 Einwohner zählenden Städtchen Le Rove vor den Toren von Marseille hat bei einer Wahlbeteiligung von über 50 Prozent, also einem der besten Ergebnisse in der ganzen Region, der 90-jährige Kommunist Georges Rosso mit 79 Prozent der Stimmen seit 1981 das achte Mandat als Bürgermeister geholt.

Peter Bausch