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Nizza war lange sein Lebensmittelpunkt: Trauer um Sean Connery

MENSCHEN

Nizza war jahrelang Lebensmittelpunkt des Filmstars Sean Connery, der als James-Bond-Darsteller weltberühmt wurde und am letzten Wochenende mit neunzig Jahren starb. Die Frau seines Lebens, die franko-marokkanische Malerin Micheline Roquebrune, stammt aus der Region. Annähernd 45 Jahre war er glücklich mit ihr verheiratet. Auch die angeheirateten Enkelinnen, die Journalistinnen Eve-Anna und Stéphanie Renouvin, sind an der Côte d’Azur geboren und aufgewachsen. Ein Rückblick auf das Leben des Schotten von Rolf Liffers.

Seit den Siebzigern besaßen die Connerys in Nizza eine Traumvilla mit Blick über die ganze Baie des Anges. Im Nachbardepartement Var hatte der Schotte wirtschaftliche Ambitionen. Bei Fayence erwarb er in den achtziger Jahren mit anderen ein riesiges Anwesen, um dort einen mondänen Golfplatz zu bauen. Das Projekt, zu dem ein Schloss und 266 Hektar Land gehörten, wurde jedoch offenbar in den Sand gesetzt und kurzfristig wieder abgestoßen.

Zwei der bekanntesten 007-Filme wurden in Antibes beziehungsweise Monaco gedreht. 1983 "Sag niemals nie" mit Kim Basinger und dem "Schurken" Klaus-Maria Brandauer. Es war Connerys siebter und letzter Auftritt als "Bond, James Bond". Im selben Jahr entstand "Octopussy", in dem sein Film-Nachfolger Roger Moore erstmals als "Spion seiner Majestät" zu sehen war. Von Konkurrenz keine Spur. Mancher mag sich noch auf ein viel gedrucktes Erinnerungsfoto besinnen, dass die beiden Nullnullsiebener einträchtig miteinander Cognac trinkend und Zigarren rauchend vor dem Moulin de Mougins von Chefkoch Roger Vergé zeigt.

Gern gesehener Gast in Cannes

Dabei hatte Connery bis 1965, als er erstmals (und danach immer wieder) an den Internationalen Filmfestspielen von Cannes teilnahm, noch keine rechte Vorstellung von der Côte d’Azur. Nach eigenem Bekunden kannte er die französische Riviera bis dahin "nur durch Ernest Hemingway und Scott Fitzgerald, und es scheint mir, dass sie sich seither sehr verändert hat...". Er stand in dem Jahr noch nicht als Kinospion auf dem roten Teppich an der Croisette, sondern als widerspenstiger Soldat Joe Roberts in Sidney Lumets "The Lost Man – Es führt kein Weg zurück". 

Micheline Roquebrune und Sean Connery – das muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein! Die beiden Golffreaks hatten sich 1970 bei einem Turnier in Marrakesch kennengelernt. Aber es brauchte eine Weile, bis bei ihm der Groschen fiel, zumal der Herzensbrecher seit 1962 mit der (2011 verstorbenen) australischen Schauspielerin Diane Cilento, die er bei einer BBC-Show kennengelernt hatte, verheiratet war und trotz verschiedener Affären scheinbar harmonisch zusammenlebte. Später stellte sich heraus, dass es zwischen beiden viel Streit gegeben hatte. Ihr war der ganze Bondkult erheblich auf die Nerven gegangen. Und er soll verschiedentlich handgreiflich geworden sein, was er entschieden bestritt. Aus der Ehe, die 1973 geschieden wurde, ging der 1963 geborene und in London lebende Jason Connery hervor, der ebenfalls Schauspieler wurde, sich mit seinem Vater aber nicht verstand und gerüchteweise enterbt worden sein soll.

Der ein Jahr älteren Micheline soll sofort klar gewesen sein, dass sie den Mann ihrer Träume getroffen hatte und die erste Begegnung ("Eine verrückte Liebesnacht") nicht folgenlos bleiben konnte. Er aber meldete sich erst ein halbes Jahr später wieder bei ihr ("Sie war die Lebensfreude in Person"), weil er sie einfach nicht habe vergessen können. Sie trafen sich in Marbella, wo Sean ein Haus hatte, und heirateten 1975 in Gibraltar. Die Beziehung blieb zwar kinderlos. Allerdings brachte die Künstlerin drei Kinder aus zwei früheren Ehen mit – Micha, Stéphane und Oliver, mit denen sie eine Zeitlang in Südafrika gelebt hatte.

Seine Frau ist bei ihm, als er im Schlaf stirbt 

Micheline Roquebrune, die mit Erfolg auch verschiedene Broadway-Stücke wie "Art" schrieb, zeigte sich letzten Sonntag zutiefst erschüttert über den Tod ihres Mannes. Wegen seiner fortgeschrittenen und extrem kräftezehrenden Demenzerkrankung habe sie der Schicksalsschlag jedoch nicht ganz unvorbereitet getroffen. Am Ende habe er sich nicht mehr ausdrücken können. "Es war kein Leben mehr für ihn." Schließlich sei er im Schlaf "friedlich weggeglitten", was er auch wollte. "Ich war die ganze Zeit bei ihm."

Auch die angeheiratete Enkelin Eve-Anna zeigte sich nicht wirklich überrascht. Sie sei von ihrem Onkel vorgewarnt gewesen. "Man bereitet sich darauf vor, aber man ist nie bereit", sagte sie in Nizza, wo sie noch immer wohnt. Tatsächlich hätte das Alter ihren Opa eingeholt gehabt. "Er war müde, hatte Atembeschwerden." Jetzt plötzlich "kommen die Erinnerungen, wie meine Schwester und ich zum Beispiel als Kinder mit ihm zum Eisessen nach Marbella fuhren."

Früher hatten die beiden Mädchen jeden Sommer einen Monat mit ihm in Spanien verbracht. Jetzt bedaure sie, "Sean-Sean", wie sie ihn liebevoll nennt, seit vier Jahren nicht getroffen zu haben. Sicher: "Es gab Facetime, es gab WhatsApp – aber das ist eben nicht dasselbe!"

"Er war berühmt, er war weise, witzig"

"Er war berühmt, er war weise, witzig. Und wenn wir ihm mit unserem Lärm auf die Nerven gingen, schimpfte er nicht, sondern suchte Zuflucht in seinem kleinen Haus am Ende des Gartens." Die ganze Familie sei stolz auf ihn gewesen. "Aber wir haben nie damit geprahlt. Wir haben nie etwas gesagt, schon gar nicht in der Schule."

Künftig wollen sich die Geschwister "mehr kümmern". Gemeint ist damit die Großmutter. "Sie ist am Boden zerstört. Sie liebten einander wie verrückt. Sie waren miteinander verschmolzen", beschreibt Eve-Anna gerührt die Beziehung. Demnächst werde Sean-Sean auf der Insel New Providence, seiner Wahlheimat, eingeäschert werden. Auch in Schottland werde es eine Gedenkveranstaltung geben. "Aber erst müssen wir mal aus dem Lockdown raus."

Bürgermeister von Cannes trauert mit

David Lisnard, Bürgermeister von Cannes, zeigte sich tief bewegt vom Tod des von ihm sehr bewunderten, aus prekären Verhältnissen stammenden Leinwandhelden mit der Tellerwäscher-Karriere, "der regelmäßig in unserer Stadt zu Besuch war und hier auch seinen ersten Erfolg als britischer Spion feiern konnte". Mit ihm habe die Welt "eine virile Ikone des Kinos, einen Mann von natürlicher Eleganz und kanalübergreifendem Charme" verloren. "Dabei denken wir nicht nur an James Bond", sondern auch an seine großen mimischen Leistungen in anderen Filmen. Namentlich nannte er "Der Name der Rose", "Die Unbestechlichen", "Kein Frühling für Marnie" und "Jagd auf Roter Oktober".

Auch Harrison Ford (78), Connerys "Sohn" aus "Indiana Jones", betrauert am Dienstag das plötzliche Ableben dieses "Manns der Männer". Wie heute erinnert er sich an die Dreharbeiten zum dritten Teil der Abenteuer-Saga: "Mein Gott, hatten wir Spaß!" Es sei eine wahre Freude gewesen, Connery im Beiwagen eines russischen Motorrads über holprige, kurvenreiche Bergstraßen zu chauffieren. "Indiana-Erfinder" George Lucas zeigte sich "dankbar für das große Glück, mit Connery gearbeitet zu haben.

Connerys Villa "Roc fleuri" in Nizza

Die sechsgeschossige Nizzarder Mordsvilla "Roc fleuri" mit allen Schikanen auf schlappen tausend Quadratmetern Wohnfläche, in der sich die Connerys zur Ruhe gesetzt hatten, war lange Seans "Versteck" gewesen vor unerwünschtem gesellschaftlichem Rummel. Vor nicht allzu langer Zeit hatte die Luxusimmobilie mit ihrem 5000 Quadratmeter großen Park für 15 Millionen Euro den Besitzer gewechselt. Der oscargekrönte Weltstar, dessen Märchenbuchlaufbahn als Milchmann, Aktmodell und Bodybuilder begonnen hatte, hatte sich als Rentner von dem großen Besitz losgesagt, weil er sich lieber in seinem Haus in Nassau aufhielt. Aktuell steht das Anwesen am Cap de Nice erneut zum Verkauf. Nunmehr jedoch für 30 Millionen... Ein Pappenstiel für Leute, die „hasserfüllt ihre Wirecard-Aktien verkauft haben und jetzt mit der Knete nicht wissen, wohin ", wie der Zyniker Harald Schmidt bemerkt.

Um die Dreharbeiten der 007-Filme von Antibes ranken sich allerlei Anekdoten. Vor der historischen Kulisse des Fort Carré mussten "Bond" und die junge Kim Basinger ihren Verfolgern mit einem halsbrecherischen Satz auf dem Rücken ihres Vollblutarabers zu entkommen versuchen. Natürlich wurden sie hierbei von Stuntmen gedoubelt, von denen sich einer prompt ein Bein brach. Das Boot von Bösewicht Brandauer liegt noch heute am Quai des Milliardaires im angrenzenden Hafen Vauban vor Anker. Damals hatte es Adnan Kashoggi gehört und hieß Nabila. Dann gehörte es als "Trump princess" Donald Trump. Heute heißt die Yacht "Kingdom" und gehört einem saudischen Prinzen.

Im Herzen ein Schotte

Im Herzen ist Sean Connery zeitlebens Schotte geblieben. Darauf spielte auch David Lisnard an, als er am Samstag sagte, der Patriot sei auch "politisches Gewissen" seiner Heimat gewesen, für deren Unabhängigkeit er stets eingetreten sei. Bei den vielen Besuchen in der Festspielstadt habe man den jetzt Verstorbenen "als einen Mann zu schätzen gelernt, der gut zu sich selbst und frei war". Schließen wir mit Lisnards Worten: "Auf Wiedersehen, Gentleman."