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"Ohne Sehnsucht nach Gott": Michel Piccoli stirbt mit 94

KULTUR

Schon bei seinem letzten Auftritt an der Côte d’Azur schwang etwas Wehmut mit: In Toulon, wo er vor fünf Jahren mit Jane Birkin Gedichte von Gainsbourg rezitierte, verblätterte er sich schon mal im Manuskript, bemerkte die Sprünge aber gar nicht, sondern fuhr unbeirrt fort. Bis man ihn aufmerksam machte, was er mit einem leicht verlegenen und altersmüden Lächeln sich selbst gegenüber quittierte. Da war er 90 und schon etwas klapprig. Jetzt ist Frankreichs wahrscheinlich berühmtester Charakterdarsteller, der in Deutschland insbesondere durch seine Filmrollen an der Seite von Romy Schneider sehr populär war, mit 94 gestorben.

Es sind vielleicht nicht einmal die ganz großen Auftritte wie an der Croisette, die ihn auch hier im Süden unvergesslich machen. Viele erzählen noch heute gern und schwärmerisch von kleinen, aber faszinierenden zwischenmenschlichen Begegnungen mit ihm. Zum Beispiel in Bormes-les-Mimosas, wo er sich mit seiner Frau Ludivine bei einem Spaziergang durchs alte Dorf von der Silvesterparty bei Staatspräsident François Mitterand auf dem Fort de Brégançon erholte. Fix und fertig schilderte eine Dame, wie ihr der Star aus Paris die Kirchentür geöffnet und kurz ihre Hand gehalten habe, weil er so entzückt gewesen sei von dem in Silber gefassten Mondsteinring, den sie am Mittelfinger trug.

Piccoli wurde von den Menschen seiner Generation nicht nur als Hauptdarsteller in zahlreichen Filmklassikern geschätzt. Insbesondere die Frauenwelt liebte den Gentleman, dessen Charme als geradezu sprichwörtlich galt. Er war eben nie der maskuline Draufgänger vom Schlag eines Sean Connery, nie der glatte Unsympath vom Typ Alain Delon, sondern trat vorzugsweise als kultivierter Großbürger in Erscheinung, hinter dessen Fassade sich Abgründe auftaten.

Wie seine Angehörigen erst heute in Paris mitteilten, ist der Künstler bereits 12. Mai an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

Piccoli – Spross einer professionellen Musikerfamilie (Mutter Pianistin, Vater Violinist) – war waschechter Pariser. Schon als Schüler schloss er sich einer Laienbühne an. Nach seiner Schauspielausbildung stieg er schnell zum Theaterdirektor (Théatre de Babylone) auf. 1944 stand er zum ersten Mal vor einer Filmkamera.

Bald arbeitete er mit Buñuel ("Belle de Jour") und Godard ("Die Verachtung", mit Brigitte Bardot). Dann mit Claude Chabrol und Louis Malle. Mit Romy machte er insgesamt sechs Filme ("Die Dinge des Lebens", "Das Mädchen und der Kommissar", "Tage im Mai", "Mado", "Trio infernal"). Auch in ihrem letzten Film ("Die Spaziergängerin von Sans-Souci") wirkt er mit. "Der diskrete Charme der Bourgeoisie", "Das große Fressen", "Dieses obskure Objekt der Begierde", "Habemus Papam" (2012) und viele andere Streifen wurden internationale Erfolge.

Piccoli, der zwischen Cannes und Berlin fast alle großen Filmpreise abräumte, war zeitlebens ein Linker und lehnte sich (wie in etlichen seiner Filme) gegen bürgerliche Verkrustungen auf. Er verwendete sich für den kommunistischen und pazifistischen Mouvement de la Paix, ohne jemals Parteimitglied zu werden. Auch unterschrieb er einen Aufruf zugunsten der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal.

Seine erste Ehe scheiterte. Von 1966 bis 1977 war er mit der aus Montpellier stammenden Juliette Greco verheiratet, und bis zu seinem Lebensende war er es irgendwie paradoxerweise mit der Großgrundbesitzerin und Schauspielerin Ludivine Clerc. Welche Rolle Romy in seinem Privatleben spielte – darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Sie starb 1982, und schon zuvor hatte er vieldeutig geäußert: "Während so mancher nicht ohne ausgesprochene Sympathiebekundungen auskommt, haben Romy und ich das Glück, uns ohne Worte zu verstehen." Das kann in seinem Fall nicht überraschen: "Ich liebe die deutsche Sprache", sagte er einmal. "Ich mag den Klang. Herrlich! Aber ich verstehe kein Wort."

Romy ("Ich nannte sie immer chieuh, um sie zum Lachen zu bringen") sei eine so gute Schauspielerin gewesen, dass die Franzosen damit prahlten, sie sozusagen von Deutschland abgeworben zu haben. Chieuh sei zwar ein französisches Schimpfwort für Deutsche. "Aber es hat ihr gefallen. Sie hat sehr an Deutschland gelitten, war eine sehr unglückliche Frau. Das merkt man schon an der ganzen Art, wie sie filmt, wie sie redet, wie sie schaut. Sie wusste, wie man lacht, aber das reichte nicht. Ich habe sie sehr gemocht."

Während des Krieges und danach sei er äußerst antideutsch gewesen, erinnerte sich der Künstler. Einmal sei er den Nazis nur ganz knapp entkommen, als er Butter "besorgen" sollte und ohne Papiere unterwegs war. "Ein heroischer Akt des Widerstandes", lächelte er später. In der Tat aber habe er dem Widerstand seine Dienste angeboten. Aber denen sei er noch zu grün gewesen. Besonders gehasst habe er die Kollaboration, wenngleich die natürlich nicht so schlimm gewesen sei wie die Konzentrationslager. "Aber beides hatte dieselbe Wurzel." Vielleicht stamme aus dieser Zeit seine Vorliebe für die Linke.

Dass er in der DEFA-Produktion "Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse" mitgespielt habe, habe jedoch keine politischen Gründe gehabt. "Man hatte mir die Rolle angeboten, und ich habe ja gesagt. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die DDR nie betreten. Ich habe nur in West-Berlin gedreht." Immerhin habe er damals auf Deutsch zu sagen gelernt: "Wir könnten alle Brüder sein."

Im Zusammenhang mit Nanni Morettis "Habemus Papam" ist der katholisch erzogene Mime oft nach seinem eigenen Glauben gefragt worden. Seine Antwort: "Ich sehe ein, dass manche Menschen ein höheres Wesen brauchen, dass sie an etwas glauben wollen, das größer ist als sie selbst und ihnen erklärt, warum das Leben so wunderbar, aber auch so furchtbar kompliziert ist."

Für ihn selbst aber galt: "Ich habe keine Sehnsucht nach Gott, brauche ihn nicht, um das Leben zu verstehen und um es lieben zu können."

Rolf Liffers