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Optisch anno dazumal: Loryc-Elektro-Flitzer an der Côte d’Azur

LIFESTYLE

Wie bei einem Kind glänzen Charly Boschs Augen, wenn er seinen silberfarbenen Loryc einem Fremden erklärt. Und das passiert ständig, denn ein Fortkommen ohne Aufsehen zu erregen ist in dem lautlosen Flitzer aus Mallorca unmöglich. Das kantige Gefährt sieht aus wie ein Rennwagen von 1920 – aber da hören die Ähnlichkeiten mit seinem historischen Vorbild auch schon auf. Unter der Haube sorgt eine kraftvolle Batterie für den Antrieb, die Karosserie besteht aus recycelbarem Aluminium und der Fußboden aus nachwachsendem Teakholz. Neben dem Spaß (und dem vor allem!) stand der Umweltgedanke ganz vorn.

«Elektrisches Fahren treibt mich schon lange um», sagt Charly Bosch bei einem Ladestopp auf dem Gelände der SAP Labs France in Sophia-Antipolis an der Côte d’Azur, «auch wenn es nur eine Zwischenlösung sein mag, um die alte Technik des Verbrennungsmotors zu beerdigen.» Trotz oder sogar wegen des Elektroantriebs sei der Fahrspaß im Loryc gewaltig: «Um die Kurven zu fahren, das ist ein Feeling – das hat mit Autofahren nichts zu tun…», schwärmt der Tüftler aus dem Schwabenland. Weder Lenkung noch Bremsen sind Servo-unterstützt, jede Bewegung des Fahrers bringt der Wagen direkt auf die Straße.

Mit dem Äußeren seiner Flotte an selbst gebauten Lorycs zitiert Charly Bosch einen Wagen, der ab 1920 ebenfalls auf Mallorca gebaut wurde: den ursprünglichen Loryc. Mit Mallorcas einziger Automarke war es allerdings schnell wieder vorbei; fünf Jahre nach Firmengründung musste das Werk in Palma schließen.

2013 nun erwarb der auf die Insel ausgewanderte Deutsche die Markenrechte und legte los. Das Bauen der Wagen war das eine – die offizielle Zulassung im europäischen Straßenverkehr das andere. Aber Charly Bosch wäre nicht Charly Bosch, wenn er sich da nicht durchgebissen hätte.

Heute veranstaltet er mit seinen Lorycs Ausfahrten in die Bergwelt Mallorcas: vor allem als Incentives für Firmenkunden. Dass er neulich mit drei Freunden und vier der Wagen Marke Eigenbau an die Côte d’Azur kam, war Jutta Kleinschmidts Idee. Die deutsche Rallye-Ikone hat einen Wohnsitz in Monaco – und wo, wenn nicht vor der Kulisse des elektrofreundlichen Fürstentums würde sich ein Loryc besonders gut machen?

Hatte Charly Bosch bei Projektbeginn vor fünf Jahren noch damit geliebäugelt, ein Serienfahrzeug zu schaffen, hat er sich von der Idee mittlerweile verabschiedet: zu aufwendig, zu teuer. 1200 Arbeitsstunden fließen in einen Wagen, so gut wie alles ist Handarbeit. Insgesamt acht der schicken Retroflitzer hat der Deutsche mit seinem kleinen Team bislang gebaut. Und natürlich treibt den Erfinder längst ein neues Projekt um: die Entwicklung eines Elektro-Rennwagens in der Optik von 1920. A suivre…

Aila Stöckmann