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Pierre Cardin gestorben – Erinnerungen an den Modedesigner

MENSCHEN

Der große Couturier, Designer und Geschäftsmann Pierre Cardin ist nach Angaben seiner Familie am gestrigen Dienstag mit 98 Jahren bei Paris gestorben. Sein "Palais Bulles" in Théoule-sur-Mer im Departement Alpes-Maritimes, das durch seine blasenartigen Räume in die Architekturgeschichte einging, war ein kultureller Treffpunkt für wenige Privilegierte. 2009 hatte er in der Provence das halbe Dorf Lacoste gekauft, um es mit Millionenaufwand zu einem Kunst-Mekka des Jetsets zu machen.

Dazu erwarb er zunächst 42 Häuser und ließ sie zum Teil zu Kunstgalerien und Geschäften umbauen. Ein Teil der 415 Einwohner protestierte zwar "aus Sorge um die Seele" des Örtchens gegen die "feindliche Übernahme". Viele fürchteten, dass er nach und nach das ganze Dorf in seinen Besitz bringen und dann zumachen könnte. Wenn Cardin etwas wirklich wollte, gab es kein Halten mehr. Selbst enge Freunde attestieren ihm eine gewisse Besessenheit, wenn es um die Durchsetzung seiner Ideen ging.

Ein Immobilienmakler beschwichtigt indessen, Cardin kaufe nicht einfach jedes Haus, das in Lacoste auf den Markt komme. Wenn er aber zuschlage, lohne es sich auch für den Verkäufer. Einem Ehepaar habe er eine Million Euro gezahlt, obwohl der geschätzte Wert des Objekts nur bei 300.000 Euro gelegen habe.

Die Hauptstraße, die Rue Basse, wird "Lacostes Champs-Elysées" genannt, weil sich dort inzwischen ein Cardin-Haus ans nächste reiht. Darunter mehrere Galerien, das Café de Sade, die Bäckerei du Marquis, eine Boutique und ein Zeitungskiosk.

Des Weiteren sind mehrere Hotels und zusätzliche Restaurants geplant, um die nötige Infrastruktur zu schaffen für die Besucher des von ihm ins Leben gerufenen Kulturfestivals. Jedes Jahr im Sommer organisieren Cardins Mitarbeiter Konzerte, Theatervorstellungen und Lyriklesungen.

Saint-Tropez der Kultur

"Ich will aus diesem Dorf ein Saint-Tropez der Kultur machen", vertraute Cardin der Zeitung "Le Monde" an. Wozu das Blatt bemerkte, dass "Cardin sich Häuser leistet wie andere ein Glas Wein". Der Großinvestor und Mäzen ist sich keiner Schuld bewusst: "Ich habe hier mehr als 22 Millionen Euro investiert, ein halbes Dutzend Firmen eingespannt, Arbeitsplätze geschaffen. Der französische Staat könnte das niemals machen." Vor ihm habe es in Lacoste "keine Kanalisation und keine Straßenbeleuchtung gegeben".

Lacoste liegt im Nationalpark Luberon auf einem 330 Meter hohen Hügel. Bewohner und Besucher haben einen phantastischen Rundumblick auf Weinberge und Lavendelfelder, die nächstgelegenen Städte sind die Touristenmagnete Avignon und Aix-en-Provence, jeweils eine gute Autostunde entfernt. Stolzer Dorfmittelpunkt ist das Schloss von Lacoste, das einmal dem berühmten Marquis de Sade gehörte. Als Cardin 2001 die Ruine kaufte, wurde er noch als Retter begrüßt, weil der Gemeinde hierzu die Mittel gefehlt hätten.

Mit Cardin, der die Mode revolutionierte und in siebzig Jahren ein regelrechtes Imperium aufbaute, hat Frankreich einen echten Visionär verloren. Denn der Designer hat nicht nur die futuristische Mode mitbegründet, sondern als erster seiner Branche Mode fürs Volk entworfen und wie kein anderer seinen Namen weltweit vermarktet.

Cardin wurde mit seiner Schneiderkunst zu einem der reichsten Männer Frankreichs. Der Nachwelt hinterlässt er ein Mode-Imperium aus Hunderten Fabriken und Lizenzen weltweit. Aus seinem Reichtum hat er nie einen Hehl gemacht. Er könne sich alles leisten, hat er mal gesagt.

Der Designer wurde am 2. Juli 1922 als Sohn eines französischen Weinhändlers in Italien geboren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging er nach Paris und begann als Modezeichner im Haus Paquin. Nur kurze Zeit später wechselte er zu Christian Dior, wo er 1947 bei der Kreation des legendären «New Look» mitwirkte. Drei Jahre später schon gründete er sein eigenes Haute-Couture-Unternehmen.

Cardin galt neben Paco Rabanne und André Courrèges als Erfinder der futuristischen Mode. So schickte er Anfang der 1960er-Jahre seine Mannequins in astronautenähnlichen Anzügen und mit Helm über den Laufsteg.

Bis ins hohe Alter hinein entwarf er Kollektionen. Zu seinen erfolgreichsten Kreationen gehörten geometrisch geschnittene Minikleider mit Schießscheibenmustern und Röcke mit Vinylstreifen.

Der Branchenveteran war der erste Couturier, der eine Prêt-à-porter-Kollektion auf den Markt brachte – und der erste seiner Zunft, der seinen Namen für unzählige Produkte wie Möbel, Mineralwasser, Plattenspieler und Autos hergab.

Cardin war auch ansonsten seiner Zeit voraus: Er streckte früher als alle anderen seine Fühler nach der ehemaligen Sowjetunion aus und entdeckte früher als alle den chinesischen Markt.

R. Liffers