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Renate Lasker-Harpprecht in La-Croix-Valmer gestorben

MENSCHEN

Gut vier Jahre nach ihrem Mann, dem bekannten Buchautor und Willy-Brandt-Berater Klaus Harpprecht (1927-2016), ist zehn Tage vor ihrem 97. Geburtstag jetzt auch seine Frau Renate Lasker-Harpprecht gestorben. Beide hatten jahrzehntelang und bis zu ihrem Tode in La-Croix-Valmer im Departement Var an der Côte d’Azur gelebt.

Die verstorbene Schriftstellerin und Journalistin hatte gemeinsam mit ihrer Schwester Anita die Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen überstanden und war von der Riviera Zeit wiederholt als Zeitzeugin befragt worden, zuletzt 2020, am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz in Saint-Tropez (wir berichteten im letzten März-Heft, RZ#317).

Nach der Befreiung war Renate Lasker 1945 nach Großbritannien ausgewandert. Als Journalistin hatte sie dort für die BBC, den WDR und das ZDF gearbeitet. 1972 erschien ihr Roman "Familienspiele". 

Unter der Devise "Es ist nicht vorbei" hatte die aus Breslau stammende Tochter eines Rechtsanwalts und einer Musikerin bei einer Gedenkstunde der Unesco im letzten Frühjahr in Saint-Tropez an die Jugend appelliert, "nicht dieselben Fehler zu machen" wie ihre Vorfahren. "Sprecht miteinander, liebt euch und seid wachsam", mahnte sie, deren Eltern 1942 von den Nationalsozialisten ermordet worden waren.

"Kämpfen, bis das Wort Hass aus den Wörterbüchern gestrichen werden kann"

Dass sie selbst das KZ überlebte, verdankt sie nicht zuletzt ihrer Schwester, die dort als unentbehrliche Cellistin dem Mädchenorchester angehört und insofern gewisse Privilegien genossen hatte. Diese Anita Lasker-Wallfisch, die bis heute die Erinnerungskultur an die Gräueltaten des Dritten Reiches mitgestaltet, lebt in London und hat über ihre Gefangenschaft das Buch "Ihr sollt die Wahrheit erben: Die Cellistin von Auschwitz" geschrieben.

Auch Renate Lasker-Harpprecht war nach Kriegsende zunächst in London gelandet. Dort hatte sie beim Radio gearbeitet und ihren späteren Mann kennengelernt. Zuletzt hatte die KZ-Entronnene, die früher viel an Schulen auftrat, regelmäßigen Aktivitäten abgeschworen. Es sei alles so lange her, hatte sie in unserer Zeitung gesagt. "Ich habe zunehmend Angst, dass ich mit einer Vergangenheit langweile, aus der Namen und Zusammenhänge vergessen sind."

Den jungen Menschen in Saint-Tropez hatte die alte Kämpferin vergangenes Jahr gleichwohl nachdrücklich ans Herz gelegt, dazu beizutragen, dass "das Wort Hass einst aus den Wörterbüchern gestrichen werden kann". Angesichts des Wiederauflebens von Antisemitismus in Europa hatte sie zugleich einen gewissen Illusionsverlust nicht leugnen wollen, den sie auch begründete: "Ich sehe, dass vielerorts wieder Dummheit und Ignoranz regieren." Hinzu träten die allgemeine Oberflächlichkeit, ein schleichend um sich greifender Phlegmatismus, eine Gleichgültigkeit einfach allem gegenüber und ein gigantischer Egoismus, der sich in einem gierigen Streben nach Konsum ausdrücke.

Rolf Liffers