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Südflimmern: Teil III – «Dolcedo, Top oder Flop»

SÜDFLIMMERN

«Dolcedo ‘Duseu’» steht auf dem Ortsschild, «Deutschedo» wurde uns teils mitleidig, teils bewundernd entgegen gehalten. Wie er so ist: Mein Mann wollte genau wissen, was sich hinter diesen Namen verbirgt, die für das lebendige Zentrum des Prino-Tals, die ligurische Historie und eine teutonische Überflutung stehen. Ich zeigte guten Willen, und wir schritten zur Ortsbesichtigung. Als wichtigste Voraussetzung erwies sich bequemes Schuhwerk. Meine geliebten Highheels waren fehl am Platz und höchstens mit Krücken zu benutzen. Als Ersatz standen Flip Flops zur Verfügung – damit sollte es unfallfrei zu schaffen sein.

Der Ort ist wirklich etwas für ausgewiesene Romantiker. Malerisch schmiegt er sich um zwei Flüsschen, uralte Gebäude, die an die beleuchteten Schachtelhäuser auf Weihnachtsmärkten erinnern, auch liebevoll restauriertes Gemäuer. Die von außen romanische, im Inneren bunt barockisierte Pfarrkirche auf einem Platz, der nach Verona die zweitbeste Kulisse für «Romeo und Julia» gäbe und eine kleine Hauptstraße, auf der sich das Leben abspielt. Im Mittelpunkt der touristischen Aufmerksamkeit trumpft der Ponte dei Cavalieri di Malta aus dem 13. Jahrhundert  auf. Mir war auch nach Malteserkreuz zumute, allerdings eher in Form des Hilfsdienstes. Etwa hundert Mückenstiche zierten meine Beine – ich hatte den Angriff der «Killerinsekten» bei unseren lebhaften Diskussionen in einer kleinen Bar am Ufer des Flusses nicht bemerkt.

Versöhnlich stimmte mich die erstaunliche Infrastruktur, die unsere Minimalanforderungen übertraf: Auf der Runde durch das Örtchen punktete mein Mann strahlend bei jeder neuen Entdeckung: Lebensmittelladen, Bäcker, Gemischtwarenhändler (Emporio genannt), Metzger, eine Apotheke, deren fachkundiges Personal sofort bei der Behandlung der Mückenstiche überzeugte, sowie sage und schreibe fünf vertrauenserweckende Restaurants.

Das gibt’s doch nicht! Wie kommt es, dass in so einem kleinen Ort so viel Infrastruktur zur Verfügung steht? Die Antwort liegt auf der Hand: Dolcedo kann sich dies nur wegen der zahlreichen Ferienhäuser und als Magnet für die umliegenden Dörfer leisten, die oft nicht einmal mehr ein Geschäft oder Restaurant haben. Zum Glück fanden wir auf den sorgfältig studierten Speisekarten kein «Wurstel con Krauti», was mich final in die Flucht geschlagen hätte. Ausnahmsweise waren wir uns schließlich einig: Wir konnten nicht Einsamkeit und Infrastruktur haben.

Die deutsche und schweizerische «Gründergeneration», der auch unsere Hausverkäuferin angehörte, hat viel zum Wohlstand des Örtchens beigesteuert. Vor 40 Jahren konnte man hier für den berühmten «Appel und ein Ei» ein Haus erwerben.

Der von den Italienern aufgegebene und vom Verfall bedrohte mittelalterliche Ortsteil Ripalta wurde nur durch liebevolle Restauration durch die zugereisten Nostalgiker und Romantiker wieder belebt. So werden die Zugereisten von den Einheimischen mit freundlichem Respekt behandelt. «Nur die sind verrückt genug, mit viel Geld einen verfallenen Schafstall in ein bewohnbares Haus zu verwandeln».

Ich spürte, wie meine Ablehnung zunehmend schwand. Der Ort war mindestens so romantisch wie das von uns geliebte St. Paul de Vence, aber ohne die Pseudokunst. Keine Boutique mit Kitsch weit und breit! Und was das Häuschen anging, begann ich in Gedanken, den «Rohdiamanten» zu schleifen.

Sollte sich in diesem Ort, von dem wir bisher nie gehört hatten, die lebenslange Sehnsucht meines Mannes nach dem Süden erfüllen? Ja – und wie!

 

 

Von Susanne Altweger-Minet