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Sehnsuchtsort Nizza – die deutsche Gemeinde im 19. Jahrhundert

CÔTE D’AZUR
 
In der Literatur zur Geschichte der Stadt Nizza im 19. Jahrhundert findet man Werke über die englisch- und russischsprachige Gemeinde, aber kein einziges über die deutschsprachige – zweifellos wegen der politischen Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Dabei hörte man in den Straßen neben Französisch, Italienisch, Englisch und Russisch durchaus auch Deutsch.
 
Sehnsuchtsort Nizza Côte d’Azur Promenade des Anglais Jellinek Auer Patisserie Sulzer Parkhaus

Die deutschsprechende Gemeinde von einst hat eine komplexe Gestalt, denn sie umfasst Angehörige verschiedener Nationalitäten: die der deutschen Länder, danach die des deutschen Reichs nach 1871, weiter die der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, schließlich die der deutschsprachigen Schweizer und die Elsässer, die 1871 die Staatsangehörigkeit gewechselt hatten.

Man kann noch Deutsche aus dem russischen Reich dazu zählen wie die Familie Falz-Fein, Eigner des «Palais de Marbre». Die Lage wird noch unübersichtlicher durch die Frauen, deren deutsche Herkunft durch Heirat überdeckt wird – wie zum Beispiel die der Alexandra Feodorovna, verheiratet mit Zar Nikolaus dem Ersten. Sie hält sich zweimal Mitte des 19. Jahrhunderts in Nizza auf. Andere Familien sind noch internationaler geprägt – wie die Branicki, Eigner der Villa «L’Olivetto» in Cimiez. Sie haben einen französischen, russischen, österreichischen und einen polnischen Zweig.

Die Deutschsprachigen im 19. Jahrhundert gehören zusätzlich verschiedenen Religionsgemeinschaften an. Die evangelische ist bedeutend. Sie folgt Luthers Spuren, der in Nizzas Kirche Saint-Martin-Saint-Augustin im Jahre 1510 eine Messe gelesen haben soll. Die Katholiken müssen ebenfalls erwähnt werden, allen voran der bayrische König Ludwig I., dessen Totenmesse in der Kathedrale Sainte Réparate mit großem Pomp zelebriert wurde. Schließlich zählt man die Deutschsprachigen jüdischen Glaubens – wie die Familie Aged in der gehobenen Hotellerie.

Alle Bedingungen für eine weitere Entwicklung der deutschsprachigen Gemeinde sind vereint. Johann Georg Sulzer ist der ideale Türöffner gemäß dem Konzept des Tourismushistorikers Marc Boyer. Der Schweizer Sulzer, der in seinem «Journal d’un voyage fait en 1775 et 1776 dans les pays méridionaux» die Vorzüge des Umlandes von Nizza beschreibt, ist das Pendant zu Tobias Smollett für die englischsprachige Gemeinde. Bis heute ehrt ihn die «Rue Sulzer», neuerdings auch das gleichnamige Parkhaus am Rande der Altstadt.

Gekrönte Häupter zogen Großbürgertum nach sich

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Ein zweiter Eckstein für die Entwicklung der Stadt Nizza und Umgebung als Erholungsziel ist die Verweile gekrönter Häupter, die die Aristokratie und das Großbürgertum nach sich ziehen. König Ludwig I. von Bayern bleibt Nizza von 1862 bis 1868 treu. Er stirbt in seinem Wohnsitz auf der Promenade des Anglais, der «Villa Lions». Der König von Württemberg besucht Nizza regelmäßig zwischen 1858 und 1888. Seine letzte Residenz ist das Hotel Splendid auf dem Boulevard Victor Hugo. Der heutige Park Alsace-Lorraine trug früher seinen Namen. Einige Monarchen erwerben auch Grundbesitz, etwa Ernst II., Prinz von Sachsen-Coburg-Gotha, mit dem mittlerweile abgerissenen «Château de Fabron».

Der gute Ruf Nizzas wird weiter durch zahlreiche Künstler verstärkt. Unter anderen kann die berühmte deutsche Sängerin Sophie Crüwell zitiert werden, die mit ihrem Mann das ebenfalls nicht mehr existente «Palais Vigier» am Fuß des Mont Boron im venezianischen Stil errichten ließ. Auch Schriftsteller privilegieren oft Nizza. Der häufige Aufenthalt von Nietzsche ist sehr bekannt, der von Anna Claud-Saar weniger. Die Werke einiger Maler verewigen die Schönheit der Landschaft. Diejenigen des Deutschen Manuel Wielandt (1863-1922) werden auf Postkarten reproduziert. Mit dem Beginn des Industriezeitalters mischen sich die Eliten der Aristokratie und des Großbürgertums. Der Österreicher Emil Jellinek, Sportler und Unternehmer, Importeur von Daimler und Rennfahrer für Daimler in Nizza, steht am Ursprung der Marke «Mercedes». Er investiert auch im Immobilien- und Hotellerie-Sektor.

Unterschiedliche Motivationen

Die Motivationen für einen Aufenthalt in Nizza variieren. Entscheidend sind die Vorteile des jeweiligen Umfelds. Einzelne Winterurlauber suchen die Natur aus ästhetischen oder wissenschaftlichen Gründen, so der Botaniker Joseph Fürst zu Salm-Dyck in seiner Villa auf dem Mont Boron. Andere erhoffen sich in dem außergewöhnlichen Klima Heilung – wie der österreichische Geiger Heinrich Wilhelm Ernst, der die letzten sieben Jahre seines Lebens in Nizza verbringt. Wieder andere suchen aus politischen Gründen Zuflucht, etwa der preußische Diplomat Harry von Arnim, der sich mit Bismarck überwarf. Dagegen folgt ein großer Teil der Touristen einem Modetrend und sucht die Zerstreuung. Das nahe gelegene Monaco hilft dabei.

Die deutschsprachige Gemeinde wächst dank der Fortschritte im Schienenverkehr. Laut dem damaligen Journalisten Gil Blis haben die Deutschsprachigen bereits im Zweiten (französischen) Kaiserreich zahlenmäßig die Engländer überholt: «In diesen (…) Tagen gab es auf der Promenade des Anglais fast so viel Sonne wie Deutsche. Sie haben besser als seinerzeit Jeanne d’Arc die Engländer verscheucht. Sie besetzen alle sechs Reihen der Stühle, Monokel auf der Nase, die Füße in Stiefeln, betrachten sie die fliegenden Zeitungsverkäufer und die eleganten Damen. Die Wienerinnen tragen auf ihren weißen Haaren alle Wagenrad-Hüte.»

1884 verbindet der erste  Schnellzug Berlin mit Genua in 33 Stunden, über den Sankt Gotthard. Zum Ende des Jahrhunderts verkürzen sich die Reisezeiten, insbesondere dank der Compagnie Internationale des Wagons Lits (Wien-Nizza-Express, der Zug der Großherzöge, Riviera-Express). Allerdings hätten negative Zeitumstände den Zustrom bremsen können. Als Frankreich Preußen 1870 den Krieg Sehnsuchtsort Nizza Côte d’Azur Promenade des Anglais Jellinek Auer Patisserie Sulzer Parkhaus erklärt, erfolgen Ausweisungsbescheide.
 

Nachdem Napoleon III. die Kapitulation unterzeichnet, demonstriert die Bevölkerung gegen «die Preußen». F. Brun, aus Metz stammend, rekrutiert ein Freischärlercorps. Das Journal «Lou cris dou troubaire, poésies provençales contre les Allemands», erschienen 1871 in Nizza, ist Zeugnis der deutschfeindlichen Tendenzen. Aber der Krieg hat in Nizza anscheinend nicht so negative Auswirkungen wie anderswo.

Kosmopolitisches und internationales Flair

In der «Gazette hebdomadaire de médecine et de chirurgie» kann man 1871 lesen, dass die Deutschen in Nizza wie auch in Menton «anders als im sonstigen Frankreich» empfangen werden. Das Bild einer Stadt, die fern von nationalistischen Tendenzen ein kosmopolitisches und internationales Flair pflegt, begünstigt die rasche Wiederkehr der Deutschen. Laut dem Autor der «Voyage au pays des roubles via Munich et Berlin» sagen die Einwohner von Nizza von sich, dass sie weder Franzosen noch Italiener sind, sondern Nizzarder.

Andererseits schlagen sich die gespannten Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland in der lokalen Presse nieder. Die Verhaftung von Spionen ist häufig. 1886 wird ein Fritz Killian für den Versand von Geschosshülsen, versteckt in Blumensträußen und mit Bestimmungsort Berlin, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Frank Pilatte gründet eine lokale Zelle der «Ligue des patriotes» von Paul Déroulède, einem nationalistischen Volkstribun, der 1914 in Nizza verstirbt. Und ein gewisser Exibard leitet die Außenstelle der antideutschen «Ligue de protection nationale».

Reiseführer und Riviera Tageblatt

Um ihren Aufenthalt angenehmer zu gestalten, haben die deutschsprachigen Wintergäste ein Reisebüro zur Verfügung, weiterhin Reiseführer (den «Baedeker»), eine Zeitung (das «Riviera Tageblatt») und spezialisierte Dienstleistungen ... Und es kommen zahlreiche dienstbare Geister nach Nizza, um den Reichen das Leben zu erleichtern. Sie sind oft bettelarm, und so etabliert sich in der Rue de France ein Wohltätigkeitsverein. 

Die Deutschsprachigen stellen in Nizza vor Kriegsausbruch 1914 die zweitgrößte Sehnsuchtsort Nizza Côte d’Azur Promenade des Anglais Jellinek Auer Patisserie Sulzer Parkhaus Ausländer-Gemeinde nach den Italienern. Sie betreiben auch Läden jeder Art. Im Lebensmittelhandel spezialisieren sich die Schweizer oft in der Feinkost und Confiserie – zum Beispiel Auer, noch heute gegenüber der Oper. Im Schmuckwarenbereich ist ein gewisser Lautner zu erwähnen, der einen Regisseur unter seinen Nachkommen hat. Es gibt auch Spezialisten für deutsche Literatur, etwa in der Rue Maccarani 2. Dr. Hembo, 33 Avenue de la Gare, verkauft Postkarten und organisiert 1898 eine internationale Ausstellung.
 
«Boche-Gesindel»
 
Die Deutschsprachigen sind als Ärzte und in Pflegeberufen in einem Umfang vertreten, dass ein Journalist der Action Française 1915 von einem «Boche-Gesindel von Ärzten, Masseusen, Fußpflegern und Heilkräuterhändlern» spricht. Einer dieser Ärzte, Dr. Lippert, war immerhin Namensgeber einer Straße im Libération-Viertel (heute Rue Vincent Fossat) und hat der Stadt Nizza einen Betrag von 50 000 Franken vermacht. Sind Zahnärzte oft Amerikaner, sind Friseure Deutsche. Lehrer jeder Art bieten Unterricht an, für Sprachen, Musik, Zeichnen. Die Presse quillt über von Kleinanzeigen mit Stellengesuchen, oft für Frauen. Die in Nizza besonders aktive Hotellerie bietet zahlreiche Arbeitsplätze. Die Deutschsprachigen werden als Konkurrenz zum lokalen Arbeitsangebot gesehen.

Ein Journalist des «Petit Niçois» schreibt 1886: «Jede Saison erleben wir eine Invasion von deutschen Hotelangestellten, die die besten Stellen besetzen.» Noch im Jahr 1913 nennen sich die Hotels stolz Grand Hôtel du Rhin, Hôtel Austria, Hôtel Bavaria. Unter den großen Hotelfamilien spielen die Schweizer eine herausragende Rolle. Man kann die Hugs und das Hotel Suisse zitieren, weiter die Krafts und das Grand Hôtel de Nice. Der Deutsche J.H.T. Steinbrück, in England ausgebildet und mit englischer Frau, ist Besitzer des Hôtel d’Angleterre.
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs leitet der Deutsche H. Morlock gleichzeitig die Hotels Terminus, Hôtel de Berne und Hôtel de Suède et Cosmopolitain. Meyer, an der Spitze des Palace Hôtels, ist Großvater des späteren Bürgermeisters von Nizza, Jean Médecin. Es wurden immerhin 19 Hotels während des Ersten Weltkriegs als Feindeigentum unter Sequester gestellt.

Kein eigener Friedhof, aber Gräber

Bis zum Ausbruch des Kriegs hat die deutschsprachige Gemeinde zum Leben der Stadt Nizza beigetragen und ein Erbe hinterlassen, das es wieder zu entdecken gilt. Zwar gibt es keinen eigenständigen Friedhof wie für die Engländer und Russen, aber bemerkenswerte Grabstätten. Für die Erbauung der evangelischen Kirche ab 1865, in der damaligen Rue d’Augsbourg (jetzt Rue Melchior de Voguë), hat der Staat einen Zuschuss von 10 000 Franken gewährt. Die Präsenz eines deutschen Pastors, der vom Staat besoldet wird, steht allerdings in Widerspruch zum Gesetz.

Die Deutschsprachigen haben auch das Stadtbild bereichert, wie das bedeutende Werk des österreichischen Architekten Adam Dettloff beweist. Zahleiche Gebäude, Hotels und Villen wurden von deutschsprechenden Eignern errichtet, Zeichen ihrer starken Verbundenheit mit Nizza.

Véronique Thuin-Chaudron, 
übersetzt von Jörg Langer