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Social Distancing: Unsere Rezepte gegen Monotonie

WISSENSWERT

„Heirat ist nicht das Happy End – sie ist immer erst ein Anfang.“ Mit diesem Zitat Federico Fellinis, des Regisseurs von La dolce vita, hätte der Artikel begonnen, der eigentlich an dieser Stelle stehen sollte. Wir wollten hübsche Orte an der Côte d’Azur präsentieren, die sich gut für eine Hochzeitsfeier eignen. In Zeiten von Social Distancing leider keine gute Idee. Konzentrieren wir uns stattdessen auf andere Möglichkeiten, Heiterkeit und Sinn ins Leben zurückzuholen!

Davon gibt es nämlich jede Menge. Angefangen bei einem Rundgang durch Museen, Galerien, Nationalparks, Livestreams von Konzerten oder Theateraufführungen und Workout-Videos bietet das Internet mehr denn je amüsante und nützliche Beschäftigungen. Aus dieser Fundgrube stellt die RivieraZeit einige der weniger bekannten Angebote vor.

Fürs Hirn
In Harvard oder Yale zu studieren, das klingt ziemlich prächtig. Und ist jetzt, im kleineren Ausmaß, gar nicht so unerreichbar. Die Mitglieder der Ivy League, der Crème de la Crème der US-amerikanischen Universitäten, bieten nämlich um die 450 kostenlose Online-Kurse aus Geistes-, Gesellschafts- und Naturwissenschaften, Informatik und Ingenieurwesen, Kunst und Design an. So kann man zum Beispiel an der Princeton-Universität den Kurs „Die menschliche Odyssee zum politischen Existentialismus“ oder an der Harvard-Universität „Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels“ belegen.
Die Kurse, meist englischsprachig, verlaufen online im MOOC-Format (massive open online courses) über Plattformen wie Future learn, coursera oder edx. Für die Teilnahme benötigt man lediglich eine Anmeldung. Wer seine Teilnahme durch ein Zertifikat nachweisen will, zum Beispiel um seinen Lebenslauf zu ergänzen, zahlt meistens um die 200 Dollar.
Einen Überblick und Links zum Kursangebot der Ivy League sowie anderer europäischer und asiatischer Hochschulen und sogar von Museen wie dem New Yorker MoMA bietet die Website www.classcentral.com.

So wie einige frische Abiturienten gespannt auf einen Zulassungsbrief von der Columbia oder von der Brown warten, so hoffen viele Elfjährige darauf, dass eine Eule am Fenster anklopft und ihnen die Einladung zu Hogwarts überreicht. Auch dieser Wunsch kann nun jedem Harry-Potter-Enthusiasten erfüllt werden, denn eine Gruppe von Fans, sogenannte Potterheads, hat die Webseite www.hogwartsishere.com erstellt, bei der man sich, gleich den Helden von J.K. Rowlings Bücherreihe, für Kurse wie Astronomie, Kräuterlehre, Zaubertränke oder Transfiguration einschreiben kann. Diese umfassen jeweils neun Sitzungen, sogar mit Hausaufgaben, Quiz und einer Abschlussprüfung, natürlich ist nichts verpflichtend. Im Wesentlichen unterscheidet sich das nicht viel von der jetzigen Online-Lehre an Universitäten oder Schulen, nur halt mit einem Funken Magie.

Zum Spaßhaben
Den Zauber des Beisammenseins können wir dank Messenger-Diensten und Videogesprächen ein Stück weit nachempfinden und mit unseren Familien und Freunden in Kontakt bleiben. Doch vor Corona hat man die gemeinsame Zeit auch nicht nur mit Gesprächen verbracht. Eine Alternative für den gemeinsamen Spieleabend bietet zum Beispiel skribbl.io, ein Online-Spiel, bei dem, ähnlich wie bei der Scharade, bis zu zwölf Personen abwechselnd etwas zeichnen, das ihre Mitspieler erraten müssen. Zur Auswahl stehen viele Sprachen, und zusätzlich zu den gegebenen Begriffen kann man diese als Spieler um eigene Vorschläge ergänzen und somit das Spielerlebnis mit Insiderwitzen personalisieren.
Was das gemeinsame Film- und Serienschauen angeht, gibt es auch eine Lösung. Wer Netflix abonniert, kann dank der Google-Chrome-Erweiterung Netflix Party einen Filmabend oder auch einen ganzen Filmmarathon veranstalten. Hierfür wird von Netflix Party ein Link generiert, den man mit Freunden teilt, um synchron die gleiche Komödie, den gleichen Thriller oder Dokumentarfilm zu streamen. Wer beim Zuschauen gerne kommentiert, seine Irritationen über einen bestimmten Filmcharakter loswerden will oder seine Co-Zuschauer gerne spoilert, kann die Chat-Funktion nutzen.

Etwas für andere tun
Mit der Flut der Erkrankungen kam eine Welle der Dankbarkeit. Auf verschiedenen Wegen wird dem Krankenhauspersonal, den Supermarktverkäufern und Lieferanten gedankt. Restaurants spenden Essen, ganze Viertel applaudieren zu einer bestimmten Uhrzeit, Musiker organisieren Youtube-Konzerte. Auch helfen viele Bürger selbst mit, indem sie Schutzmasken nähen und verschenken oder für einen Nachbarn aus der Risikogruppe die Einkäufe erledigen. Wer sich beteiligen möchte, informiert sich bei der lokalen Nachbarschaftshilfe oder schaut auf unsere Liste mit nützlichen Links. Doch schon vor Corona gab es viele Wege, sich in den unterschiedlichsten Bereichen zu engagieren, auch von Zuhause aus.
Wer einen Beitrag zur Wissenschaft leisten will, kann Projekte auf Zooniverse.org unterstützen, indem er beispielsweise Pinguine auf Fotografien zählt, Galaxienspiralen nachzeichnet, Fischarten auf Gemälden identifiziert oder die Namen der Opfer des Nationalsozialismus in Listen überträgt. Auch die renommierte US-amerikanische Forschungseinrichtung Smithsonian Institution braucht Freiwillige, die Dokumente wie Tagebücher, Briefe und Verträge transkribieren. Teilweise ist dafür ein geschicktes Auge notwendig, um die verschnörkelten, alten Handschriften zu entziffern.
Wer wiederum bi- oder multilingual ist, kann Untertitel für Ted Talk-Videos übersetzen, sodass nicht-englischsprachige Menschen ebenfalls von den spannenden und lehrreichen Inhalten dieser Vorträge profitieren können. Seine Sprachkompetenzen kann man auch bei Translators Without Borders nutzen und für humanitäre non-profit Organisationen wie UNICEF oder „Ärzte ohne Grenzen“ Berichte und andere Dokumente, auch thematisch auf Covid19 bezogen, übersetzen.
Humanitär kann man sich darüber hinaus bei Amnesty International engagieren. Hierbei überprüft man Fotos, Dokumente und Weiteres auf die Verletzung von Menschenrechten. Das letzte Projekt, bei dem 1907 Freiwillige mithalfen, betraf die Analyse von Tweets, die indische Politikerinnen im Rahmen der Wahlen im Jahr 2019 erhalten hatten.
All diese Freiwilligendienste können an den persönlichen Zeitplan angepasst werden. Schnell nebenbei helfen geht allerdings auch, und zwar über Be My Eyes. Diese App nutzen mehr als 200 000 Personen mit einer Sehbehinderung, um sich über ein Videogespräch Hilfe für die Identifikation von Objekten, Farben oder das Lösen von Problemen, für die man den Sehsinn benötigt, zu holen. Die App nimmt kaum 30 MB ein, und da die Anzahl der Helfer drei Millionen überschreitet, sind die Anrufe sporadisch.

Dank dieser Online-Angebote kann die Zeit der sozialen Distanzierung sinnvoll und unterhaltsam verbracht werden – und man selbst kann sich wie ein Harvard- oder Hogwarts-Student, ein Übersetzer, Menschenrechtsaktivist, ein Naturforscher oder Historiker fühlen.
Wie Historiker tendieren wir ohnehin bereits dazu, unser Leben in Abschnitte zu gliedern, in ein Vor und ein Danach. Betrachtet man aber die Gegenwart als lediglich einen Corona-Einschub in unser wahres Leben, eine Zwischenzeit von unbestimmter Dauer voller Stagnation und Unsicherheit, die es zu überbrücken, abzuwarten gilt, werden Monate unseres Lebens ungenutzt vergehen. Versuchen wir also aus dieser Phase das Beste zu machen, denn – um mit Federico Fellini abzuschließen – „es gibt keinen Anfang und kein Ende, nur die unendliche Leidenschaft zu leben“.

Bleiben Sie gesund!

Klaudia Rzeźniczak