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Spiel von Feuer & Sand: Faszinierende Glaskunst in Biot

KUNST

Das Glasbläser-Atelier Pierini in Biot feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. Kein gutes Jahr für ein Jubiläum, die Coronakrise hat dem Traditionsunternehmen wie vielen anderen übel mitgespielt. Unser Porträt ist noch vor Ausbruch der Pandemie entstanden. Mittlerweile geht es ums nackte Überleben.

Niemand hatte in der Grundschule so schöne Murmeln wie der sechsjährige Antoine Pierini. Sie waren so einzigartig und hübsch anzusehen, dass er kaum jemals eine wieder mit nach Hause brachte.

Schon als kleines Kind hatte ihn das Feuer für die Glasbläserkunst gepackt. Er stand fasziniert am Ofen, wenn sein Vater Robert Pierini – wie ein Magier – mit geschickten Bewegungen in der flirrenden Hitze wunderschöne Objekte formte.

„Damals lebten wir noch in der ersten Etage unserer heutigen Galerie und ich habe meinem Vater immer bei der Arbeit zugesehen“, erinnert sich der Glaskünstler Antoine Pierini. Und bald fabrizierte er selbst seine ersten Objekte wie Murmeln und Briefbeschwerer. „Es war wie ein Virus, das mich befiel und seitdem nicht mehr losließ“, berichtet der sportliche Mann in Jeans und einem T-Shirt, auf dem „Urban-Glas“ steht.

Aber der Vater riet dem Sohn zunächst von einer Karriere als Glasbläser ab. Antoine begann also ein Sportstudium, doch er wurde nicht glücklich damit. Schon bald konnte er seinen Vater davon überzeugen, dass sein Platz am heimischen Ofen war.

Und so kam es, dass das „Pierini International Glass Art Center“ in Biot dieses Jahr ein doppeltes Jubiläum feiern kann. Vor 40 Jahren eröffnete das Senior-Paar Francine und Robert Pierini die Glasbläserei in einer alten Ölmühle, und vor genau zwanzig Jahren übernahm ihr Sohn Antoine mit seiner Frau Gaëlle das Unternehmen.

Allein das wunderschöne Galerie-Gebäude, das schon auf der Katasterkarte von 1813 erwähnt wurde, ist einen Besuch wert. Diente es einst als Werkstatt, Verkaufsraum und Wohnung, ist daraus heute ein modern renovierter Showroom mit einer Ausstellungsfläche von 220 Quadratmetern auf zwei Etagen plus großem Werkstattbereich geworden.

Zur Feier des doppelten Jubiläums werden dieses Jahr Ausstellungen organisiert, in denen die Karrieren von Vater und Sohn gefeiert, aber auch Werke anderer weltbekannter Glaskünstler zur Geltung gebracht werden.

Schon Vater Robert Pierini suchte sich Inspirationen und Ideen auf Reisen wie zum Beispiel nach Japan. Er wollte bereits zu Beginn seiner Karriere mehr als nur Trinkgefäße und Vasen aus Glas fertigen. Nach dem harten Arbeitstag am glühenden Ofen führte der Franzose abends Experimente durch. Akribisch probierte Robert Pierini neue Methoden aus. Er studiert die Verhältnisse idealer Proportionen, testete die Eigenschaften von Glas und die Fähigkeit Licht zurückzugeben oder es zu absorbieren. Insbesondere entwickelte er eine Variante der Farbe Rot, die in der Brache so charakteristisch war, dass sie „Pierini-Rot“ genannt wurde. Sein Markenzeichen ist bis heute seine kunstvolle Technik und sein künstlerisches Talent.

Auch Sohn Antoine Pierini verschaffte sich dank einer gelungenen Kombination aus Neugier, Innovation sowie seinem großen Respekt für Kunst und Handwerk bald einen Namen und erreichte internationale Anerkennung.
„In den letzten Jahren werde ich immer mehr von der Natur inspiriert“, erklärt der Junior. Er zeigt auf seine gigantischen Glas-Bambus-Skulpturen und mehrere ausgestellte Glasobjekte, zu denen ihn Dünen, die der Wind verformt, angeregt haben.

„Zuletzt habe ich Glas mit Steinen aus dem Vallée des Merveilles im Mercantour verbunden“, berichtet er. „Wenn bei diesen Steinen ein Blitz einschlägt, dann entsteht an der Stelle Glas.“

Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in Biot, aber er lernt und lehrt seit Jahren unter anderem in Seattle, dem weltweiten Zentrum der Glaswelt. Oft kommen auch internationale Glasbläser für eine Zeitlang nach Biot. Auch die alte Ölmühle ist ein internationales Zentrum für Glaskunst geworden.

„Dieser lebendige Austausch mit Künstlern unterschiedlicher kultureller und regionaler Hintergründe ist sehr animierend für die Arbeit“, sagt Antoine Pierini. Der Künstler aus Biot gehört zu einer Generation junger Glasmacher, die eine jahrhundertealte Handwerkstradition neu interpretieren und viel Austausch betreiben. Dies sei früher undenkbar gewesen.

Die Kunst des Glasblasens ist uralt und von Geheimnissen umwittert. „Es ist noch gar nicht lange her“, sagt Pierini, „da kam es in der Zunft der Glasbläser einem Todesurteil gleich, ein Geheimnis der Herstellung an andere Glasbläser zu verraten.“

Ira Söhnge

www.pierini.fr