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Tourismus am Boden - wird es einen Côte d’Azur-Urlaub geben?

CÔTE D’AZUR & PROVENCE

Die Côte d’Azur ächzt. Das Coronavirus bringt Krankheit und Tod, aber nicht nur: Neben der Angst vor Covid-19 grassieren Existenznöte. Der Tourismus, von dem hier rund jeder Fünfte lebt, ist auf Null heruntergefahren. Tourismusverband, Handelskammer und Politik suchen nach Lösungen. Bis mindestens Ende Mai bleiben viele Fragezeichen - auch für Urlaubshungrige.

Tourismus - was ab wann eventuell wieder möglich sein soll

Statt wie üblich nach dem Winter Fahrt aufzunehmen, ist die Branche an der Côte d’Azur komplett am Boden.

Selbst wenn der Bewegungsradius der Menschen in “grün” klassifizierten Departements sich ab kommenden Montag, 11. Mai, auf 100 Kilometer ohne Angabe von Gründen erweitert wird, wird das keine Hotels füllen.

Zumal im gesamten Hexagon vor dem 2. Juni weder Cafés und Bars noch Restaurants wieder öffnen dürfen. Ob es zum 2. Juni gestattet wird, will die Regierung Ende Mai bekannt geben. Auch andere Lockerungsmaßnahmen als die hier und hier verknappt in Deutsch genannten, gelten frühestens ab 2. Juni.
Ob darunter eine Reisefreiheit fällt? Völlig offen.

Keine Quarantäne für aus dem EU-Ausland Einreisende

Erst am vergangenen Samstag hat Frankreich den am 24. März ausgerufenen nationalen Gesundheitsnotstand bis zum 24. Juli verlängert. Nachdem das ursprünglich eine zweiwöchige Quarantäne für jeden aus dem Ausland Einreisenden bedeutet hätte, ruderte Gesundheitsminister Olivier Véran heute zurück: Menschen, die aus der EU, dem Schengenraum oder Großbritannien einreisen, seien davon ausgenommen.

Dramatische Lage

Die Lage sei dramatisch, schilderte der Tourismusbeauftragte der Handelskammer Nizza Côte d’Azur (CCI), Michel Chevillon, vergangene Woche in einem Web-Meeting des lokalen Wirtschaftsverbands Telecom Valley zum Thema M-Tourismus (dazu später mehr). “Wir wissen bis heute nicht, ob, wann und wie wir unsere Aktivitäten wieder aufnehmen können”, sagte er. “25 bis 40 Prozent aller Betreiber werden es schwer haben, ihre Einrichtung überhaupt wieder zu eröffnen.” Er denkt an Hotels, Strandcafés, Restaurants, Campingplätze.

175.000 Menschen sind an der Côte d’Azur direkt oder indirekt im Tourismus beschäftigt. 20 Prozent des BIP generiert das Gastgewerbe.

Die staatlich angekündigten Hilfen kämen zu langsam in Fahrt - und seien zu kurz gefasst, moniert Michel Chevillon, selbst Hotelier in Cannes. Steuern und Abgaben müssten mindestens bis Ende des Jahres zu stunden sein, statt nur in der akuten Krisensituation.

“Tourismus wird sich total verändern”

Fast klingt der Tourismusprofi resigniert, wenn er konstatiert: “Nichts wird mehr sein, wie es war. Der Tourismus wird sich in den kommenden Jahren total verändern.” Doch Chevillon sieht auch Chancen: “Wir brauchen einen tourisme du coeur. Wenn wir mit Herzblut agieren, kann es schneller wieder voran gehen als anderswo.”

Erinnerungen an Attentat in Nizza

Erinnerungen werden wach an den Terroranschlag in Nizza im Sommer vor vier Jahren. Danach wollte zunächst niemand mehr an die Côte d’Azur reisen. Doch schon in der Folgesaison gewann der Charme der Gegend wieder die Oberhand - und die Urlauber kehrten zurück. Auch diesmal gilt es, das Vertrauen der Kunden in die Region schnell wieder zu stärken.

In diesem Sommer rechnet Chevillon vor allem mit französischen Touristen. Die Einheimischen hoffen insgeheim sogar auf eine Côte d’Azur mal nur für sie alleine. So oder so müssten Buchungen aller Art für mindestens zwei oder drei Jahre viel flexiblere Rücktrittsklauseln aufweisen als bislang der Fall, fordert Michel Chevillon.

“Der Tourismus ist eine vom Menschlichen geprägte Branche”, weiß auch Jean-Patrick Mancini vom regionalen Verband der Tourismusbüros, “und daher ist sie besonders betroffen, stärker als digitalisierte oder robotisierte Branchen.” Ob Kleinunternehmen oder Fünf-Sterne-Hotel mit 450 Angestellten: Die Krise zu meistern, sei für alle eine Herausforderung.

M-Tourismus

Mancini rät, die Zeit des confinement für die eigene Fortbildung zu nutzen und sein Angebot zu überarbeiten, auch das digitale. “Wenn Details zu Lockerungen im Tourismussektor bekannt werden, wird der Ansturm auf touristische Einrichtungen losgehen.” Es gilt also vorbereitet zu sein - Stichwort M-Tourismus.

Gemeint ist mit dem Terminus die neue Form der Reiseplanung: Auf mobilen Geräten, Tablet oder Smartphone, wird der Urlaub vorab ausbaldowert, gebucht und vor Ort quasi in Echtzeit verfeinert. Restaurant-Tipps, Freizeitangebote, Öffnungszeiten, Preise, aber auch andere Infos, die klassischerweise das Tourismusbüro vor Ort bietet, gelangen längst komfortabel und unverzüglich per Internet zum Kunden. Online gehen ist weltweit ein Leichtes geworden.

Die Möglichkeit so gut wie jedes Reisenden also, kurzfristig Informationen über Reiseziele und Einrichtungen vor Ort abzurufen, ist auch eine Chance für jeden Anbieter: Er kann kurzfristig mit potenziellen Kunden in Kontakt treten und über aktuelle Entwicklungen und Angebote in seinem Unternehmen informieren.

Die Branche ist sich an diesem Tag Ende April fast sicher: Im kommenden Sommer wird lokaler Tourismus eine größere Rolle spielen denn je. Kleine Vermieter im Hinterland, im moyen und haut pays, können sich womöglich schon die Hände reiben: Individualtourismus fern der Küste klingt coronaverträglich. Murmeltiere, wirft einer ein, übertragen das Virus nicht!

Die Sehnsucht der Côte d’Azur-Liebhaber aus dem Ausland nach dem Süden bleibt bestehen, das zeigen auch diverse Anfragen, die von RZ-Lesern in der Redaktion eingehen. Wir halten Sie informiert über die aktuellen Entwicklungen!

Aila Stöckmann