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Vendée Globe: Drama für Boris Herrmann auf den letzten Metern

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Das Drehbuch hätte von Jules Verne stammen können: In genau 80 Tagen ist Boris Herrmann einmal um die Welt gesegelt – mutterseelenallein an Bord der Seaexplorer vom Yacht Club Monaco. Der Deutsche hatte bis kurz vor Schluss Chancen auf den Sieg bei der Extrem-Regatta „Vendée Globe“. Dann stieß er gestern Abend mit einem Fischkutter zusammen. Soeben aber ist er wohlbehalten im Zielhafen in Les Sables d’Olonne an der französischen Atlantikküste eingetroffen.

80 Tage „einhand“ (allein an Bord) rund um die Welt, Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung, des Kaps Leeuwin, des Kaps Horn, 28.000 Seemeilen (fast 52.000 km) im Kielwasser – und der Deutsche Boris Herrmann kollidierte rund 90 Seemeilen vor dem Ziel Les Sables d’Olonne mit einem Fischtrawler. Zu dem Zeitpunkt lag er auf Platz drei und hatte berechtigte Chancen auf den Sieg, denn Boris Herrmann stand noch eine Zeitgutschrift über sechs Stunden bevor für die Rettung des Konkurrenten Kevin Escoffier, der nach einem Wassereinbruch seine Yacht hatte verlassen müssen.

Bei der Kollision wurde unter anderem ein Foil, also einer der Tragflügel, beschädigt. Herrmann, der unversehrt geblieben ist, segelte anschließend mit stark gedrosselter Geschwindigkeit, um das Ziel zu erreichen.

Noch nie hat es ein so spannendes Finale im härtesten Wettbewerb des Segelsports gegeben: Die Schnellsten auf den Rängen eins bis fünf trennten nach Wochen auf hoher See bei der Zieleinfahrt nur wenige Stunden!

Der Sieger heißt Yannick Bestaven

Erster im Ziel war am gestrigen Mittwochabend der Franzose Charlie Dalin. Sein Landsmann Yannick Bestaven konnte allerdings dank seiner Gutschrift von gut zehn Stunden (selbe Rettungsaktion wie die von Boris Herrmann) heute Morgen um 3.19 Uhr Platz eins im Gesamtklassement der neunten Vendée Globe erkämpfen.

Die Herausforderung der Regatta liegt vor allem darin, die rund 20 Meter langen Segelboote, die überwiegend mit Foils ausgestattet sind, durch die unterschiedlichen Wettersysteme zu bringen und die Windverhältnisse trotz aller Technik an Bord richtig zu deuten und weder das Boot noch sich selbst zu überfordern. Schlafmangel, die ständige Sorge, mit unter der Wasseroberfläche treibenden Seecontainern zu kollidieren oder mit einem Wal – das sind die Extrembedingungen, denen sich jeder der Profis stellen muss.

Ausgestattet mit einer maximalen Segelfläche von bis zu 500 Quadratmetern war die letzte Etappe ab Kap Horn eine besondere. Lange führte der Franzose Yannick Bestaven mit einem komfortablen Vorsprung, geriet dann aber in ein Flautenloch. Das war die Gelegenheit für Boris Herrmann, in den Angriffsmodus zu wechseln. Wenn er auch nicht am Führenden Charlie Dalin vorbeiziehen konnte, fand der empathische Boris Herrmann seinen eigenen Weg. Auf den letzten Meilen im Golf von Biskaya fehlte ihm etwas Wind, aber auch hier versuchte er mit vielen Segelmanövern auf Finalkurs zu bleiben – bis zur unfassbaren Kollision mit dem Fischerboot.

Fantastischer Botschafter für den Segelsport

Wochenlang hatte der Deutsche seine weltweiten Fans mit seiner fantastischen, unaufgeregten Kommunikation begeistert und auch diejenigen mit an Bord geholt, die mit Segelsport bislang wenig anfangen konnten. Zuschauer konnten Boris Herrmanns Reise um den Globus in den sozialen Medien quasi live verfolgen.

Bei aller Freude über Herrmanns seglerische Leistung ist nicht zu vergessen, dass seine Teilnahme an der Regatta dazu diente, Klima- und Ozeandaten zu sammeln. Sicher hat auch die Atlantiküberquerung 2019 mit der Klimaaktivisten Greta Thunberg zu dieser bemerkenswerten Aktion geführt. Wenn es auch aus spektakulären Gründen nicht für einen Pokal für Boris Herrmann gereicht hat, wird seine Tour dennoch Ruhm und Anerkennung auch für den Yacht Club de Monaco als Eigentümer von Boris Herrmanns Boot Seaexplorer mit sich bringen.

Der Letztplatzierte, der Finne Ari Huusela, hat übrigens noch 6000 Meilen bis zur Zielboje Nouch Sud vor sich. Auch ihm wünscht die Seglerszene Mast- und Schotbruch!

Hermann Geerken