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Vom 14. bis 25. Mai feiert Cannes sein 72. Filmfestival

KULTUR

Das Filmfestival von Cannes geht dieses Jahr in seine 72. Runde. Heute Morgen sind die Filme bekannt gegeben worden, die dieses Jahr um die Goldene Palme konkurrieren: Mit Jessica Hausner ist eine österreichische Regisseurin im Rennen – an ihrer Seite alte Bekannte wie Jim Jarmusch, Pedro Almodóvar, die Brüder Dardenne, Ken Loach und Terrence Malick.

Filmfestival CannesMit Alejandro González Iñárritu als Jury-Chef hat das Festival in Cannes in diesem Jahr einen besonders charismatischen Frontmann – immer gut für brutal-brillanten Stoff und Überraschungen. Und überdies einen, für den der Branchentreff an der Croisette von Beginn seiner Karriere an eine wesentliche Rolle gespielt hat.
Der mexikanische Regisseur, der mehrfach für Oscars nominiert war („Amores Perros“, „Babel“, „Biutiful“) und die goldene Statue zuletzt für drei Filme gewann („Birdman“, „The Revenant“, „Flesh and Sand“), zeigte seinen ersten Spielfilm „Amores Perros“ über die mexikanische Gesellschaft im Jahr 2000 in der Cannes-Reihe „Semaine de la Critique“. 2006 erhielt der heute 55-Jährige in Cannes den Preis als bester Regisseur für „Babel“, „Biutiful“ lief 2010 im Wettbewerb, und vor zwei Jahren wurde dort mit seinem Werk „Carne y Arena“ („Flesh and Sand“) erstmals ein Virtual-Reality-Film in der offiziellen Filmauswahl gezeigt. In L.A. erhielt er für den VR-Film einen Sonder-Oscar (Special Achievement Award), der in der Geschichte der Oscars erst 15-mal überhaupt verliehen worden ist.
Iñárritu hat mit Stars wie Gael Garcia Bernal, Benicio Del Toro, Naomi Watts, Javier Bardem, Leonardo DiCaprio, Brad Pitt oder auch Cate Blanchett gearbeitet. Letztere beerbt er nun in der Rolle als Jury-Präsident. „Kino fließt durch die Adern unseres Planeten, und dieses Festival ist sein Herz“, sagte der Mexikaner, als er von seiner Einladung nach Cannes erfahren hatte. Er gilt als jemand, der nur selten eine Aufgabe in einer Jury übernimmt.

Jury-Präsidentin der bedeutenden Nebenreihe „Un certain regard“ ist in diesem Jahr die libanesische Regisseurin Nadine Labaki. Sie hatte in Cannes im vergangenen Jahr mit ihrem jüngst auch Oscar-nominierten Drama über Beiruter Straßenkinder „Capernaum“ zu Tränen gerührt und den Preis der Jury im Hauptwettbewerb gewonnen.

Eröffnungsfilm und zugleich einer der 19 Anwärter auf die Goldene Palme ist am Dienstag, 14. Mai, Jim Jarmuschs neue Horrorkomödie „The Dead Don’t Die“. Es ist der dreizehnte Spielfilm des amerikanischen Regisseurs und Drehbuchautors und gilt nicht nur als humorvolle und manchmal beängstigende Subversion des Genres, sondern auch als Hommage an das Kino selbst. Der Film handelt, wie der Titel schon sagt, von Toten, die in der Kleinstadt Centerville aus ihren Gräbern erwachen und die Lebenden angreifen, die um ihr Überleben kämpfen müssen. Die Liste der beteiligten Schauspieler kann sich sehen lassen: Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Selena Gomez, Austin Butler...

Mit Jessica Hausner hat es außerdem eine österreichische Regisseurin in den Hauptwettbewerb von Cannes 2019 geschafft. Sie präsentiert ihren Film „Little Joe“ u.a. mit Ben Whishaw.

Hier die Nominierten der 72. Internationalen Filmfestspiele von Cannes:

Im Hauptwettbewerb:

- The Dead Don't Die von Jim Jarmusch (Eröffnungsfilm)
- Pain & Glory von Pedro Almodóvar
- The Traitor von Marco Bellocchio
- The Wild Goose Lake von Diao Yinan
- Parasite von Bong Joon-ho
- The Young Ahmed von Jean-Pierre und Luc Dardenne
- Oh Mercy! von Arnaud Desplechin
- Atlantique von Mati Diop
- Matthias and Maxime von Xavier Dolan
- Little Joe von Jessica Hausner
- Sorry We Missed You von Ken Loach
- Les Misérables von Ladj Ly
- The Hidden Life von Terrence Malick
- Bacurau von Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles
- The Whistlers von Corneliu Porumboiu
- Frankie von Ira Sachs
- Portrait de la jeune Fille en Feu von Céline Sciamma
- It Must Be Heaven von Elia Suleiman
- Sibyl von Justine Triet

Nebenreihe „Un Certain Regard“

- Invisible Life von Karim Aïnouz
- Beanpole von Kantemir Balagov
- The Swallows of Kabul von Eléa Gobé Mévellec
- A Brother's Love by Monia Chokri
- The Climb von Michael Covino
- Joan of Arc von Bruno Dumont
- A Sun that never sets von Olivier Laxe
- Chambre 212 von Christophe Honoré
- Port Authority von Danielle Lessovitz
- Papicha von Mounia Meddour
- Adam von Maryam Tourani
- Zhuo Ren Mi Mi von Midi Z
- Liberté von Albert Serra
- Bull von Annie Silverstein
- Summer of Changsha von Zu Feng
- Evge von Nariman Aliev

Auf dem roten Teppich kann man u.a. mit folgenden Schauspielern rechnen:
Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Selena Gomez, Danny Glover, Ben Whishaw, Isabelle Huppert, Penélope Cruz, Antonio Banderas, Lily Collins, David Oyelowo, Olivia Colman sowie mit den Deutschen August Diehl und Jürgen Prochnow.

Während das Filmfestival vor Glamour und Glanz nur so sprüht, läuft das wahre Geschäft hinter den Kulissen – im Untergeschoss des Palais des Festivals – auf dem Marché du Film ab, wo sich Filmprofis aus aller Welt treffen. Der weltweit führende und zugleich älteste Filmmarkt feiert 2019 sein 60-jähriges Bestehen und ist heute unverzichtbarer Verhandlungsort für die meisten Produktionen, die in Kinos, im Fernsehen, auf Festivals oder auf Internetplattformen vertrieben werden.

Spannende Infos zum Festival:

• Netflix und die Festival-Organisatoren haben sich zu keiner Einigung durchringen können. Deshalb werden Filme des Streaming-Anbieters auch 2019 weder im Wettbewerb noch außer Konkurrent gezeigt. Cannes fordert, dass Netflix seine Filme auch in Kinosälen zeigt, Netflix lehnt dies weiter ab.
• Gerüchten zufolge soll Quentin Tarantinos neuester Film „Once Upon a Time in Hollywood“ (mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio) in Cannes Premiere feiern – und zwar am 21. Mai, genau 25 Jahre nach der Vorführung seines Meisterwerks „Pulp Fiction“ im Palais des Festivals. Der Film holte später die Goldene Palme.
• Serien spielen in der Festivalstadt eine immer größere Rolle. Bald soll sogar ein Mehrteiler überwiegend in Cannes gedreht werden. Ein Vertrag ist dazu jüngst mit der schwedischen Produktionsfirma Dramacorp unterzeichnet worden.
• 60 Meter misst der rote Teppich, der durch das Spalier aus Fotografen und schließlich die 24 Stufen hinauf zum Grand Théâtre Lumière, dem Premierensaal im Palais des Festivals, führt. Dreimal täglich wird er während des Filmfestivals erneuert. Macht eine Gesamtlänge von mehr als zwei Kilometern an rotem Bodenbelag.
• Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen während des Festivals die Luxushotels entlang der Croisette. Dort schlafen und speisen die internationalen Stars, dort werden Feste gefeiert, Fotos geschossen, Produkte vorgestellt. Im Majestic beispielsweise, einen Steinwurf vom Festivalpalast entfernt, werden für gewöhnlich die Welcome Party und die Soirée de Clôture des Filmfestivals ausgerichtet. 15 Prozent des Jahresumsatzes würden allein in den zwölf Festivaltagen gemacht, heißt es von dort.

Ein Besuch in Cannes während des Festivals lohnt sich auch dann, wenn man keine Akkreditierung hat – sei es als Filmschaffender, Messebesucher oder Journalist:

1. ist da die Festival-Atmosphäre: Das Schlendern entlang der Croisette ist zu jeder Tages- und Nachtzeit aufregend. „Sehen und gesehen werden“ ist das Motto, und auf dem roten Teppich (in der Regel um kurz vor 19 und kurz vor 22 Uhr) erspäht man ganz sicher Stars und Sternchen.
2. läuft, wenn das Wetter mitspielt, jeden Abend ein Filmklassiker im Strandkino. Beginn ist um 21.30 Uhr am Strand links vom Palais, wenn man aufs Meer schaut (Plage Macé). Der Eintritt ist frei; statt in den vorbereiteten Stühlen Platz zu nehmen, tut’s auch die Picknickdecke (Wein und Knabbereien nicht vergessen!).
3. kommt man mit etwas Glück gratis in einige der Filme der Sélection Officielle, der Semaine de la Critique und der Quinzaine des Réalisateurs. Wer gut vorbereitet ist, hat sich im Februar bereits um einen Pass (badge) bei den Cannes Cinéphiles beworben, der Zutritt zu Vorführungen der nominierten Filme in vier Kinos der Stadt (La Licorne, Studio 13, Raimu und Theatre Alexandre lll) ermöglicht. Täglich werden aber auch Last-minute-Tickets vergeben: einfach in die „dernière minute“-Schlange vor dem Kino stellen und hoffen, dass die Plätze reichen (pro Jahr werden so etwa 4000 Tickets vergeben). Vorrang haben badge-Besitzer; Minderjährige bekommen keinen Zutritt. Noch eine Möglichkeit, an Tickets zu kommen: Schauen Sie zwischen 9 und 17.30 Uhr im Zelt der Cannes Cinéphiles auf dem Pantiero rechts neben dem Palais des Festivals vorbei. Weitere Tipps: www.cannes-cinema.com