Haupt-Reiter

Vor 300 Jahren: die erste Ausgangssperre in der Provence

PROVENCE

Kleiner Blick in die Geschichtsbücher: Vor ziemlich genau 300 Jahren, am 20. Juni 1720, kam die Pest nach Marseille und raffte von dort 120.000 Provenzalen dahin – ein Drittel der damaligen Bevölkerung im Südosten Frankreichs. Einige sagen, die Krankheit gelangte an Bord eines syrischen Schiffes in den Hafen der Stadt. Jüngere Forschungen gehen davon aus, dass es sich um ein Wiederaufflammen des Pestbazillus aus dem Mittelalter handelte, das zwischen 1342 und 1353 fast die Hälfte der europäischen Bevölkerung ausradiert hatte.

Wie dem auch sei: Ende Juli 1720 verbietet das Parlament von Aix-en-Provence den Marseillais das Verlassen der Stadt. Auch hinein wird niemand mehr gelassen; 89 Wachposten an den Ausfahrtsrouten kontrollieren dies.

Allerdings zu spät: Nachbargemeinden wie Allauch, Aubagne, Cassis sind bereits betroffen. Und nicht viel später verbreitet sich die Pest nach Aix, Avignon, Arles, Toulon – die ganze Provence ist kontaminiert. Wer noch umherreisen muss, braucht ab August ein billet de santé, das bescheinigt, dass man aus einer nicht betroffenen Gegend stammt. Am 14. September 1720 stellt der König die gesamte Provence unter Quarantäne.

Wer die Mittel hat, rettet sich auf seinen Landsitz, arme Menschen rafft es in Scharen dahin. Die Wirtschaft liegt brach, Felder und Werkstätten sind verlassen. Lebensmittel gehen aus, Aufstände häufen sich, die schlimmsten werden in Arles und Orange verzeichnet. Aufständische werden öffentlich hingerichtet.

Erst zwei Jahre später, im August 1722, gibt es keine Pest-Kranken und -Toten mehr. Bis zu 40.000 der ursprünglich 90.000 Einwohner von Marseille sind gestorben. In der Provence werden insgesamt 119.811 Tote gezählt. Die Wirtschaft hat sich erst 1724 vollständig erholt. Marseille allerdings behält für lange Zeit einen schlechten Ruf unter Seeleuten.

Quellen: nice matin, Wikipedia