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Was verbindet einen Antarktis-Aufenthalt und die Ausgangssperre?

MONACO

Céline Le Bohec* hat Monate in der Abgeschiedenheit der Antarktis verbracht – auf Forschungs-Mission unter anderem für das Centre Scientifique de Monaco (CSM). Vor allem im Winter bedeutet das: tage- oder sogar wochenlanges Eingesperrtsein in der Forschungsstation. Wir haben die Wissenschaftlerin gefragt, ob die derzeitige Situation der Covid-19-bedingten Ausgangssperre sie an ihre Zeit in der Antarktis erinnere. Wir nehmen es vorweg: nein, kein Vergleich! Das aktuelle confinement sei für sie viel schwieriger zu ertragen. Da helfe aber auf jeden Fall eines: gesundes, genussvolles Essen!

Madame Le Bohec, gibt es Ähnlichkeiten zwischen der Form der Abgeschiedenheit, die Sie in der Antarktis erlebt haben, und dem confinement, das wir heute erleben?
„Ausgangssperre“ (im Französischen confinement) hat eindeutig eine negative Konnotation. Es geht darum, jemanden in einem begrenzten Raum zu isolieren oder einzusperren. Und das erleben wir gerade mit dieser Pandemie.
Wenn wir hingegen in die Antarktis gehen und dort leben, geschieht dies aus freiem Willen und oft mit überwältigender Begeisterung für diese abgelegenen, weitgehend unzugänglichen Regionen. Außerdem haben wir eine bestimmte Aufgabe, wenn wir uns in die Antarktis begeben, für eine Dauer, die wir kennen, und wir befinden uns in einem riesigen Raum mit oft grenzenlosem Horizont, dessen Schönheit Ihnen den Atem rauben kann.
Was wir aktuell mit dem „confinement“ erleben, ist also etwas ganz anderes: Die Ausgangsbeschränkungen werden uns auferlegt, viele leben in einer kleinen Wohnung in der Stadt, mit Blick auf die Mauern des Nachbarn, und die Gründe für diese Maßnahmen sind belastend. Und selbst wenn wir uns nicht vorstellen können, dass die Situation über einen sehr langen Zeitraum andauert, ist das tatsächliche Ende der Ausgangssperre nicht abzusehen.
Daher halte ich es für schwierig, diese beiden Situationen miteinander zu vergleichen.

Wenn man aber tatsächlich einen Vergleich ziehen will, so könnte man die Isolation vom Rest der Welt aufgrund der physischen Entfernung und der reduzierten Kommunikationsmittel vergleichen. Unter den feindlichen Wetterbedingungen an die Antarktis zu gelangen, ist sehr schwer. In gewisser Weise sind wir dort physisch vom Rest der Welt isoliert. Im Winter wird dies zu einem noch größeren Problem, da zwischen März und Oktober für mehr als acht Monate keine See- oder Flugverbindungen möglich sind.
Die Wetterbedingungen in der Antarktis und auf den subantarktischen Inseln wie Crozet oder Kerguelen sind sehr oft schlecht, besonders im Winter. Starke Winde von bis zu 300 km/h, sehr niedrige Temperaturen und im Winter eine Sonne, die nicht aufgeht – all diese Elemente können bewirken, dass wir uns mehrere Tage oder Wochen im Gebäude der Forschungsstation aufhalten müssen oder in weit von der Station entfernten Lagern und Hütten. Diese „Gefangenschaft“ übersteigt bei Forschungsstationen auf den subantarktischen Inseln und an der Küste des antarktischen Kontinents jedoch selten zehn Tage.

In diesem Kontext der Enge werden übrigens von der Europäischen Weltraumorganisation ESA finanzierte Studien durchgeführt, da die Bedingungen in diesen Stationen denen der Astronauten ähnlich sind. Weltraumspezialisten beschäftigen sich mit den psychologischen Aspekten der Isolation, den mittel- und langfristigen Folgen für den Körper, insbesondere in Bezug auf Stress, kognitive und motorische Fähigkeiten, das Immunsystem und andere physiologische Parameter.

Warum ist die Ausgangssperre im Zusammenhang mit der Pandemie Ihrer Meinung nach schwieriger zu ertragen?
Leute wie ich gehen aus Leidenschaft in die Antarktis. Das Risiko, wegen der feindlichen Wetterbedingungen für mehrere Tage oder Wochen in Gebäuden oder auf einem Boot stecken zu bleiben, ist Teil des Abenteuers und bis zu einem gewissen Grad vorhersehbar.
Überdies ist das Steckenbleiben in der Forschungsstation nicht gleichbedeutend mit einer Unterbrechung der direkten sozialen Verbindung zwischen den Menschen in der Station. Im Gegenteil, diese meteorologisch bedingten Stillstände erlauben es uns, uns die Zeit zu nehmen, uns mehr mit den anderen auszutauschen, uns besser kennen zu lernen, gemeinsam Projekte aufzubauen. So wird der Zusammenhalt der Gruppe gestärkt.
In der Antarktis, in den Forschungsstationen, sind wir nie allein – im Gegensatz zu dem, was manche Menschen aufgrund der beengenden Situation im Moment erleben. Ich würde sagen, dass das Problem in der Antarktis eher umgekehrt ist: Es ist dort sehr schwierig, mal allein zu sein. Ein Mitarbeiter, der aktuell dort vor Ort ist, beschäftigt sich im Rahmen seiner Dissertation in Anthropologie übrigens mit dem Thema der sozialen Interaktionen innerhalb kleiner, vom Rest der Welt isolierter sozialer Gruppen.

Welchen Rat haben Sie, um die aktuelle Zeit bestmöglich zu überstehen?
Ich glaube, es ist wichtig, ein aktives soziales Leben zu führen und so viel wie möglich mit Freunden und Familie in Verbindung zu bleiben – per E-Mail, Video-Telefon, sozialen Netzwerken usw. Ein Austausch über unsere Eindrücke, unser Wissen über die Situation, unsere Ängste ist von grundlegender Bedeutung, um den Stress, den eine solche Ausgangssperre verursachen kann, abzubauen.
Wir müssen versuchen, uns Zeit für uns und unsere Lieben zu nehmen. Das bedeutet zum Beispiel, sich körperlich zu betätigen, was wohltuend für Körper und Kopf ist, zu meditieren, zu lesen, zu spielen, zu kochen.
Die Mahlzeiten übrigens, die Ausgewogenheit unserer Ernährung, sind elementar! Unsere Ernährung spielt eine fundamentale Rolle für unsere körperliche Gesundheit, aber sie spielt auch eine Schlüsselrolle für unsere Moral. Das wurde in den Forschungsstationen in der Antarktis sehr oft beobachtet: Die Moral der Mission ist stark mit dem Genuss der Mahlzeiten verknüpft. Wenn es im Winter Probleme in der Küche gibt, wirkt sich dies unmittelbar auf die Moral der Menschen vor Ort aus.
Also: Nehmen Sie sich die Zeit, gutes Essen zuzubereiten und neue Rezepte auszuprobieren, das wird sich unweigerlich auf Ihre Moral auswirken!

AS

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*Céline Le Bohec ist Umweltwissenschaftlerin am Centre Scientifique de Monaco (CSM) und am CNRS Straßburg.
Im CSM in der Abteilung für Polarbiologie ist das Hauptziel der Forschung die Beurteilung des Gesundheitszustands polarer Ökosysteme. Zu diesem Zweck werden Pinguine langfristig an Land und im Meer überwacht. Pinguine zählen zu den Arten, die als Bio-Indikatoren bezeichnet werden: Wächter dieser Regionen, die durch den Klimawandel und andere Belastungen menschlichen Ursprungs wie Verschmutzung durch Schadstoffe und Mikroplastik stark beeinträchtigt werden.
Jedes Jahr werden acht „Überwinterer“ für rund 14 Monate in die Antarktis entsandt (zwei Biologen, drei Elektroniker und drei Informatiker) und sechs Forscher im Sommer für etwa 3 Monate. Unterstützt werden die Missionen durch das französische Institut Paul-Emile Victor (IPEV) und das deutsche Alfred-Wegener-Institut (AWI).
Vor der Abreise in den Winter werden Gespräche mit Psychologen und Ärzten geführt, um die körperliche und geistige Gesundheit der Missions-Teilnehmer sicherzustellen.