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Wieso hat Deutschland so viel weniger Tote als Frankreich?

WISSENSWERT

Sicher stellen Sie sich dieselbe Frage: Wie kann es sein, dass Frankreichs absolute Covid-19-Todeszahlen jenen von Spanien und Italien auf bittere Weise ähneln und aktuell bereits jenseits der 20.000er-Marke liegen, während in Deutschland bislang nur gut 5000 Menschen dem Virus erlegen sind? Wie passen die Zahlen außerdem damit zusammen, dass in Frankreich seit Wochen strikte Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen herrschen, während die Bestimmungen in weiten Teilen Deutschlands deutlich lockerer sind?

Eine Antwort auf diese Fragen versucht eine Französin zu geben, die seit fast zehn Jahren in Berlin lebt und im Gesundheitssektor arbeitet. Celia Maury, das sei ausdrücklich bemerkt, ist keine Wissenschaftlerin, doch ihre Betrachtungen (jetzt auch auf Deutsch) klingen schlüssig und geben zu denken. Sie selbst betont, dass es sich um ihre eigenen interkulturellen Beobachtungen und ihre eigenen Schlussfolgerungen handle. Ein gestraffter Überblick ihrer vielfältigen Gründe, warum der rechtsrheinische Nachbar bezogen auf Covid-19 derzeit so viel besser dasteht:

Struktur-Unterschiede
Obwohl Nachbarn, unterscheiden sich Frankreich und Deutschland fundamental in der Art, wie beide Länder regiert werden. Das schlägt sich auch im Krisen-Management nieder.
Im zentralistischen Frankreich wird „von oben“ regiert, von einem zentralen Punkt aus: Paris. Dort werden Entscheidungen getroffen ohne vorherige Diskussion in den Regionen.
Im föderalistischen Deutschland mit seinen 16 Bundesländern obliegen Entscheidungen in vielen Bereichen den Ländern – darunter der Gesundheitssektor. Die Länder verwalten dazu ihr eigenes Budget, das entsprechend Länder-Finanzausgleich möglichst gerecht auf die strukturell sehr unterschiedlichen Bundesländer verteilt ist. Auch während der Coronakrise entscheiden die Länder selbst über den Grad der Ausgangsbeschränkungen, woraus sich Unterschiede ergeben: In den anfangs besonders betroffenen südlichen Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Saarland gelten strengere Regeln als anderswo. In den überdies reichen Bundesländern im Süden ist das Gesundheitswesen auf einem besonders hohen Stand.

Verschiedene Wahl-Systeme
Während die Autorin jenes in Frankreich mit dem amerikanischen Modell des „The Winner takes it all“ vergleicht, führe das deutsche Verhältniswahlrecht dazu, dass in der Regel mehrere Koalitionspartner später zu gemeinsamen Entscheidungen und Kompromissen finden müssen.

Unterschiedliche Lebensweisen
Während sich in Frankreich ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in und um Paris ballt, verteilen sich die Menschen in Deutschland auf mehrere und gleichzeitig weniger große Großstädte. Zum Vergleich: Die Fläche Berlins sei 9-mal so groß wie die von Paris und viel grüner, wobei in Paris doppelt so viele Menschen leben.
Gleichzeitig ist der Urbanisierungsgrad in Deutschland höher, was zu weniger „medizinischen Wüsten“ führe.
Überdies würden junge Menschen in Deutschland früher von zuhause ausziehen als in südeuropäischen Staaten – auch ein Grund, warum das Virus dort möglicherweise weniger schnell auf ältere Menschen übergreifen konnte.
Und la bise, Küsschen zur Begrüßung, ist in Deutschland ebenfalls eine Ausnahme, in Frankreich dagegen (bis vor kurzem) an der Tagesordnung.

Gesundheitssystem
Um die jeweilige Art des aktuellen Krisen-Managements zu verstehen, müsse man beide Gesundheitssysteme miteinander vergleichen. Auf den Punkt gebracht: Während Frankreich „reaktiv“ agiere, sei in Deutschland „präventiv“ gehandelt worden. Improvisation gegenüber Rationalität.
Die frühen Fälle in Bayern etwa haben früh dafür gesorgt, dass Test-Kapazitäten geschaffen wurden. Entsprechend hat Deutschland hat von Beginn an deutlich mehr getestet, Infektionsherde ausgemacht und Quarantänen ausgesprochen. Ein dichteres Netz an Laboren hat die Sache vereinfacht. Währenddessen fehlten in Frankreich ausreichende Mengen an Testkits. Masken sowieso.
Signifikant ist auch ein Vergleich der Anzahl der Intensivbetten in beiden Ländern. In Deutschland waren es vor der Krise 28.000 (20.000 mit Beatmungsgerät), bis Anfang April erhöht auf 40.000 (30.000). In Frankreich waren es zu Beginn der Krise 7000 Betten.
Deutschland, so schreibt die Autorin weiter, steckt europaweit am meisten Geld pro Kopf in sein Gesundheitssystem. Pro 1000 Bürger gebe es dort 4,3 Ärzte – in Frankreich 3,4. Andererseits sei die Krankenversicherung in Deutschland teurer und überdies ungerechter durch die Unterscheidung zwischen privater und gesetzlicher Versicherung.
Mehr als 90 Milliarden Euro würden in Deutschland jährlich in die medizinische Forschung gesteckt, 50 Milliarden im Hexagon.
Trotz allem, unterstreicht Celia Maury, befänden sich unter den aktuellen Umständen beide Systeme am Limit.

Krisen-Management
An dieser Stelle beschreibt die Autorin das hierarchischer aufgebaute französische System verglichen mit den flacheren Hierarchien in den nordischen Ländern inklusive Deutschland.
Auch die Art der Kommunikation gegenüber der Bevölkerung unterscheide sich in beiden Ländern: Auch hier beobachte sie ein „von oben herab“ seitens Macrons, während Merkel sich auf Augenhöhe ihrer Mitmenschen begebe – und selbstverständlich eine weniger martialische Ausdrucksweise bemühe. Die Medien ihrerseits unterscheiden sich eklatant: eine reißerischere, emotionsgeladenere Berichterstattung in Frankreich stehe einer nüchterneren, neutraleren in Deutschland gegenüber.

Kein Anspruch auf Vollständigkeit
Abschließend erneut die Anmerkung der Autorin, dass sie keinen Anspruch darauf erhebe, eine vollständige Antwort zu liefern auf die eingangs gestellte Frage – zumal in einer Situation, die sich ständig weiterentwickelt. Aber Denkanstöße allemal.

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