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Wolf Wondratschek: Autor von "Saint-Tropez" wird 75

KULTUR

Wolf Wondratschek, dessen Erzählband "Saint-Tropez" (Carl Hanser Verlag) seinerzeit von der Kritik viel beachtet, aber mehrheitlich verrissen wurde, ist soeben 75 geworden.

Der künftige Rowohlt-Verleger Florian Illies schrieb irritiert: "Klassische Figuren wie die mysteriöse Schönheit und der alte Mann, antiquierte Lebensräume und Geisteshaltungen (fast alle Erzähler sind konservative, schon leicht angetrocknete Bildungsbürger), zeitlose Motive und Handlungsmuster: ‚St. Tropez‘ hätte auch schon vor fünfzig Jahren geschrieben werden können. Unaufgeregte, ein wenig behäbige alte-Leute-Prosa, in ihren besten Momenten von klassischer Eleganz. Nur leider durchsetzt von pappsüßen, selbstzweckhaften, viel zu reichhaltigen Edellangweiler-Stellen. Das Äquivalent zu Mozartkugeln, die ein ältlicher Onkel zum Tee reicht, nachdem sie schon einige Jahre im Schrank vor sich hingammelten."

Aus Anlass von Wondratscheks Geburtstag hat Ullstein erst im August eine Neuausgabe seiner gesammelten Gedichte in 13 Bänden veröffentlicht – dazu seinen neuen Roman "Selbstbild mit russischem Klavier". Wondratschek war in diesem Jahr von dtv zu Ullstein gewechselt.

Die Ullstein Buchverlage hatten zugesichert, das gesamte, bislang bei dtv erschienene Werk des Autors zu verlegen. Nach dem großen Auftakt soll es im Frühjahr 2019 mit der Backlist und mit Wondratscheks neuem Titel "Erde und Papier" weitergehen.

Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Von 1964 bis 1965 war er Redakteur der Literaturzeitschrift "Text und Kritik".

Seit 1967 lebt er als freier Schriftsteller in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick; Ende der Achtzigerjahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Aufsehen erregte Wondratschek, als er 2014 seinen Roman "Selbstbildnis mit Ratte" exklusiv für den Wiener Investor Helmut Meier schrieb.

Neben München ist seit Mitte der 1990er-Jahre Wien sein zweiter Wohnsitz: "In Wien, wo im nahen Böhmen meine Vorfahren zuhause waren, lebe ich unter wechselnden Adressen und ohne jede Geselligkeit mit 'Notaren und Sachverwaltern', bis heute, vorerst."

Zitat Wolf Wondratschek: "Es ist seltsam, wie viel wir erfinden müssen, um das Leben zu verstehen, denn was wäre die Realität ohne die Einsicht ihrer Erfindung, was für einen Wert hätte die Wahrheit ohne den Komfort des Humors und welche Wahrheit die Liebe ohne das Schicksal jener, die leiden?"

R. Liffers