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Zoom auf Bandol: Ausgelassenes Weinfest am 1. Dezember

GOURMET

Während sich andere Küstenorte im Winter vom Tourismus erholen, feiert das Hafenstädtchen zwischen Toulon und Marseille jedes Jahr Anfang Dezember ein mehr als ausgelassenes Weinfest auf der von Palmen gesäumten Uferpromenade. (Wie die Redaktion erst im Nachhinein erfahren hat, ist das Fest dieses Jahr ausgefallen. Wir entschuldigen uns bei unseren Lesern!)

Die Asterix-Hefte fangen immer mit einer Landkarte Galliens an, auf der sich eine Lupe an ein kleines Dorf ranzoomt. Nur hier sei alles ganz anders als im restlichen Gallien, heißt es. Schieben wir die Lupe doch einfach ans Mittelmeer. Mit Ausnahme der größeren Städte wirken die Küstenorte vor allem im Var im Winter menschenleer. Die Sandstrände sind verlassen. Ganz selten sieht man in der Ferne mal einen Segler vorbeiziehen. Fast alle Strand-Restaurants sind geschlossen, Snack- und Eisbuden mit Brettern zugenagelt oder ganz abgebaut – kein Zweifel, hier wartet um diese Jahreszeit niemand groß auf Gäste.

Doch halt, was ist das? In Bandol, diesem seit alters her für seinen hervorragenden Wein berühmten Hafennest zwischen Toulon und Marseille, steppt ganz eindeutig der Bär!

Auf einem nur sehr schmalen Streifen zwischen dem Mittelmeer und den steil ansteigenden Bergen des Massif-de-la-Sainte-Baume drängen sich die Häuser des schmucken Städtchens an die Rundung einer großen Bucht. Vor lauter Masten sieht man fast den Hafen nicht! Bandol mit seinen nur gut 8000 Einwohnern hat einen der größten Yachthäfen Frankreichs. Angesteuert wurde er bereits von Griechen und Römern, die hier – in welchem Zustand auch immer – schon eifrig Wein verschifft haben, was zahlreiche antike Amphoren am Meeresgrund ausweisen.

Entlang der Uferpromenade reihen sich dicht an dicht unzählige Boutiquen, Bistros und Bars – überall tummelt sich auch bei nur wenigen Grad über Null ein munteres, kauflustiges und einkehrfreudiges Völkchen. Das sei normal für Bandol, sagt eine Einwohnerin, es sei hier immer so voll, besonders die Städter aus Marseille und aus Toulon würden am Wochenende gerne hierher kommen. Mit den gut getakteten Regionalzug-Verbindungen in beide Richtungen muss man ja auch bei ausgedehnteren Weinproben keine Sorgen haben.

Warum also nicht zu allem Überfluss auch noch ein Weinfest mitten im Winter? In diesem Jahr feiert man es bereits zum 39. Mal. Dazu muss man wissen, dass Bandols sonnenverwöhnte Terrassen hoch über dem Meer auch ein traditionell berühmtes Weinbaugebiet sind. Die Bewohner des Örtchens waren nicht wie die meisten früheren Küstenbewohner überwiegend Fischer, sondern seit alters her auch kundige Winzer.

Jeden ersten Sonntag im Dezember ist deshalb im Hafen von Bandol noch mehr los als sonst. In Reih’ und Glied schlagen die vornehmen Domaines und Châteaux der AOC Bandol direkt am Quai ihre Zelte auf und laden zum Budenzauber der besonderen Art. Jedes Weingut lässt sich ein anderes, möglichst ausgelassenes Thema einfallen, dem entsprechend man sein Zelt dekoriert und auch selbst in dazu passende, originelle Kostüme schlüpft. Alle haben sie ihre Barrique-Fässer aus den Kellern geholt und in den alten Hafen gerollt. Nicht etwa trinkbarer, verkäuflicher Wein befindet sich darin, sondern der neue, grade abgefüllte Jahrgang, der – völlig im Gegensatz etwa zum Beaujolais Primeur – eigentlich noch gänzlich ungenießbar ist.

Trotzdem zieht man in den einzelnen Zelten mit langen Pipetten tiefblauroten Saft aus den Fässern und lässt ihn den neugierigen Besuchern ins Glas. Es wird mit gespannten Mienen geschlürft, gekaut, ausgespuckt – und es wird prophezeit. Denn das ist Sinn und Zweck dieses Festes: Weinkenner sollen voraussagen, welcher Wein wie werden wird, und vor allem, welcher Wein besonders lange lagerfähig sein wird, denn das ist typisch für einen guten Bandol.

Der Wein aus Bandol ist etwas ganz Besonderes – die Rosé- und die Rotweine unterscheiden sich signifikant von allen anderen der Côte d’Azur und der Provence. Zwischen Rhônetal und italienischer Grenze hört man von den Winzern gern, man mische den Cuvées auch etwas Mourvèdre bei. Nur zu einem kleinen Prozentsatz, damit der Wein Struktur bekomme. Ganz anders in Bandol. Hier setzt man ganz und gar auf diese aus Spanien stammende, charaktervolle und als schwierig geltende Rebsorte. Die Beeren der Traube sind klein, fast schwarz und schmecken ziemlich bitter. Mindestens 50 Prozent Mourvèdre müssen die Rotweine aus Bandol enthalten, die Rosés immerhin 20 Prozent, was für ganz Frankreich völlig außergewöhnlich ist. Gelesen wird ausschließlich von Hand, was allein schon eine Qualitätsgarantie ist. Die Rotweine müssen mindestens achtzehn Monate im Eichenfass reifen. Heraus kommen Tropfen von ungeheurer Schwere, prallvoll mit Tanninen, Temperament und Charakter.

Draußen auf dem Boulevard rollt ein Wagen mit einer Wahrsagerin durch das Fest – sie schaut tief in ihre Glaskugel. Viele Gaukler sind unterwegs, eine bedrohlich lange Heuschrecke stelzt herum, eine Akrobatin turnt in einem Reifengestell, schräge Töne der Jahrmarkt-Musikanten machen Stimmung, auch wenn der Himmel grau ist. Die Besucher des Festes fangen mitten am Nachmittag an zu tanzen und ziehen mit ihrem persönlichen Glas weiter von Zelt zu Zelt.

Gudrun Mangold

Fête du Millésime in Bandol
- Sonntag, 1. Dezember
- bequeme Anreise mit den Regionalzügen
- die in den Hafen gerollten Fässer des neuen Jahrgangs werden morgens um 10 geöffnet und um 16.30 Uhr wieder verschlossen
- für 5 Euro kauft man sich an einem der Stände ein Weinglas und kann es sich dann rundum gratis so oft füllen lassen, wie man will